Herzrhythmusstörungen mit Wearables erkennen und neue Abalationsverfahren
Shownotes
Puls-Messung ist eine niedrigschwellige, kostenlose Methode, die Herzrhythmusstörungen identifizieren kann und die jeder und jede nutzen kann. Der Pulse Day, organisiert von der Deutschen Herzstiftung und fachlich betreut von Rhythmolog:innen, schafft Awareness, um Herzrhythmusstörungen sichtbar zu machen, umfassend aufzuklären und viele Menschen zum regelmäßigen Selbstmessen zu motivieren. In dieser Spezialfolge spricht Dr. Laura Weisenburger, Ärztin und Redakteurin bei der Apotheken Umschau, mit der Elektrophysiologin Dr. Melanie Gunawardene, darüber ob Wearables Fluch oder Segen sind. Außerdem teilt die Kardiologin ihre Erfahrungen mit neuen Therapieoptionen bei Herzrhythmusstörungen, zum Beispiel der Pulsed-Field-Ablation.
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Autor:innen: Emeli Glaser, Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Felix Kunz, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;
Redaktion: Sebastian Brodkorb, Kareen Seidler, Sofia Zharinova;
Chefredakteur: Peter Glück;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler
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Transkript anzeigen
00:00:00: DR. LAURA WEISENBURGER: Ein Mensch von dreien. Auf welche Erkrankung oder welches Problem trifft dieses Verhältnis zu? Hättet ihr es gewusst? Es geht um Herzrhythmusstörungen, sprich also ja alles, was im größeren Sinne mit einem regelmäßigen Herzrhythmus zu tun hat, das hat mich schon erstaunt, dass das doch so viele sind. Also eine Person aus dreien hat so ein Problem. Und weil das gar nicht so bekannt ist, deshalb gibt es seit einigen Jahren den Pulse Day und der ist auch am kommenden Sonntag. Und dazu haben wir für euch, weil es so ein wichtiges Thema ist, was immer vielleicht auch so ein bisschen hinten runterfällt, eine extra Spezialfolge aufgenommen. SPRECHER: ’ne Dosis Wissen – der Podcast für Health Professionals. DR. LAURA WEISENBURGER: Und dazu begrüße ich euch. Ich sag guten Morgen. Schön, dass ihr dabei seid bei dieser ’ne Dosis Wissen Spezial Folge. Ihr hört den täglichen Podcast für das Gesundheitswesen und uns gibt's jeden werktags ab 6 in der Früh. Und normalerweise haben wir nur Folgen, die so um die 10 Minuten lang sind. Heute aber eben eine Spezialfolge mit einer Gästin natürlich. Ihr werdet sie gleich selbst hören. Mein Name ist Laura Weisenburger. Ich bin Ärztin und Redakteurin bei der Apotheken Umschau und ihr hört die Folge am 27. Februar. Aufgezeichnet haben wir das Gespräch am 10. Februar. Und jetzt fehlt nur noch, ihr es schon, eure sehr große Tasse Kaffee oder vielleicht ein entspanntes Frühstück, wenn ihr die Folge am Wochenende hört, das ist ja jetzt demnächst und keine Dienstverpflichtung habt. Dann lehnt euch zurück und viel Spaß bei unserem Spezial zum Pulse Day. SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro. DR. LAURA WEISENBURGER: Und für diesen besonderen Anlass haben wir uns heute eine Gästin eingeladen, und zwar Dr. Melanie Gunawardene. Sie ist Kardiologin am kardioangologischen Zentrum in Frankfurt und Main-Taunus in Frankfurt am Main. Aber, und wir haben uns vorher aufs du geeinigt, das nur so viel vorweg zu dieser Folge, deshalb werden wir uns im Gespräch duzen. Melanie, du forschst sehr viel zu Ablation. Könntest du da dich ganz kurz, ganz knapp, wir kommen da später noch drauf zu sprechen, dich und dein Forschungsgebiet kurz mal erläutern? Weil das kannst du mit Sicherheit besser als ich. DR. MELANIE GUNAWARDENE: Ja, vielen Dank erst mal Laura, dass ich heute hier sein darf. Und genau, ich bin Elektrophysiologin, das heißt, das ist ein gewisser Schwerpunkt in der Kardiologie, wo wir uns auf Herzrhythmusstörungen spezialisieren. Und mein Forschungsschwerpunkt ist die klinische Elektrophysiologie, also rund ums Thema Herzrhythmusstörung. Und da befasse ich mich vorwiegend mit sogenannten Ablationstechnologien und rund um das Thema Vorhofflimmern. Eine Ablation ist eine Behandlung, die wir am Herzen minimalinvasiv durchführen können, um den richtigen Rhythmus, den Sinusrhythmus wiederherzustellen. Und das machen wir in der Regel, indem wir mit Kathetern über die Leiste ins Herz gehen und dann dort die Stellen aufsuchen, die die Herzrhythmusstörung auslösen und spezifisch dann dort behandeln. DR. LAURA WEISENBURGER: Also diffiziles Thema, wie ich gerade schon sagte, da kommen wir auch auf jeden Fall noch mal hin. Wir starten jetzt aber erst mal ganz niedrigschwellig, weil ich, ich habe zwar Physiologie Tutorin gemacht und ich kann mich da so entfernt dran erinnern, Elektrophysiologie des Herzens, Aber jetzt starten wir erst mal weiter unten ein. Es kommt jetzt quasi in den nächsten Tagen der Pulse Day und das ist natürlich eigentlich mehr für die Laien gedacht. Aber nichtsdestotrotz Puls begegnet uns ja im Gesundheitswesen, allen, die in der Klinik arbeiten, in der Praxis immer, immer wieder. Wir wissen alle, wie es geht. Ja, wie messe ich das? Warum braucht es dann trotzdem so was wie die Initiative vom Pulse Day? DR. MELANIE GUNAWARDENE: Ja, vielen Dank für die sehr gute Frage. Es ist nämlich so, dass, wenn man sich anschaut, gibt es ja mittlerweile für fast alles einen Tag. Es gibt sogar einen Tag, an dem man sich an seine Passwörter erinnern sollte und all das. Aber es gibt keinen spezialisierten Tag im Jahr, der sich um das Thema Herzrhythmusstörung kümmert. Und wir wissen eben, dass ab dem 55. Lebensjahr ein Lebenszeitrisiko von über 30 Prozent besteht, dass man Vorhofflimmern in Europa bekommen kann. Und das heißt, einer von drei bekommt eine Herzrhythmusstörung, deswegen erster, dritter Pulse Day. Und was leider der Fall ist, ist, dass es viel Missverständnisse um das Thema Herzrhythmusstörung geht. Erstmal, was ist überhaupt der Puls? Da fangen wir an und deswegen Pulse Day. Es ist aber auch so, dass viele Menschen das gar nicht wissen, a, dass es so häufig ist und b, wie sich das überhaupt bemerkbar macht, oder macht es sich überhaupt bemerkbar? Häufig werden Herzrhythmusstörungen mit einem Herzinfarkt zum Beispiel verwechselt und wir wollen da einfach Klarheit schaffen. Wir wollen die Bevölkerung besser aufklären, insbesondere jetzt auch mit den ganzen Wearables. Jeder hat einen Fitnesstracker, jeder misst seinen Puls, beobachtet den beim Sport, vielleicht bei der nächsten Vorbereitung von Lauf, Marathon, wie auch immer. Aber viele Menschen wissen ja gar nicht, was sie da bei sich messen. Und ich glaube, das sehen wir als unsere Aufgabe an und deswegen machen wir das gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung und auch den Kardiologischen Gesellschaften, dass wir hier eben mehr Aufklärung schaffen wollen. DR. LAURA WEISENBURGER: Jetzt hast du es gerade schon angesprochen, quasi jede Person. Ich trag auch jetzt gerade hier so ein kleines Fitnesstracker Armband, aber es gibt Ringe, glaube ich. Es gibt genau richtige große Smart Watches, die das alles messen. Da sind teilweise richtige Einkanal-EKGs mit eingebaut. Ist das Fluch oder Segen für euch als Spezialistinnen und Spezialisten, dass jetzt auch jeder und jede quasi sagt, kommt und sagen kann hier gucken Sie mal, Frau Doktor, da ist das, das hat mir was gezeigt. Also ist das wirklich gut, dass wir das rund um die Uhr machen? DR. MELANIE GUNAWARDENE: Das ist ein sehr guter Punkt und ich glaube, Du hast es schon ganz gut angesprochen, dass es so ein bisschen beides ist. Ich sehe es trotzdem eher als Segen als als Fluch. Diese Wearables können extrem gut EKGs aufzeichnen. Und wenn wir die als Ärzte oder Kardiologen beurteilen, dann ist die Qualität des EKGs sehr gut. Das heißt aber nicht, dass immer der Algorithmus, der sich dahinter verbirgt und der dem User sozusagen eine Antwort gibt, immer ganz akkurat ist. Deswegen lohnt es sich EKG, wenn dann da ein Warnhinweis darauffolgt, das einmal sozusagen jemandem zu zeigen, der es interpretieren kann. Und dann ist es natürlich total klasse, weil wir können entweder etwas diagnostizieren und unseren Patienten helfen oder auch Entwarnung geben. Ich glaube aber, auch deswegen ist es so wichtig, dass eben bewusst ist, dass man auch Entwarnung geben kann und deswegen keine Ängste zu schüren und zu sagen, okay, wir können uns das auch angucken, super, das sieht jetzt alles gut aus, kein Grund zur Sorge. Und auch da wieder Thema Aufklärung. Man muss halt eben auch wissen, dass auch Fehlmessungen oder Artefakte entstehen können. Nichtsdestotrotz sind diese ganzen Devices sehr, sehr gut darin, Herzrhythmusstörungen zu diagnostizieren. Gibt es auch Studien zu, die zeigen, dass die das sehr akkurat machen können, aber eben auch nicht immer fehlerfrei. Und deswegen, glaube ich, haben wir auch immer noch eine Aufgabe in diesem ganzen Gebiet. DR. LAURA WEISENBURGER: Und würdest du es den Kolleginnen und Kollegen, die jetzt nicht in so in einer spezialisierten Abteilung wie deiner arbeiten, sondern mehr quasi so Hausarztpraxis Allgemeinmediziner: innen, würdest du denen sagen, ja, das kann man auch mal empfehlen? Also könnt ihr ruhig sagen, wenn da jemand quasi so ein Kandidat ist für Herzrhythmusstörungen oder sowieso überlegt, ja, kaufe ich mir so ein Ding? Die Teile sind durchaus teuer und sie werden nicht von den Kassen übernommen, soweit ich das weiß in den meisten Fällen, glaube ich. Aber genau, was ist da so dein Rat für quasi diese standardmäßige Therapie in der Praxis? DR. MELANIE GUNAWARDENE: Ich glaube, mal ganz praktisches Beispiel: also es kommt ein Patient, eine Patientin in die Praxis und berichtet über Herzstolpern oder eben Rhythmusstörungen. Diese treten aber nur ganz selten auf oder einmal im Monat oder sind dann irgendwie mitten in der Nacht. Und dann ist es natürlich so, dass es schwer ist, das zu korrelieren. Wir können aber unseren keine Diagnose sagen, solange wir nicht eine klare Symptom Rhythmus Korrelation erstellt haben. Es ist dann so, dass, wenn man natürlich ein Langzeit-EKG verordnet, das wahrscheinlich gar nicht auftreten wird innerhalb dieser 24 Stunden, weil die Episoden kommen ja zum Beispiel nur einmal im Monat. Also ist das nicht wirklich hilfreich für unseren Patienten, jemanden 7 Tage lang EKG umzukleben und dann kann derjenige nicht duschen, ist ja auch vielleicht nicht so praktikabel. Und wer hat das schon? Welche Verfügbarkeit besteht da? Von daher finde ich schon, dass man sagen kann, wenn jemand sehr belastet ist unter diesen Rhythmusstörungen und man Klarheit schaffen will, dass es diese Möglichkeit gibt, eben mit einem Wearable das zu detektieren. Ich glaube aber, man muss auch ehrlich sagen, dass es kein Zwang ist für denjenigen und dass es halt auch mit Kosten verbunden ist, die leider nicht übernommen werden. Da muss man schon auch ehrlich sein. Deswegen würde ich das auch nicht einfach jedem sozusagen empfehlen, weil dadurch natürlich auch ein Druck entsteht. Aber das kann man ja auch genau aufklären. Man kann ja auch einmal ein Langzeit-EKG machen, vielleicht findet man es dann zufällig, aber meine Erfahrung ist, dass man es damit nicht aufzeichnet. Wir sehen viele Patienten, das hat sich geändert früher. Früher sind viele Jahre lang sozusagen rumgelaufen, ohne eine Diagnose zu haben. Mittlerweile kommen sehr, sehr viele Patienten zur Katheterablation mit in Wearable detektierten EKGs, sodass wir da auch wirklich gut helfen können und das als sehr wertvolle Quelle eben für die Diagnose sehen. DR. LAURA WEISENBURGER: Das finde ich ja total spannend. Also ihr seht wirklich, es hat sich etwas geändert, seitdem, ich sage jetzt mal flächendeckend oder sagen wir mal, ja, für die breitere Masse. Nicht alle können sich so eine Smartwatch leisten. Aber sobald das verfügbar war, ist das bei euch letztendlich angekommen im Katheterlabor. DR. MELANIE GUNAWARDENE: Absolut. Zum Beispiel ein ganz schönes Beispiel, kardiologischer Kollege von mir selber, Kardiologe, Ausdauersportler, hat mit seinem Wearable festgestellt, dass seine Herzfrequenz beim Sport nicht mehr bei seinen 170 bis 180 lag, sondern plötzlich immer auf 230 angestiegen ist. Und dann konnte er halt seinen Sport nicht mehr weitermachen. Das ist immer wieder passiert, immer häufiger. Er konnte das detektieren im EKG. Wir konnten eine Katheterablation bei 1 AV Knoten Reentry Tachykardie durchführen. Erfolgsraten liegen da über 90 Prozent bei gutem Sicherheitsprofil und nach 10 Tagen saß er wieder auf seinem Fahrrad und hat seitdem die Rhythmusstörung nicht mehr gehabt. Also selbst aus meinem privaten Umfeld sozusagen kann ich solche Geschichten berichten und das ist natürlich total großartig, dass wir dafür diese Devices haben. DR. LAURA WEISENBURGER: Die fischt man richtig raus. Die wären sonst, also der hätte wahrscheinlich beim Sport gedacht, boah, ich bin heute aber nicht ganz so fit, wenn ich nicht so eine Dauerüberwachung beim Sport habe und den Puls die ganze Zeit sehe. Die Uhr gibt ja dann auch irgendwann Alarm, ne? Moment mal, über 200, das ist ein bisschen too much. Aber der, das, sowas ist früher so ein bisschen durch das Raster gefallen. DR. MELANIE GUNAWARDENE: Genau, weil man ja keine Möglichkeit hatte, es zu dokumentieren. Das sehen wir ja häufig. Wir wissen ja, Herzrhythmusstörungen sind häufig auch so mit Angst und Depression verbunden. Da gibt's auch gute Daten für. Und ich glaube, dass das auch wirklich wichtig ist, dass man seinem Patienten eine Diagnose geben kann, weil man dann natürlich auch damit arbeiten kann. Wir haben viele auch Patienten, die vielleicht erst mal durch die Psychosomatik wandern, weil eben lange nichts diagnostiziert werden konnte. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Patienten mit psychosomatischen Problemen, in denen wir dann aber auch Entwarnung geben können und können sagen, hier ganz klar, keine kardiologische Baustelle. Und was man auch sagen muss, gerade beim Thema Vorhofflimmern wissen wir halt auch, dass wir damit besser Vorhofflimmern detektieren können. Und das kann ja dann auch eine Konsequenz für den Patienten haben, weil derjenige dann vielleicht einen Blutverdünner braucht. Wir wissen auch, dass wenn wir eine Katheterablation durchgeführt haben und dann die Patienten mit diesen Wearables monitoren, zum Beispiel weil jemand sowas hat, dass wir danach auch klar sagen können: okay, super, die Rhythmusstörung ist jetzt erfolgreich behandelt und nicht mehr aufgetreten. Es gibt also eine ganze Bandbreite, in der wir das einsetzen können in der Kardiologie, diese Wearables. DR. LAURA WEISENBURGER: Jetzt haben wir den einen Aspekt quasi besprochen, der davor kommt, nämlich Diagnostik. Ich muss es erst mal erwischen. Da hat sich also ganz, ganz viel getan. Da müssen wir mal gucken, was da noch so alles kommt, was sie in Zukunft vielleicht in 10, 20 Jahren können, von denen wir es uns noch nicht so ganz vorstellen können. Aber du hattest jetzt auch schon gesagt, du forschst bei der Ablation. Das ist ja dann die Therapie, wie ich habe die Rhythmusstörung detektiert und jetzt geht es darum, sie zu beheben. Da hat sich aber eine Menge getan. Unser Team hat netterweise mal so ein bisschen in den Leitlinien geschaut. Da hat sich gerade die Ablation durchgesetzt, muss man sagen. DR. MELANIE GUNAWARDENE: Absolut. Also letztlich, um das vielleicht noch mal kurz zu erklären für diejenigen, die auch nicht so tief im Thema drin sind, Bei der Ablation behandeln wir Herzrhythmusstörungen, die auftreten können. Das ist eine Vielzahl an Rhythmusstörungen von supraventrikulären Tachykardien wie AV-Knoten-Tachykardien oder zusätzlichen Leitungsbahnen hin über Vorhofflimmern oder auch eben bösartige Kammertachykardie bei Patienten mit Kardiomyopathien zum Beispiel oder auch Extrasystolen aus der Kammer, die auch bei herzgesunden Menschen auftreten können. Unser Hauptgeschäft und die Rhythmusstellung, die wir am meisten behandeln, ist das Vorhofflimmern, weil sie halt auch einfach am häufigsten ist. Und jetzt ist es so, dass man früher immer gesagt hat, man muss erst mal Medikamente nehmen, um das Vorhofflimmern sozusagen in den Sinusrhythmus zu überführen mit antiarrhythmischen Medikamenten. Man hat immer gesagt, das sind ja Tabletten, die sind sicherer als ein invasives Verfahren. Mittlerweile weiß man aber, dass die Antiarrhythmika nicht so sind wie die Katheterablation in der Etablierung eines langanhaltenden Sinusrhythmus, aber auch mit Nebenwirkungen einhergehen können. Zum Beispiel gerade bei älteren Menschen sehen wir, dass es eine gewisse Sturzneigung, Bewusstlosigkeiten oder auch eine erhöhte Rate an Herzschrittmacherimplantation mit der Einnahme von solchen antiarrhythmischen Medikamenten einhergeht. Mit der Katheterablation können wir außerdem besser Lebensqualität verbessern hinterher. Das heißt, es gibt klare Daten, dass wir die Vorhofflimmern Last besser reduzieren durch die Katheterablation, die Symptome besser behandeln und für gewisse Patientenkohorten auch prognostische Benefits sehen. Das ist der Grund, warum die Katheterablation nach vorne gerückt ist und eben bei symptomatischen Patienten mittlerweile auch als Erstlinientherapie gilt und man nicht mehr vorher irgendwelche Medikamente nehmen muss, die man dann nicht verträgt, um dann die Katheterablation zu bekommen. Durch die Weiterentwicklung der Technologien sozusagen ist die Katheterablation auch effizienter und sicherer geworden. Da haben wir seit 2021 auch die Möglichkeit, in Deutschland mit der sogenannten Pulse Field Ablation sozusagen zu arbeiten, die nicht mehr mit Thermik arbeitet, also nicht nur Hitze oder Kälte, sondern spezifische Felder auf das Herz abgibt und da so möglichst gewebsschonend eben das Herz behandelt, sodass wir hier große Fortschritte erzielen konnten in den letzten Jahren. DR. LAURA WEISENBURGER: Das heißt also, das ist auch dein Forschungsgebiet, wenn ich das richtig verstanden habe. Da tut sich gerade auch ganz viel. Könntest du da noch mal ein bisschen mehr drauf eingehen? Weil ich glaube, das ist genau das Schwierige, weil Herz Katheterablation, das ist mir auch schon mal untergekommen. Ja, das kann man machen, dass sich da so viel entwickelt hat, das ist mir nicht so bewusst in den letzten Jahren. Was wäre denn, also ich habe noch mal nachgeschaut, Radiofrequenz, da wird mit Hitze vor allen Dingen gearbeitet. Kryoablation erklärt sich von selber, das war die Kälte. Aber Pulse Field, was ist da der Vorteil? Also warum tut das den Zellen gut, dass ich sie nicht mehr mit Hitze oder mit Kälte bearbeite? DR. MELANIE GUNAWARDENE: Ja, genau. Also die Pulse Field Ablation, da ist es so, dass wir ein hochenergetisches elektrisches Feld ganz kurz auf die Kardiomyozyten, also das Zellmembran abgeben. Dadurch entstehen Poren und diese Poren führen dann dazu, dass wir einen Ablationseffekt haben, also die Zelle abstirbt sozusagen. Das nennt man Elektroporation. Das ist etwas, was auch in anderen Gebieten der Medizin eingesetzt wird. Jetzt ist es so, dass jedes Gewebe einen gewissen Nekrose Schwellenwert hat, also bei welcher Feldstärke kommt es sozusagen zu diesem Effekt. Und wir haben den Vorteil, dass das Herz eine sehr, sehr niedrige Schwelle hat. Das heißt, wir können mit sozusagen niedrigen Feldstärken arbeiten und Herzgewebe sozusagen ablatieren, ohne das umliegende Gewebe zu beschädigen. Und das ist eben so, dass ja um das Herz herumliegt, noch die Speiseröhre oder auch der Nerv, der das Zwerchfell innerviert, der Nervus phrenicus. Und die können sozusagen unbeschadet bleiben. Das heißt, bei Hitze oder Kälte kann es aufgrund der Wärmefortleitung oder Kältefortleitung über die Zeit der Ablationsenergieabgabe eben zur Schädigung dieser Kollateralen kommen. Man muss aber auch sagen, dass sozusagen die katheterassoziierten Komplikationen, also dass ich sozusagen eine Komplikation in der Leiste haben kann, eine oder eine Perikardtamponade, trotzdem mit allen Energieverfahren natürlich auftreten können, aber insgesamt sehr niedrig sind. Die aktuell randomisierten Daten, die es gibt, die diese thermische mit der nichtthermischen Ablation, also der PFA vergleichen, konnten bisher noch nicht zeigen, dass die PFA deutlich überlegen ist in allen Studien. Deswegen kommen immer noch alle Verfahren zum Einsatz, das muss man klar sagen. Aber wir denken schon, dass es die Technologie der Zukunft sein wird. Wir haben natürlich noch die Erstgenerationskatheter hier und alle müssen natürlich noch lernen, wie man damit die Prozeduren durchführt. Sie haben aber auch schon in Studien gesehen, dass es viel einfacher ist, diese Technologie zu lernen, dass sie sehr wahrscheinlich viel, viel untersucherunabhängiger ist, dadurch, dass man eben auch sehr schnell im Vergleich zu früher eben die Prozedur machen kann, was sicherlich für die Patienten auch von Vorteil ist. Kürzere Prozedurzeiten, kürzere Sedierungen, genau. DR. LAURA WEISENBURGER: Gibt es da auch Unterschiede? Ja, da hast du es gerade schon ein bisschen angedeutet eigentlich, welches Patientenklientel sich für die eine Methode mehr oder weniger eignet? Also gibt es irgendeine Kohorte, wo du sagst, ja, also bei denen würde ich eigentlich immer eher zur Pulse Field tendieren als Empfehlung? DR. MELANIE GUNAWARDENE: Das gibt es so als Empfehlung noch nicht. Das kann man nicht sagen. Das würde man dann individuell abwägen. Wie gesagt, die anderen Verfahren sind noch nicht ganz raus, weil die Effizienz ist immer noch gleich. Und man muss auch sagen, dass es auch mit der PFA sehr, sehr seltene andere Komplikationen geben kann, wie zum Beispiel das Auftreten von Koronarspasmen, also eine Einengung der Herzkranzgefäße, die in der Regel reversibel sind, aber trotzdem auftreten kann. Es ist so, je nachdem, und das ist jetzt sehr detailliert sozusagen, wenn man in die Prozedur einsteigt. Es gibt halt Verfahren, mit denen kann ich nur die Lungenvenen isolieren, weil das sehr große anatomisch basierte Katheter Designs sind. Wenn ich jetzt aber auch einen Patienten habe, der noch zusätzlich andere Herzrhythmusstörungen hat, die es zu behandeln gibt, das gibt es auch manchmal, dann kann es sein, dass wir das nicht empfehlen und dann eben auf die Thermik zurückgreifen. Das würde man dann immer individuell auch mit dem Patienten besprechen. Wenn ich natürlich, und das ist jetzt nur so ein Beispiel, jemand hätte, der Opernsänger wäre, dann würde ich natürlich alles tun wollen, um zu vermeiden, dass dort eine Zwerchfelllähmung auftritt. Das sind dann aber wirklich solche individuellen Entscheidungen. Wie gesagt, alle Verfahren aktuell noch ebenbürtig. Wir denken aber PFA ist eine Technologie der Zukunft und das wird sich jetzt in den nächsten Jahren sicherlich entwickeln und herauskristallisieren. DR. LAURA WEISENBURGER: Ja, super spannend, weil wenn ich eins in den anderen Folgen gelernt habe, wir haben ja extrem breites Feld und da ist eigentlich die individualisierte Therapie, dazu geht es ja immer mehr, egal ob man sich jetzt eine Krebstherapie anschaut oder Operationsverfahren, welches am besten passt. Es wird ja zum Glück immer mehr darauf geachtet, was passt denn zu dem Menschen, der da vor mir hoffentlich noch sitzt oder dann irgendwann im Katheterlabor liegt? Wie kann ich dem persönlich am besten helfen? Und das ist natürlich schön, wenn wir da immer mehr Verfahren zur Verfügung haben. DR. MELANIE GUNAWARDENE: Ja, und das ist extrem wichtig, weil wir auch in der Elektrophysiologie sozusagen verstehen wollen, wo sitzen die Quellen noch von Vorhofflimmern. Also, es gibt Bestrebungen mit künstlicher Intelligenz, sozusagen und hochauflösenden Mapping Verfahren zu verstehen, wo kommt das im Vorhof her? Da laufen auch viele Studien. Und zum Thema individualisierte Therapie, ich glaube, es ist auch ganz wichtig, weil wir ja sozusagen eine Bandbreite an Hörern hier haben, ist auch, dass die Lifestyle Modifikation extrem wichtig ist beim Vorhofflimmern. Ja, wir können mit der Katheterablation viel erreichen, aber sozusagen Gewichtsreduktion, sportliche Betätigung und Alkoholkarenz sind extrem wichtig, um auch langanhaltenden Sinusrhythmus zu erhalten. DR. LAURA WEISENBURGER: Also auch eine allumfassende Therapie. Auch dazu geht es ja immer mehr, dass man eben sagt, okay, wir therapieren nicht hier eine kleine Geschichte in unserem Katheterlabor, sondern bitte zusammenarbeiten. Und wenn ich verschiedene Aspekte in meinem Leben angleiche, dann habe ich deutlich bessere Outcomes. Da kommen wir doch zu einem sehr schönen Schlusspunkt. Mich freut, dass wir, dass du uns da so Einblick geben konntest in die super spezifische neue Therapie von Pulse Field Ablation, aber dass wir da auch so was ganz Grundlegendes, was glaube ich alle in ihren Praxen inzwischen sehen oder in Sprechstunden, in Kliniken, in Ambulanzen, wenn da jemand sagt Mensch, irgendwie stolpert so, ich habe hier aber so ein Ding am Arm oder am Finger. Das müssen wir uns mal anschauen, dass du sagst, ja, das kann man sich auf jeden Fall anschauen. Das hilft uns. War ein superspannendes Gespräch. Vielen, vielen Dank fürs Zeitnehmen, fürs Erklären. Schön, dass du da warst. DR. MELANIE GUNAWARDENE: Danke auch. DR. LAURA WEISENBURGER: Das war unsere Spezialfolge zu Herzrhythmusstörungen mit Dr. Melanie Gunawardene. Und wenn euch jetzt das Thema noch mehr interessiert oder wenn ihr auch vielleicht sagt, na ja, ich hatte da ja neulich in der Praxis, in der Ambulanz so einen Fall. Wo finde ich denn noch mehr Informationen dazu? Vielleicht finde ich auch irgendwas, was ein bisschen niedrigschwelliger, gut verständlich informiert. Dann haben wir da natürlich was für euch. Und zwar gibt es in der aktuellen Ausgabe, die ihr in den Apotheken bekommt, in der Apotheken Umschau natürlich auch Interviews, weiterführende Artikel, wo das noch mal ein bisschen Laien verständlicher auch erklärt wird. Wenn ihr da Interesse habt, dann einfach in der Apotheke eures Vertrauens nachfragen oder in ein paar Tagen erscheint das auch alles online unter apotheken-umschau.de SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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