Reform der psychiatrischen Notfallversorgung?

Shownotes

Die Notaufnahmen sind überfüllt. Ein nicht unerheblicher Anteil der hilfesuchenden Menschen kommt mit psychiatrischen Beschwerden. Deshalb schalten sich nun Verbände aus Psychiatrie und Psychotherapie ein, um die geplante Reform der Notfallversorgung mitzugestalten. Sie sehen zahlreiche Möglichkeiten, die Notaufnahmen zu entlasten, berichtet Dr. Laura Weisenburger, Ärztin und Redakteurin der Apotheken Umschau.

Für die Folge haben wir Informationen eingeholt bei: Prof. Dr. Katarina Stengler

Quellen und nützliche Links:


Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:

Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Autor:innen: Emeli Glaser, Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Felix Kunz, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;
Redaktion: Sebastian Brodkorb, Kareen Seidler;
Chefredakteur: Peter Glück;
Postproduktion: BEBE Medien GmbH

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Transkript anzeigen

00:00:03: [Hinweis: Das Transkript wurde automatisch erstellt] gesundheit-hören. Ich kann mich sehr lebhaft an eine Situation in der abendlichen Notaufnahme erinnern, wo ich eine relativ junge Patientin behandelt habe.

00:00:13: Wahrscheinlich, jetzt so nachhinein weiß ich das natürlich und damals war es mir auch schon einigermaßen klar, eine Borderleiterin mit Schnittverletzungen diese in Anführungsstrichen klassischen oberflächlichen sehr nah beieinander liegenden Schnitte.

00:00:29: Einmal waren sie Oberschenkel, einmal die Unterarme Und ich war einfach heilos überfordert.

00:00:34: Also natürlich nicht mit der körperlichen Versorgung, deswegen war sie ja in meiner Notaufnahme bei mir im Zimmer gelandet.

00:00:41: Ich hab mich um die Schnitte gekümmert ... Aber das hat natürlich überhaupt nicht ausgereicht!

00:00:45: Die war ja in einem Zustand, wo ich sie dann nicht alleine lassen konnte.

00:00:49: Wir hatten da keine Psychiatrie in dem Krankenhaus, gibt's auch nach wie vor nicht und ich wusste auch gar nicht, wie jetzt weitermachen und wo anrufen?

00:01:00: Was überhaupt?

00:01:01: Und ich hätte mich damals, das ist inzwischen muss man auch sagen wieder um die zehn Jahre oder so her extrem gefreut oder das begrüßt wenn ich einfach nur einen Anhaltspunkt gehabt hätte.

00:01:14: Was ist denn jetzt mein nächster Schritt?

00:01:16: Mit wem rede ich über diesen Fall, wie kann ich sie bestmöglich weiterversorgen außer entweder eine stationäre Aufnahme auf die chirurgische Station wo sie nicht wirklich was zu suchen hat oder verweist stellen Sie sich morgen halt vor.

00:01:31: Also das war für mich auch aus heutiger Sicht immer noch extrem unbefriedigend und wir hoffen mal dass das in Zukunft deutlich weniger vorkommt.

00:01:46: Ich wünsche euch nach diesem nicht ganz so schönen Erinnerungs-Einstieg trotzdem einen schönen guten Morgen und freue mich, dass ihr dabei seid.

00:01:52: Wieder bei Ne Dosis Wissen dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen.

00:01:57: uns hört Ihr jeden Werktag ab sechs Uhr in der Früh mit einem Thema in schnellen zehn Minuten hier vor Euch aufbereitet!

00:02:05: Mein Name ist Laura Weisenburger ich bin Ärztin und wissenschaftliche Redakteurin im Team der Apothekenumschau.

00:02:12: Ein Podcast von Gesundheit hören Und wir schauen uns heute an, wie das vielleicht besser klappen könnte mit der Versorgung von gerade psychiatrischen Notfällen.

00:02:28: in den Notaufnahmen oder eventuell doch woanders.

00:02:32: Dafür haben wir uns Rat geholt bei Katharina Stengler, sie Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Helios im Parkklinikum Leipzig und auch Vorstandsmitglied beim Verein Aktion psychisch kranke.

00:02:48: Und sie sagte uns, Menschen in Not benötigen zuweilen eher Krisenversorgungszentren im sozialen Raum.

00:02:53: Die nicht zwingend an Kliniken angebunden sind.

00:02:56: Oft sind Notaufnahmen eben nicht der indizierte Ort für Menschen die sich in dieser Not befinden und werden aber trotzdem von den Rettungsdiensten anvisiert und in ihren Augen muss sich das ändern.

00:03:08: Holt euch den ersten Kaffee des Tages.

00:03:10: ich kann meinen jetzt bestens gebrauchen und dann legen wir los!

00:03:19: Erst mal müssen wir uns natürlich anschauen, was ist denn überhaupt ein psychiatrischer Notfall?

00:03:24: Nicht immer ist es ja so körperlich wie ich das erlebt habe.

00:03:28: Sondern es sind dann vielleicht in Anführungsstrichen nur starke Erregungszustände aber auch Bewusstseinstörungen.

00:03:35: Die Liehe, Intoxikationen – auch davon habe ich im Laufe meiner Notaufnahmekarriere genügend gesehen – Psychosen und natürlich auch Suizidalität.

00:03:45: Und insgesamt haben wir definitiv hier steigende Fallzahlen, wie auch die Leitlinie zeigt.

00:03:51: Wenn man sich diese Zahlen genauer anschaut, machen wir das doch mal – dann sieht man!

00:03:55: Rund twenty-fünf Millionen Fälle werden jährlich notvermäßig behandelt von psychiatrischen Fällen.

00:04:04: Das sind Zahlen, die von zwei tausendneun bis zwei taussendneinzehn reichen.

00:04:07: Neun Kommandreimillionen kommen in eine Notaufnahme Werden da auch ambulant behandelt, sind in dem Sinne ein nicht-dringlicher Notfall.

00:04:16: Acht Komma Fünf Millionen werden im Notfall Praxen behandelt und sieben Komma Sieben Millionen werden dann als Notfälle auch stationär aufgenommen.

00:04:26: In allen Notaufnahmen – das zeigt die Leitlinie auch – stiegen die Fallzahlen, nämlich von zwölf bis zweitausendzwanzig an.

00:04:33: Und der Anteil von psychiatrisch ambulant behandelten Menschen steigt stetig an!

00:04:39: wenn man jetzt die Zahlen von hier sieht, von zwei Prozent auf drei.

00:04:45: Das ist nicht riesig viel aber es ist ein Anstieg.

00:04:48: Insgesamt machen psychiatrische Notfälle ungefähr so fünf bis zehn Prozent aller Notfelle in Deutschland aus.

00:04:54: das heißt also das ist ein Anteil der wird euch früher oder später begegnen da kommt ihr gar nicht drum rum.

00:05:01: Aber wir wissen auch, das braucht eine besondere Kompetenz in der Notaufnahme.

00:05:04: und wenn man sich da die Zahlen mal genauer anschaut.

00:05:07: Achtzig Prozent der Rettungs- und Notfallsanitäterinnen sagen ja nach ihrer Meinung haben die psychiatrischen Notfälle zugenommen aber weniger als fünfzig Prozent hat überhaupt schon meine Fortbildung zu diesem Thema bekommen!

00:05:20: Das heißt es so alleine da schon haben wir noch totale Diskrepanz.

00:05:23: Und ganz spannende Entwicklung, wenn man sich die nicht-dringlichen psychiatrischen Notfälle anschaut.

00:05:29: Die haben letztens besonders deutlich zugenommen?

00:05:32: Das sind nämlich vor allem die Cannabis bezogenen Störungen.

00:05:35: da hat sich die Fallzahl verdreifacht von zwanzig zwölf an zwanzich zweiundzwanzig also richtig viel.

00:05:42: und die Angststörung auch die haben deutlich zugenommen die haben sich nämlich vervierfacht.

00:05:48: Und unsere Expertin Katharina Stengler erläutert noch mal das Problem, was ich im Grunde genommen euch ja auch schon erklärt habe am Anfang.

00:05:55: Es wird häufig die Psychiatrie oder die Notaufnahme in der Klinik eingebunden – wo sie aber nicht unbedingt zuständig sind!

00:06:02: Die Rettungskräfte, auch die Polizei sind damit z.B.

00:06:05: überfordert, wenn sich ein Mensch darstellt, wenn sie einen jemanden finden, der äußerlich einen, sagen wir mal in einem Führungsstrichen sozial störende Eindruck macht also vielleicht ungewaschen ist nach Alkohol riecht kann da nicht klar sprechen, kann nicht wirklich Auskunft geben.

00:06:20: diese Person wird oft direkt in die Psychiatrie gebracht.

00:06:23: dabei muss er oder Sie gar nicht zwingend ein psychiatrisch behandlungsbedürftiger Mensch sein.

00:06:28: Also auch das haben wir natürlich ergänzig.

00:06:29: an der Stelle, habe ich auch häufig persönlich erlebt Menschen die da gar nicht sein wollen.

00:06:34: Die dann auch wirklich fragen was soll ich denn hier?

00:06:37: Und dann steht man aber dar und muss behandeln weil die Person wurde ja von der Polizei oder den Sanis gebracht.

00:06:43: So jetzt aber natürlich das eigentliche Thema wie können wir das irgendwie verbessern?

00:06:49: Auch ein bisschen entschärfen vielleicht?

00:06:51: Die Notfallversorgung in Deutschland soll gesetzlich reformiert werden Das ist klar!

00:06:55: Da gibt es einen Gesetzentwurf vom November, zwanzigfünfundzwanzig und da brauchen auch gerade die Psychiatrie- und Psychotherapieverbände auf die Berücksichtigung der Psychothematik.

00:07:07: Also die deutsche Psychotherapeutenvereinigung fordert zum Beispiel den Befugnis für Psychotherapeutinnen in Routineversorgung sowie auch im Notfall Patientinnen und Patienten überweisen zu können.

00:07:18: Die Aktion psychisch kranke Merkt an, notwendige Niedrigschwellige-Vierundzwanzig Sieben verfügbare Krisenhelfen sind weder flächendeckend etabliert.

00:07:29: Noch haben sie, wenn es die denn dann gibt Anschluss an das allgemeine Rettungs- und Notfallsystem in Deutschland.

00:07:36: Also letztendlich genau diese Situation, die ich beschrieben habe Ich wusste nicht wen jetzt fragen Wen anrufen wo rat holen.

00:07:43: Daraus ergeben sich von diesen ganzen Verbänden drei Forderungen.

00:07:47: Erstens ambulante, niedrig-schwellig zugängliche Krisenhilfen rund um die Uhr multiprofessionell auch aufsuchend tätig seient schaffen.

00:07:57: Dann zweitens Anschluss dieser Krisenhhilfe an den Rettungs- und Notfalldienst dann das System damit diejenigen, die da drin arbeiten, da auch rankommen können – und drittens natürlich auch psychiatrische Kompetenz in den Notfallzentren selbst!

00:08:12: Wie könnte das aussehen?

00:08:13: zum Beispiel niedrigschwellige Krisenhilfen?

00:08:15: Wir haben ja schon den sozialpsychiatrischen Dienst, der könnte sich ausbauen lassen.

00:08:19: Da gibt es schon Ressourcen die man nutzen kann.

00:08:21: Es gibt einen psychosozialen Krisendienst und psychiatrische Institutsambulanzen.

00:08:25: Das kann man nutzen.

00:08:26: Und unsere Expertin sagte Die sozialen Systeme.

00:08:28: Der öffentliche Raum ist gefordert besser primär außerhalb von Kliniken verorderte Hilfen anzubieten.

00:08:35: Menschen die notgeraten und dabei im öffentlichen raum auch störendes Verhalten zeigen Vielleicht auch Aggression und Gewaltpotenzial werden schnell diesen psychiatrischen, notärztlichen System zugeordnet.

00:08:46: Und wenn sie dann aber in die Klinik gebracht werden?

00:08:48: Obwohl Sie da gar nicht hingehören sind Sie de facto erst mal viel geleitet!

00:08:52: Das ist ein Fakt.

00:08:53: Und Sie bekommen nicht das was Sie eigentlich brauchen.

00:08:55: Nicht selten passiert es dann noch zusätzlich dass wenn Sie zurückgehalten werden dadurch noch aggressiver werden weil Sie ja eigentlich gar nicht im Krankenhaus sein wollen und vielleicht auch gar nicht müssen.

00:09:07: Das heißt da ergibt sich so'n kleiner Teufelskreis.

00:09:10: Sie erläutete auch, wie das mit dieser psychiatrischen Kompetenz in Notfallzentren aussehen kann.

00:09:15: Da beschrieb sie in unserer Psychiatrischen Klinik... Gibt es inzwischen eine sehr gute Kooperation mit dem Rettungs- und Notarztsystem?

00:09:21: Da brauchte es aber auch.

00:09:23: Hilfe von Checklifsten, Wahltabildungen, gemeinsame Fallbesprechung.

00:09:27: Aber die psychiatrische Abteilung befindet sich immer noch ein paar Hundert Meter von der somatischen Notvollaufnahme entfernt.

00:09:33: D.h.,

00:09:33: also der Diensthabende oder die Dienstarm der Ärztin muss entscheiden ob der Patient primär psychiatrisch oder primär somatisch versorgt werden muss.

00:09:42: Erst mal!

00:09:42: Und hier können Fehleranweisungen passieren z.B.

00:09:46: in der Suchtmedizin.

00:09:47: Da kommt also jemand, das war ein Beispiel von ihr.

00:09:49: Der ist intoxikiert durch Drogen, hat auch eine verwaschen Sprache und wird dann zunächst erst mal in die Psychiatrie gebracht?

00:09:57: Kann ja auch so um passieren!

00:09:59: Es kann aber im konkreten Fall auch eine zusätzliche körperliche notwendig relevante Beteiligung geben und die wäre ja zunächst abzuklären.

00:10:07: Das heißt auch da habe ich ein Problem was ich frühzeitig klären muss denn sonst frisst es Ressourcen und vor allen Dingen eben Zeit.

00:10:15: Letztendlich, sagte unsere Expertin und das ist auch so ein bisschen das Fazit.

00:10:19: Wir hoffen jetzt dass der Gesetzentwurf zur Reform der Notfallversorgung in Deutschland die Psychiatrie- und psychiatrischen Notfälle mitdenkt Und natürlich sind manche unserer dieser Forderungen eine Herausforderung.

00:10:31: aber wir sollten diese Wege ausprobieren denn wir haben die Möglichkeit dazu.

00:10:38: Das heißt ich kann euch jetzt zum Ende dieser Dosis wissen leider keine konkrete Lösung anbieten, wenn ihr wieder vor so einer Situation sitzt wie ich sie gerade am Anfang beschrieben habe.

00:10:49: Aber wir können hoffen dass es sich vielleicht in Zukunft doch ändert und wenn euch diese Dosiswissen gefallen hat dann lasst uns das doch gerne wissen indem Ihr kommentiert oder Sterne vergibt!

00:11:17: Das ist das Audioangebot der Apothekenumschau.

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