Bewegungsspezial: Kinder & (Schul)Sport
Shownotes
Bewegungshalbestunde oder Walking Bus auf dem Schulweg: Bewegung bei Kindern muss sich nicht auf den Schulsport beschränken. Wie können wir Kinder dazu bringen, sich mit Spaß zu bewegen und dann auch dranzubleiben, ganz ohne Scham und Ausgrenzung? Und was können Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, dazu beitragen? Das bespricht Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, mit Prof. Dr. Swantje Scharenberg. Sie leitet das Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen am Karlsruher Institut für Technologie.
Quellen und nützliche Links:
- Bewegungs-Halbestunde an Grundschulen
- Längsschnittstudie Motorikmodul
- Aktivdispens für den Schulsport
- BZgA. Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung
- Physical Literacy aus Sicht der Sportwissenschaft
- Artikel zum Thema Bewegung in der Apotheken Umschau
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“-Spezial:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Redaktion: Constanze Radnoti, Kareen Seidler;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
00:00:00: SPRECHER: gesundheit-hören DR. DENNIS BALLWIESER: Kinder sind immer in Bewegung, gerade wenn sie jung sind. In der Schule müssen sie dann auf einen Schlag stillsitzen, um sich dann nach Unterrichtsschema wieder zu bewegen, zu rennen, zu fangen, zu werfen im Sportunterricht. Das ist für manche ein großer Spaß und andere müssen sich da durchquälen. Die Frage ist, wie bekommen wir Kinder dazu, sich mit Spaß zu bewegen und dann auch dranzubleiben? Es geht heute um Kinder und Bewegung in der dritten Folge im Bewegungsmonat Mai. Guten Morgen und willkommen zu ’ne Dosis Wissen, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. ‘Ne Dosis Wissen gibt's normalerweise werktags ab 6 Uhr in der Früh in kompakten 10 Minuten, heute sind wir ein bisschen länger. Ich begrüße euch zur dritten Spezialfolge des Bewegungsmonats Mai, der Apotheken Umschau und allen anderen Magazinen aus dem Wort und Bild Verlag. Jeden Freitag im Mai hört ihr eine längere Gesprächsfolge zu einem Thema rund ums große Thema Bewegung. Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt und Teil der Chefredaktion der Apotheken Umschau. Heute ist Freitag, der 15. Mai 2026. SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro. DR. DENNIS BALLWIESER: Ich will über Kinder und Bewegung und das Thema Schulsport sprechen mit Swantje Scharenberg. Sie ist Leiterin des Forschungszentrums für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen am Karlsruher Institut für Technologie, dem KIT in Karlsruhe. Herzlich willkommen Swantje Scharenberg. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ich freue mich, hier zu sein. Vielen Dank für die Begrüßung, Herr Ballwieser. DR. DENNIS BALLWIESER: Frau Scharenberg, wir haben nicht jeden Tag mit einem Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen zu tun. Ich glaub, die meisten von uns machen sich gar keine Gedanken, wie viel Hirnschmalz da reinfließt, wie Kinder und Jugendliche sich quasi richtig bewegen können. Was machen Sie denn den lieben langen Tag? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Wir versuchen im Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen am KIT eben auf der einen Seite Forschung zu betreiben, auf der anderen Seite Wissenstransfer und Aus-, Fort- und Weiterbildung. Das sind so unsere drei Säulen. Und das bedeutet, wir schauen uns an, was gibt es eigentlich für Probleme in der Praxis und wie können wir sie lösen. DR. DENNIS BALLWIESER: Frau Scharenberg, es gibt Menschen wie mich, die bewegen sich total gerne, haben aber zum Beispiel ein massives Problem mit Übergewicht. Geht mir so. Wie begegnen Sie denn solchen Situationen von Angst oder auch Ausgrenzung, sich ausgeschlossen fühlen, gerade jetzt bei den jungen Kindern in der Schule? Ich war schon als Kind in der Schule dick und mir ist das immer schwergefallen. Was machen Sie sich da für Gedanken dazu? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Übergewicht hat natürlich einerseits etwas mit Bewegung zu tun, andererseits aber auch was mit Ernährung zu tun. Und in diesem Falle, wenn wir uns Gedanken machen zum zur Bewegung, dann sagen wir erst mal, wie sieht denn das eigentlich aus? Wie viel Bewegung bräuchten eigentlich Kinder und Jugendliche pro Tag? Und da gehen wir von 60 bis 90 Minuten aus. Und 60 bis 90 Minuten bedeutet, und das ist jetzt erst eine relativ neue Erkenntnis, aufaddierte Bewegung. Das heißt, schon der Weg zur Schule beispielsweise ist, wenn so er nicht sozusagen mit Helikopterpapa oder -mama funktioniert, sondern tatsächlich zu Fuß ist oder auch mit dem Fahrrad, ist das schon ein Stück von den 60 bis 90 Minuten am Tag von der Bewegung. DR. DENNIS BALLWIESER: Okay. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: So. Und Ausgrenzung, wie Sie jetzt eben angesprochen haben, die passiert natürlich klar dadurch, dass wir die Kinder auch jeweils oder auch die Jugendlichen in der Schule ja auch immer gemeinschaftlich haben und wir da diesen Inklusionsgedanken zwar versuchen zu leben, ja, aber das der Versuch ist einfach nur da. Das heißt, wir haben da sehr, sehr dicke Kinder, wir haben da sehr dünne Kinder und alles das zusammen ja, jedes Kind ist einfach individuell und unterschiedlich und deswegen müssen wir einfach versuchen, hier Wege zu finden, über Bewegung, aber auch über soziales Miteinander, um diese Ausgrenzung eben geringer zu gestalten. DR. DENNIS BALLWIESER: Ich hör bei Ihnen ganz stark heraus, es geht da um das individuelle Kind und wir wollen quasi Bewegung zu den Kindern so bringen, dass jedes Kind im Rahmen seiner Möglichkeiten das umsetzen kann. Jetzt ist ja Schulsport dadurch gekennzeichnet, dass dann am Ende trotzdem irgendwie über alle Noten verteilt werden müssen. Wie sinnvoll ist das denn, wenn wir versuchen, die einfach nur in die Bewegung zu kriegen? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ah, nun ja, ich möchte jetzt nicht sozusagen mit erhobenem Zeigefinger hier rüberkommen, aber es ist so, dass Schulsport offensichtlich nicht nur den Sportunterricht betrifft, sondern die ganzen die ganze Aktivität, die man während oder die die Kinder während des Schulalltags quasi aufaddiert, eben auch während des Tages machen. Das heißt, Schulsport ist einfach alles das, auch zum Beispiel bewegter Unterricht plus eben der Sportunterricht. Und der bewegte Unterricht, also Mathe zum Beispiel im Laufen zu machen, ja, ist eben nicht unbedingt das, was eben hinterher benotet wird. Zumindest wird da nicht die Bewegung benotet, sondern nur im Sportunterricht werden Noten gegeben. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt gibt es Bundesländer, die versuchen aktuell, was sie vermutlich unterstützen dürften, mehr Schulsport oder Bewegung in die Schule reinzubringen. In Bayern zum Beispiel gibt's eine sogenannte Bewegungs-Halbestunde an den Grundschulen und andere Versuche. Gleichzeitig wissen wir, dass in ganz vielen Bundesländern die Möglichkeiten überhaupt normale Schulsportstunden durchzuführen, sowohl von den Einrichtungen, also den Sporthallen, als auch von der Verfügbarkeit der Lehrerinnen und Lehrer sehr eingeschränkt sind. Wie stellt Sie das denn vor Herausforderungen beim Versuch, mehr Bewegung in die Schüler reinzubringen? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Also die Frage der täglichen Sportstunde, die haben wir schon vor etwa 20 Jahren untersucht und haben daraus gesehen, dass die tägliche Sportstunde ganz klare positive Aspekte für jedes Kind auch bringt. Dass man das aber leider politisch offensichtlich nicht durchsetzen kann, zumindest nicht in ganz Deutschland, haben wir auch festgestellt in der Zeit. DR. DENNIS BALLWIESER: Gibt's da Gründe, die Sie ausmachen können, warum das so ist? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Weil einfach der Sportunterricht ja nicht die Lobby hat, die die anderen Unterrichtsfächer im Schulkanon haben. DR. DENNIS BALLWIESER: Merken Sie da eine Veränderung bei Politikerinnen und Politikern, wenn Sie mit denen diskutieren? Denn immerhin gewinnt ja dieses Thema Übergewicht und die Krankheitsbelastung schon bei Kindern und Jugendlichen mehr an Aufmerksamkeit in den letzten Jahren. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Na ja, der Unterschied ist im Grunde, dass der Gesundheitsaspekt immer mehr in den Vordergrund gerückt wird. Und Gesundheit wird häufig mit Bewegung verbunden, aber nicht mit Sport. Das heißt, wir unterscheiden zwischen Bewegung, Fitness und Sport. DR. DENNIS BALLWIESER: Okay, und Sport hat quasi keine Lobby, sagen Sie. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja, zu wenig. DR. DENNIS BALLWIESER: Bewegung und Fitness schon, aber Sport nicht. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau, Bewegung hat die Gesundheitslobby, das ja. Fitness sehen wir, dass die Kinder und Jugendlichen in Deutschland seit 2003 auf einem sehr geringen Fitnesslevel sind und dass dieser Fitnesslevel sich auch nicht verbessert hat in den letzten 20 Jahren. Und Sport ist eben das, wo wir im Grunde eine zu geringe Lobby haben. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt wissen wir in der Schule, wenn Sie Sport ansprechen, da gibt's natürlich Gerangel um Ressourcen, die sowieso schon knapp sind. Also Lehrerinnen und Lehrer und ihre Stunden, die sie geben können, sind in allen Bundesländern ein Problem. Wie ist das denn, wenn Sie dann in Richtung Vereinssport, Freizeitsport auch bei Kindern und Jugendlichen schon blicken? Ist die Lobby für Sport für Kinder da ausgeprägter? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Wir haben Zahlen, die uns nachweisen, dass 80 Prozent der Kinder bis zum Alter von zehn Jahren Mitglied im Sportverein sind. DR. DENNIS BALLWIESER: Das klingt erst mal besser. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Das klingt erst mal toll, genau. Aber was bedeutet das? Das heißt, dass der kleine Dennis kurz nach der Geburt sozusagen im Sportverein angemeldet worden ist, DR. DENNIS BALLWIESER: Aha. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja, und damit Mitglied im Sportverein ist. Wie oft der kleine Dennis aber letztendlich tatsächlich zum Kinderturnen gegangen ist oder zum Fußball und so weiter. DR. DENNIS BALLWIESER: Schwimmen in meinem Fall, ja. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Oder zum Schwimmen, aber das sagen diese Zahlen überhaupt nicht. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja. Das heißt, die gaukeln uns vor, dass wir eben eine große Vereinsbeteiligung hätten von den Kindern und Jugendlichen. Aber wir wissen nichts dazu, inwieweit diese Vereins, also inwieweit hier wirklich auch Sport dahintersteht. DR. DENNIS BALLWIESER: Sie Sie haben gerade vorher gesagt, dass wir seit 2003 wissen, dass wir da bei den Kindern und Jugendlichen quasi massive Probleme haben. Das sind, nehme ich mal an, langlaufende Längsschnittstudien, die zu Kinder- und Jugendbewegung und Sportlichkeit Zahlen liefern. Das geht aber quasi gegenläufig zu der Zahl, dass 80 Prozent der Kinder bis zehn Jahre Mitglied in irgendeinem Sportverein sind. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Nee, sondern es geht nicht gegenläufig, sondern es zeigt einfach nur, dass wir uns Zahlen ganz genau anschauen müssen. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Denn Mitgliedschaft in einem Sportverein bedeutet nicht, dass ich dort aktiv bin, sondern ich bin einfach nur angemeldet. Das heißt, Sie könnten auch eine Karteileiche sein. DR. DENNIS BALLWIESER: Zeigen uns die Zahlen, die wir jetzt über alle Kinder erheben, dass es schlimmer wird mit Aktivität und Beweglichkeit? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Die Zahlen, die wir für alle Kinder unter anderem zum Beispiel in der Motorikmodulstudie erheben. Das ist eine Längsschnittstudie. Die zeigen uns, dass die Ausdauerfähigkeit der Kinder zum Beispiel zurückgeht. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ausdauerfähigkeit der Kinder und Jugendlichen. Das heißt, sie belasten ihr Herz-Kreislauf-System weniger. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und das bedeutet im Weiteren, dass sozusagen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die ja unter anderem eben zu den häufigsten Todesfällen auch führen oder zu der hohen Zahl an Todesfällen auch führen können, auch im Erwachsenenalter, dass wir hier nicht präventiv sozusagen helfen können. Denn je mehr wir an Ausdauerfähigkeit im Kindes- und Jugendalter sozusagen fördern, desto mehr haben wir dann auch im Erwachsenenalter an Ideen, was kann ich denn eigentlich machen, um meine Ausdauer zu fördern. Und das alles ist präventiv für, wie gesagt, Herz-Kreislauf-Erkrankungen beispielsweise. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt haben wir bisher immer über die Kinder gesprochen. Gibt's denn da etwas, was wir wissen, über welche Kinder das sind, bei denen wir besonders genau hinschauen müssten? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Es ist schon so, dass Kinder, die sozusagen in sozial schwachen Umgebungen oder in sozial schwachen Familien aufwachsen, dass wir hier mehr Förderbedarf haben. Also das hat man auch zum Beispiel während der Coronazeit gesehen, dass Kinder eben, die in großen Wohnblocks aufwachsen, die in kinderreichen Familien aufwachsen, bei denen möglicherweise auch der Zugang zu Sportstätten gar nicht unbedingt gegeben ist oder auch keine Gärten vorhanden sind, dass es bei denen schlechter aussieht mit der Fitness als bei Kindern, die eben ja in einem anderen sozialen Umfeld aufwachsen. DR. DENNIS BALLWIESER: Das heißt ja aber, da könnte eigentlich Schule gerade so ein Gleichmacher sein, dass auch Kinder erreicht werden, die privat eben weniger Zugangsmöglichkeiten zu Bewegung und organisiertem Sport haben könnten. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Deswegen genau ist die Schule auch genau das, was wir am besten beforscht haben, weil einfach der Schulsport und beziehungsweise der Sportunterricht ganz konkret dann, ja, von allen Kindern wahrgenommen werden muss. Währenddessen zum Beispiel Sport AGs, die es ja auch gibt, ja. Das ist ja wiederum eine Möglichkeit, bei denen die Kinder auswählen können, geh ich lieber in eine Sport AG, geh ich lieber in eine Musik AG. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Aber der Schulsport gehört ins Curriculum, das heißt, hier muss jedes Kind teilnehmen. DR. DENNIS BALLWIESER: Wenn ich Ihnen jetzt einen Wunsch freigeben könnte bezüglich des Schulsports und alle 16 Bundesländer, Kultusminister:innen müssten das dann auch umsetzen, was wäre denn aus Ihrer Sicht die die wichtigste Maßnahme für den Schulsport in Deutschland? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Die wichtigste Maßnahme wäre, dass wir Physical Literacy erreichen. Physical Literacy bedeutet, dass wir nicht nur. Also Literacy bedeutet ja normalerweise, dass ich lesen und schreiben kann. Ja. Und Physical Literacy bedeutet, dass ich mich bewegen kann. DR. DENNIS BALLWIESER: Dass ich weiß, wie's geht. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Dass ich weiß, wie's geht, dass ich Möglichkeiten habe, dass ich Räume bewegt sozusagen mehr erschließe. Und diese Idee der Physical Literacy, die aus Australien kommt und jetzt langsam so in letzten fünf bis acht Jahren hier in Deutschland auch greift. DR. DENNIS BALLWIESER: Okay. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Beinhaltet einfach, dass ich von klein auf lerne und die Schule ist da ein ganz, ganz wichtiges Setting, dass ich von klein auf lerne, wie mir die Welt mit Bewegung offensteht. Also Beispiel, ich möchte gerne grillen gehen am See. Ja. Aber ich kann nicht schwimmen. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und ich weiß ganz genau, wenn meine Kumpels mit mir zusammen am See sind und grillen, dann springen sie auch irgendwann ins Wasser. Ja, ist mir halt jetzt aber peinlich, weil ich nämlich nicht schwimmen kann. Also kann ich auch mit meinen Kumpels sozusagen nicht an den See und grillen gehen. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Damit bin ich sozial ausgegrenzt. Oder ich kann nicht Fahrrad fahren. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ne? Also ganz verschiedene Bewegungsmöglichkeiten sollten von klein auf und besonders auch in der Schule gefördert werden. Das gibt Deswegen gibt's zum Beispiel den Fahrradführerschein in der Grundschule. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja? Deswegen gibt es zum Beispiel in der dritten Klasse vermehrt Schwimmunterricht. Und es gibt auch in der Zwischenzeit eine ein Zertifikat, was man fürs Schwimmen bekommen kann, dass eben alle Kinder schwimmfähig sind. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und aber da das reicht alleine noch nicht aus, weil einige Kinder schon gar nicht mehr Alltagsbewegung wie normales Gehen hinbekommen, sondern selbst da Schwierigkeiten haben. DR. DENNIS BALLWIESER: Wir sprechen jetzt von dem normalen Zurücklegen 1 längeren Fußstrecke, um zum Beispiel zur Schule zu kommen. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau. Weil sie's nicht gewöhnt sind, weil sie's nicht trainieren, können sie's auch nicht. Und das heißt, unsere Bewegungen werden dadurch immer, immer schlechter. DR. DENNIS BALLWIESER: Verstanden. Sie sagen, dass diese Literacy-Debatte in Deutschland Raum gewinnt. Ich versteh das jetzt erst mal so in der Wissenschaft oder auch schon praktisch da, wo's hin soll, nämlich in den Schulen? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Im Wesentlichen in der Wissenschaft. DR. DENNIS BALLWIESER: Okay. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und jetzt schwappt es auch langsam in die Schulen über. Indem nämlich, dass wir die Grundschullehrkräfte schulen für mehr Bewegung, Spiel und Sport. DR. DENNIS BALLWIESER: Okay, so und das heißt, die Lehrkräfte, die mit dem Thema Sport in der Schule in Berührung kommen, die kommen auch mit diesem Literacy-Thema bei Ihnen in Berührung, also Ihnen stellvertretend für die Wissenschaft und dann kann das so nach und nach Fuß fassen. Nehmen Sie auch wahr, dass die Politik an bestimmten Stellen Ihnen bereitwilliger zuhört heute, eben wegen all dieser Probleme im Gesundheitsbereich? Das macht ja viele Türen auf. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Nun ja, die BZgA zum Beispiel, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, hat nationale Bewegungsempfehlungen veröffentlicht. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Das ist jetzt schon wieder 10 Jahre her. Ja. Aber es war zumindest Forschungsprojekt, was auch vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert worden ist, was sie dort veröffentlicht haben. Also von daher, die Politik fängt an aufzuwachen, ja. DR. DENNIS BALLWIESER: Okay. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Aber es müsste einfach noch quasi bedeutend, bedeutender in den Mittelpunkt gestellt werden, dass Bewegung Medikamente ersetzt. Das hat Hollmann schon vor Jahrzehnten gesagt. DR. DENNIS BALLWIESER: Wir behandeln das als Neuigkeit, ne, dass also dass Sport eigentlich ein sehr effektives Medikament ist. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau, aber Holmann hat das, also Professor Wildor Hollmann hat das vor 40 Jahren gesagt. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja. Das zeigt nur, wie lange wir brauchen, um das in die Praxis zu übersetzen. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau. DR. DENNIS BALLWIESER: Die meisten Menschen, die unseren Podcast hören, sind jüngere Ärztinnen und Ärzte, die vor allem in der Klinik arbeiten, manche auch schon in der Niederlassung. Wir wissen, dass unsere Hörerinnen und Hörer so zwischen 25 und 45 Jahren mehrheitlich sind und quasi bei der Karriere so richtig durchstarten. Das sind alles Menschen, wenn die im Gesundheitsbereich arbeiten und auch die anderen Berufsangehörigen, die uns hören, die natürlich mit Bewegung, Sport, Gesundheitsthemen viel zu tun haben und da auch was machen wollen. Jetzt ist ja das Gesundheitswesen von der Schule Stück weit weg. Gibt's denn was, was Ärztinnen und Ärzte oder auch Pflegekräfte, Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen tun können, um hier bei dem Thema Kinder- Jugendbewegung positiven Effekt da, wo sie leben, zu erzielen? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Aus meiner Sicht ist es auf jeden Fall die Einbindung der Eltern und der Peergroups, die auch für die Ärzte und für die für die Physiotherapeuten zum Beispiel wichtig ist. Nämlich die Eltern wissen zum Teil überhaupt nicht, wie viele Kinder sich wirklich bewegen. Ja, das heißt, sie gaukeln einem oder die Kinder erzählen etwas, was sie gemacht haben, aber die Eltern denken, Mensch, der der springt doch die ganze Zeit rum. Das war ja auch in ihrer Anmoderation eben grade so, dass sie gesagt haben, Kinder bewegen sich im Grunde den ganzen Tag. Ist das wirklich so? Ist das heutzutage immer noch so? DR. DENNIS BALLWIESER: Gute Frage. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Sehen wir nicht eigentlich zum Beispiel durch die Mediennutzung, durch die verstärkte Mediennutzung eben eine Abnahme an Bewegung? DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und wäre das nicht zum Beispiel eine Kombination, die wir schaffen könnten, auch die die Ärzte unter anderem mittransportieren könnten? Dass wir die Gadgets, die wir haben, also die möglichen Schrittzähler oder irgendwelche Bewegungsgurte beispielsweise den Kindern einfach mal mitgeben, um zu sehen, wie viel bewegst Du dich denn tatsächlich am Tag? DR. DENNIS BALLWIESER: Und dass die Kinder quasi auch schon lernen, dass man diese Gadgets dazu bringen kann, dass sie eine Belohnung irgendwie ausgeben, wenn man sich mehr bewegt? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Auch das, aber das der die Belohnung sollte dann nicht eben ein Schokoriegel sein. DR. DENNIS BALLWIESER: Nee, also ich red jetzt hier von diesen Ringen, die sich schließen auf den Uhren oder dass man angezeigt bekommt, dass irgendwie Konfettikanonen losgehen auf Bildschirmen, wenn man sich besonders viel bewegt hat. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau. DR. DENNIS BALLWIESER: Wenn Sie etwas hätten, wo Sie sagen, was wir als Gesellschaft anders machen sollten, damit unsere Kinder sich mehr bewegen und Sie hätten da auch wieder einen Wunsch frei und alle Eltern oder Erziehungsberechtigten müssten das dann umsetzen. Gäbs da etwas, wo Sie sagen, das hätte wirklich richtig Impact? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Bewegungsräume zu schaffen ist, glaube ich, eine Möglichkeit. Also frei zugängliche Bewegungsräume zu schaffen, wäre, glaube ich, etwas, was die Gesellschaft sozusagen bieten könnte. Und was helfen würde, dass wir eben auch mehr soziale Ungleichheiten nivellieren könnten. Also frei zugängliche Bewegungsräume wären zum Beispiel Spielplätze, die wir auch als Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene nutzen können. Spielplätze hört sich jetzt komisch an, weil wir das immer mit Rutsche und sonst was verbinden. Aber wenn wir uns zum Beispiel Calisthenics-Parks anschauen, dann ist es auch so ne Art von Spielplatz. Da haben wir auch Reckstangen, da können wir einfach auch quasi dann hingehen, wenn wir dazu Lust haben. Und das kann man zum Beispiel auch mal in der Mittagspause machen oder in einer Freistunde in der Schule. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Aber dazu müssen diese Dinge da sein. Und dazu müssen auch in der Nähe von diesen Angeboten, Sportangeboten, müssen zum Beispiel auch Toiletten sein. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja, das heißt, es reicht nicht nur, eine Reckstange hinzubauen oder irgendetwas anderes, was motivierend ist für Bewegung, sondern es muss natürlich auch die Infrastruktur dazu stimmen. DR. DENNIS BALLWIESER: Das heißt, es geht um so etwas wie, wie wir unsere Städte planen, sodass wir Bewegung überall anbieten und möglich machen und dass wir dann aber eben auch das Geld dafür ausgeben, weil es ansonsten nicht angenommen werden kann. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja, auf der einen Seite, wie gesagt, frei zugänglich. Mhm. Das ist ganz wichtig, dass man's eben nicht beispielsweise nur hinter hinter Zäunen oder so odeer durch Vereinsmitglied oder an eine Vereinsmitgliedschaft bindet. Green Exercice ist natürlich eine andere Möglichkeit. Also praktisch draußen quasi Sport zu treiben ist auf jeden Fall gesundheitsförderlich. Aber wir haben natürlich in unseren Breiten nicht unbedingt immer das Wetter dazu, dass man alles immer draußen macht. DR. DENNIS BALLWIESER: Klar. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Darf ich noch was ergänzen? DR. DENNIS BALLWIESER: Unbedingt. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Also mir sind noch zwei, drei Dinge richtig wichtig. Und zwar einerseits, dass wir eben dazu beitragen, die Lehrkräfte, die in der Grundschule tätig sind, die normalerweise So zu In der Grundschule gilt immer noch das Ein-Lehrer-Prinzip, als Ein-Lehrer-Prinzip, dass wir die eben, was Sport und Bewegung angeht, eben stärker schulen. Ja, das ist mir ganz wichtig. Und dass wir eben hier keine, ja, sportartspezifische Schulung haben, sondern eine vielseitige motorische Grundausbildung. Dass die Kinder also alles Mögliche lernen und einfach Spaß daran bekommen, sich zu bewegen. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Die Freude an der Bewegung, das sollte immer im Mittelpunkt stehen. Das Weitere, was ich ergänzen möchte, ist, dass wir solche Initiativen wie Walking Bus, also sozusagen mit dem mit zu Fuß zur Schule zu gehen, und zwar als Gruppe, dass wir so etwas einfach auch in ganz Deutschland implementieren sollten. In vielen Ländern In vielen Bundesländern ist das bereits der Fall, ja, aber es ist auch immer wieder sozusagen die Idee, oh, das gibt es. Das kenne ich ja noch gar nicht. Wie soll das funktionieren? Mein Kind wächst hier in einer sehr merkwürdigen Umwelt auf oder mit seinem einem sozialen Brennpunkt auf. Wie soll das dann funktionieren, dass es eben nur mit anderen Kindern gemeinschaftlich zur Schule geht? DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Also es gibt viele verschiedene Ansätze, auch zum Beispiel Grundschulen mit Bewegungsschwerpunkt oder auch weiterführende Schulen mit Bewegungsschwerpunkt, die aber immer regional, wie Sie es eben gerade schon gesagt haben, begrenzt leider nur eingeführt sind. Ein letzter Punkt ist eine Initiative aus der Schweiz, die heißt Activdispense. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und das beruht darauf, dass die Kinderärzte ein Attest ausstellen, wenn ein Kind eben normalerweise am Sportunterricht nicht teilnehmen kann. Und sie umkringeln dann die Stelle, bei dem das Kind eben oder warum das Kind eben nicht teilnehmen kann, beispielsweise der gebrochene Arm. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Bedeutet aber, dass das Kind außer den Armen alles andere benutzen kann. DR. DENNIS BALLWIESER: Also im Unterschied zu der bei uns üblichen grundsätzlichen Krankschreibung, wo man dann gar nicht mehr am Schulsport teilnimmt. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau. Es ist hier so, dass das Kind eben praktisch mit den anderen Teilen ihres Körpers quasi am Sportunterricht teilnehmen kann. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und hier gibt es dann unterlegt zu den einzelnen Einschränkungen gibt es Übungen, die von Physiotherapeuten entworfen worden sind, sodass der Lehrer sich noch nicht mal oder die Lehrkraft sich noch nicht mal anstrengen muss, was kann ich dem Kind jetzt bieten? DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Und diese Übungen können im Sportunterricht einfach durchgeführt werden. In der Schweiz läuft dieses Konzept. In Deutschland haben wir's leider noch nicht implementieren können. Activdispens auf jeden Fall guter Tipp für deutsche Ärzte und aber auch für deutsche Schulen. DR. DENNIS BALLWIESER: Das packen wir auf jeden Fall in die Shownotes zu der heutigen Folge, denn das ist ja etwas, was sich die Kolleginnen und Kollegen, die uns hören, in jedem Fall mal anschauen können. Und auch wenn das noch nicht strukturell implementiert worden ist, vielleicht kann man das ja in der eigenen Praxis ein klein wenig adaptieren und das den Kindern und ihren Eltern mit auf den Weg geben, wenn grade irgendetwas nicht funktioniert, dass nicht der ganze Körper außer Gefecht gesetzt sein muss. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau. DR. DENNIS BALLWIESER: Und auch die anderen beiden Punkte, die Sie gerade noch angesprochen haben, das sind ja durchaus Sachen, wenn man versucht, die bei sich örtlich, sei das, dass Schulleiter:innen das selber versuchen oder dass Elternbeirät:innen sich vielleicht da stark machen, umsetzen könnte, wie zum Beispiel diesen zu Fuß gehenden Schulbus, ohne dass Kosten entstehen. Das ist ja ganz häufig sonst Thema, wo man sagt, dann brauchen wir aber erst mal bitte dafür. Das sind hier Ideen, die kann man eigentlich auch ohne Geld umsetzen. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja. Und ein Punkt noch vielleicht, eine Tischtennisplatte beispielsweise auf auf dem Schulhof bedeutet nicht, dass tatsächlich die Kinder Tischtennis spielen. DR. DENNIS BALLWIESER: Die steht, glaube ich, überall als so Bauruine in den Hinterhöfen von ganz vielen Schulen, ne? PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Ja, aber ich meine, es kann auch einfach Versammlungsplatz sein. Sport ist auch soziales Miteinander. DR. DENNIS BALLWIESER: Wenn es dazu führt, dass man miteinander spricht und sich dann auch in irgendeiner Form wieder bewegt, ist ja auch schon was geworden. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Genau. DR. DENNIS BALLWIESER: Aber ich höre, also es gibt eine ganze Menge an Ideen und vieles ist jetzt regional unterschiedlich natürlich auch schon in Umsetzung. Es gibt viele Gemeinden, die solche Möglichkeiten schaffen. Es gibt Bundesländer, die versuchen, das Ganze zu implementieren. Gleichzeitig, es gibt gerade beim Thema Schulsport noch eine ganze Menge zu tun. Da bleibt auch das Ressourcenthema, sowohl von den Einrichtungen als auch von den Lehrerinnen und Lehrern. Aber ich nehme wahr, wenn wir über das Thema Literacy sprechen, es tut sich auch etwas auf der wissenschaftlichen Seite und das nimmt den Weg in die Praxis. So verstehe ich Swantje Scharenberg. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch heute über Bewegung in der Schule. PROF. SWANTJE SCHARENBERG: Sehr gerne geschehen. Es hat mir Freude gemacht. DR. DENNIS BALLWIESER: Das war die dritte von fünf Spezialfolgen zum Thema Bewegung. Nächsten Freitag hört ihr Laura Weisenburger, die mit Elisabeth Maria Kirschbaum über Sport und den weiblichen Zyklus spricht. Vorher geht's aber am Montag mit einer normalen zehnminütigen Folge von ’ne Dosis Wissen weiter. Um das Thema Bewegung und Kinder geht's auch in unseren aktuellen Heften, die ihr derzeit in den Apotheken vor Ort bekommen könnt. Natürlich in der Apotheken Umschau, aber zum Thema Bewegung und Kinder, vor allem in ELTERN und Medizini. Das war ‘ne Dosis Wissen für heute und die nächste Folge gibt's dann am Montag, wie gewohnt überall, wo ihr Podcasts findet, ab 6 Uhr in der Früh. Danke, dass ihr ’ne Dosis Wissen hört. SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro. gesundheit-hören, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
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