Bewegungsspezial: Impulse für den Klinikalltag
Shownotes
Ärzt:innen raten ständig zu Bewegung. Doch im eigenen Klinikalltag kommt sie oft zu kurz. Dabei mangelt es Beschäftigten im Krankenhaus nicht an Aktivität. Nur ist „über Station hetzen“ etwas anderes als gezieltes Krafttraining mit Regeneration. In dieser fünften und letzten Spezialfolge im Bewegungsmonat Mai spricht Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, mit Marit Derenthal. Die Gesundheitswissenschaftlerin und Geschäftsstellenleiterin des Deutschen Netzes Gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen erklärt, warum Bewegung im Klinikalltag auch eine Frage von Führung und Rahmenbedingungen ist und wie die Beschäftigten trotz Arbeitsbelastung gesundheitsförderndes Verhalten umsetzen können.
Quellen und nützliche Links:
• Deutsches Netz Gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen e. V. (DNGfK)
• Arbeitsplatzinterventionen zur Verbesserung der Gesundheit von Mitarbeitenden in Krankenhäusern – ein systematischer Review (engl.; DOI: 10.1186/s12913-021-07418-9)
• Machbarkeit und Auswirkungen von Bewegung während der Arbeitszeit beim Krankenhauspersonal – nicht randomisierte kontrollierte Studie (engl.; DOI: 10.1007/s10926-025-10275-6)
• Körperliche Betätigung am Arbeitsplatz reduziert die wahrgenommene körperliche Belastung (engl.; DOI: 10.1177/14034948155909)
• WHO-Empfehlungen zur körperlichen Aktivität (engl.)
• Artikel zum Thema Bewegung in der Apotheken Umschau
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“-Spezial:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Redaktion: Constanze Radnoti, Sina Metz, Kareen Seidler, Sofia Zharinova;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
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00:00:00: SPRECHER: gesundheit-hören DR. DENNIS BALLWIESER: Ärztinnen und Ärzte empfehlen allen ihren Patienten eigentlich ständig ausreichend Bewegung, am besten regelmäßigen Sport und natürlich eine ausgewogene Ernährung. Was Sie mit sich selbst anstellen, das sieht häufig ganz anders aus. Im Klinikalltag, im Stress. In vielen Berufen im Gesundheitswesen ist das Ganze nicht nur körperlich anstrengend und findet häufig im Stehen statt, sondern es ist kaum sinnvoll, mit einem ausgewogenen Bewegungs- und Ernährungsleben in Einklang zu bringen. Die Frage ist, was kann man selbst machen, damit sich das ändert? Darüber spreche ich mit meiner heutigen Gästin in der aktuellen Spezialfolge im Bewegungsmonat Mai. Guten Morgen und willkommen zu ´ne Dosis Wissen, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. ´Ne Dosis Wissen gibt's normalerweise werktags ab 6 Uhr in der Früh in kompakten zehn Minuten, heute dauert's ein bisschen länger. Ich begrüße euch zur fünften Spezialfolge unseres Bewegungsmonats Mai. Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt und Teil der Chefredaktion der Apotheken Umschau und heute ist Freitag, der 29. Mai 2026. SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro. DR. DENNIS BALLWIESER: Darüber, wie wir uns im Gesundheitswesen ganz praktisch bewegen, möchte ich heute mit Marit Derenthal sprechen. Sie ist die Geschäftsleiterin des DNGfK, das ist das Deutsche Netz Gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen. Außerdem ist sie Referentin und im Landesverband für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen tätig. Herzlich willkommen, Marit Derenthal. MARIT DERENTHAL: Hallo. DR. DENNIS BALLWIESER: Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen und ich würde gleich gerne einmal damit einsteigen, wie integrieren Sie denn Bewegung in Ihren Berufsalltag? MARIT DERENTHAL: Ja, danke erst mal auch von meiner Seite, dass ich hier sein darf. Ja, wir selbst beschäftigen uns natürlich sehr viel mit Bewegung und testen die unterschiedlichsten Dinge aus, die wir sozusagen an unsere Mitglieder auch weitervermitteln. Selbst machen wir eine aktive Pause und ja, bedienen uns ein paar Hacks, um ja, auch manchmal gezwungen zu sein, sozusagen im Alltag sich zu bewegen, beispielsweise Drucker oder Kaffeemaschine in ein anderes Büro stellen. Und wir besprechen uns natürlich auch immer mit Kollegen. Wir sitzen auf Pezzibällen unter anderem, wenn wir das wollen. Und einige in unserem Team haben auch höhenverstellbare Tische. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt komm ich selbst aus der Anästhesie in der Klinik. Ich hab mich nie in meinem Leben so viel bewegt wie in den fünf Jahren, die ich durchs Klinikum Großhadern gerannt bin. Ich hatte allerdings auch den Vorteil, ich hatte gar keinen festen Arbeitsplatz. Das heißt, ich war eigentlich immer auf den Beinen. Wie ist das denn bei den Menschen, die Sie beraten in den Kliniken? Bewegen die sich tatsächlich zu wenig oder ist das gar kein Problem? MARIT DERENTHAL: Also das ist Argument, was auch immer wieder an uns herangetragen wird, wenn wir mit Bewegungsideen kommen, dass sie dann häufig die Berufsgruppe der Pflegenden oder auch durchaus der Ärzte oder Ärztinnen sagen, aber wir bewegen uns doch schon den ganzen Tag. Und da ist eigentlich auch schon ein Knackpunkt, weil Bewegung ist nicht gleich Bewegung. Die Bewegung, die wir anstreben, dazu werden wir bestimmt später noch mal ein bisschen zu sprechen kommen, ist ja nicht einfach stressgetrieben über Station zu hetzen, sondern die Bewegung, die die WHO zum Beispiel empfiehlt, ist ja zum Beispiel einhundertfünfzig bis 300 Minuten pro Woche moderate Bewegung, wozu durchaus Gehen ja dazuzählt, aber es soll nicht stressgetrieben sein. Es soll eben den Kopf frei machen und es fehlt ja auch im Berufsalltag dann die Regeneration, die bewusste Regeneration und ist ja auch zum Teil eine statische Belastung. Deswegen ist das schwierig gleichzusetzen. Im Gegenteil, Studien zeigen eigentlich sogar, dass berufliche Aktivität kardiovaskulär sogar eher ungesünder sein kann als zum Beispiel eine Freizeitbewegung. DR. DENNIS BALLWIESER: Gibt's da Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die ganz besonders gefährdet sind für eine falsche Form der körperlichen Belastung? MARIT DERENTHAL: Ja, also wir wir müssen das bisschen differenzieren, weil in Deutschland ist es so, in der Literatur beziehungsweise auch in der Evidenz, die ist vor allem pflegebezogen. Deswegen ist die Aussage nicht so eindeutig. Was auf jeden Fall gesagt werden kann, ist, dass Pflegekräfte so ungefähr 7 bis 13000 Schritte pro Schicht laufen, was ja eigentlich sozusagen den Tagesbedarf durchaus schon deckt. Es gibt ja diese Zahlen, so acht- bis zehntausende Schritte pro Tag, dass das eher als gesund aktiv sozusagen gilt. Aber genau, es ist natürlich, wie ich schon sagte, eine sehr stressgetriebene Bewegung und auch keine bewusste Bewegung. Und mal davon abgesehen, dass die WHO zum Beispiel auch zweimal die Woche Krafttraining empfiehlt, auch das fehlt in der Situation ja gänzlich, auch wenn die Pflegekräfte oder Ärztinnen und Ärzte zum Teil eben schwer heben oder Ähnliches. DR. DENNIS BALLWIESER: Das heißt, die Schlussfolgerung daraus ist, auch Menschen, die sich berufsbedingt körperlich viel verausgaben, bewegen und da schon so ´ne gewisse Form von Training haben, müssen trotzdem noch was zusätzlich machen, damit sie auch die richtige Form von Training bekommen. MARIT DERENTHAL: Ganz genau. Also wir fassen das immer gern zusammen, dass im Krankenhaus nicht unbedingt das Problem ist, dass der Bewegungsmangel vor Ort stattfindet, sondern eher die Bewegungsqualität, wie Sie es grad schon sagten. DR. DENNIS BALLWIESER: Und welche Rolle spielt dabei, dass ich ja häufig im beruflichen Kontext, das hat, glaube ich, nicht nur was mit Krankenhaus zu tun, immer wieder dieselben Bewegungen durchführe. Ist das relevant? MARIT DERENTHAL: Ja, definitiv. Das meinte ich voll mit statischer, einseitiger Bewegung. Mhm. Und das beansprucht unseren Körper natürlich. Und wenn man dann nicht sozusagen dem etwas entgegenwirkt oder bestenfalls nicht nur entgegenwirkt, sondern präventiv davor handelt, dann wären wir genau bei der Bewegung, die es braucht. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt könnten wir es uns einfach machen und einfach allen Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, sagen, schließ eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio ab und wenn Du von deiner Schicht kommst, dann gehst Du noch schön pumpen. Das wird ja vermutlich nicht der Ansatz sein, den Sie verfolgen. MARIT DERENTHAL: Nein, auch wenn es leider häufig die Realität ist. Nicht, dass Kooperationen mit Fitnesseinrichtungen oder Sportbetrieben etwas Negatives wären, aber das ist natürlich nicht die alleinige Lösung. Wir erleben häufig, dass sozusagen das kennen wir aus der Literatur, aber das kennen wir auch aus unserem eigenen Netzwerk dass häufig so Einzelmaßnahmen angeboten werden, wie zum Beispiel Rückenschule. Da ist auch häufig der Fokus jetzt auf Hebe- oder Tragetechniken oder auch so mehr auf Kompensation statt Prävention, was ich gerade schon sagte. Aber wir würden uns natürlich wünschen, erstens, dass es nicht außerhalb der Arbeitszeit stattfindet, so ist die Realität auch häufig Und dass dann nicht einfach irgendeine Kooperation geschlossen wird und sozusagen die Verantwortung Stück weit einfach auf den Mitarbeitenden übertragen wird, auf das Individuum, sondern dass eben der das Krankenhaus, mit wo ja eigentlich die Kompetenz da ist, dass das ein Stück weit auch mit in der Verantwortung ist. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt kommt mir das alles bekannt vor, was Sie sagen. Also sowohl dieser Fitnessgutschein fürs Fitnessstudio, wo man dann vergünstigt Mitglied werden kann. Die Rückenschule, die hab ich auch in der Klinik miterlebt. Das sind so die Beispiele, sagen Sie selbst, das ist aber eigentlich nicht das, worum's, wenn man's State-of-the-Art machen will, gehen würde. Was sind denn Positivbeispiele? MARIT DERENTHAL: Also es gibt national, aber auch international vor allem viele positive Beispiele, international wäre da zum Beispiel Dänemark hervorzuheben. Da gibt's auch eine große Studie dazu. Aber die haben gezeigt, wie Kliniken das durchaus schaffen könnten und daraus können wir viel lernen für uns. Da wurde zum Beispiel herausgefunden, dass es eben am besten ist, wenn man Kurzformate hat, beispielsweise Entspannungsübungen oder kurze Bewegungseinheiten oder auch Atemübungen, aber die müssen natürlich in der Struktur verankert werden. Und ja, da ist es bei uns in der Praxis noch bisschen dünner, aber genau besonders gut wurden dort zum Beispiel auch so teambildende Maßnahmen angenommen oder Formate angenommen oder aber so eventbasierte Angebote, nenn ich's mal. Also das sind so Gesundheitstage, Workshops, Aktionstage. Das kann man sich gut aus dem internationalen Rahmen mit rüberziehen und da machen wir auch schon einiges in Deutschland. Aber es ist in Deutschland auch so, dass vor allem eigentlich kurzfristig angelegte Programme gewählt werden oder Aktionen gewählt werden. Und obwohl man aus der Literatur weiß, dass es zwar klassisch, aber eigentlich für die Zielgruppe weniger attraktiv ist, wird bei uns häufig auch Schulungs- und Informationsformate gewählt. Also ja, eben kein Dialog, sondern eher so eine Präsentation oder auch ganz klassisch diese Rückenschule. Das wird nicht so gern angenommen und trotzdem am häufigsten umgesetzt. DR. DENNIS BALLWIESER: Ich versteh Sie da richtig. Da geht's drum, dass Menschen quasi in einem Vortragsformat zuhören in der Theorie, wie man sich dann theoretisch praktisch bewegen könnte, aber sich nicht praktisch bewegen dabei. MARIT DERENTHAL: Ja, genauso wird es leider tatsächlich häufig gemacht. Und das sind auch die Daten aus den Studien, die man hat und wo man auch weiß, dass es nur bedingt was bringt. Und dann ist es eigentlich vom Ressourcenmanagement total schade, weil die Person, die das vermittelt, nimmt sich Zeit und möchte ja auch die Inhalte vermitteln. Und die, die zuhören, die möchten auch diese Inhalte zum Teil sogar annehmen, aber dann fehlt es sozusagen wieder in der Umsetzung, was ressourcentechnisch in Bezug auf die Ressource Zeit natürlich nicht son Gamechanger ist. DR. DENNIS BALLWIESER: Und wenn ich Sie richtig verstehe, dann machen die Dänen das anders. Die stellen sich hin und bewegen sich gemeinsam und lernen dabei, wie's richtig geht. MARIT DERENTHAL: Das zum einen, aber es ist einfach institutionell zum Teil viel verankerter. Es ist eine Frage von Führungskultur. Es ist auch eine Frage davon, dass das festgelegt wird. Nun ist das natürlich 'n strittiges Thema, ob man Bewegung festlegen darf. Aber es wird unter anderem in Dänemark eben so gemacht und durchaus mit Erfolg, wie man in also aus Studien entnehmen darf. Um noch mal ganz kurz auf Ihre Frage zu antworten, wir haben natürlich im Netzwerk einige, die schon ganz tolle Programme machen. Wir haben natürlich auch in unserem Netzwerk viel Rückenschule oder rückengerechtes Arbeiten, aber wir haben auch ganz interessante Formate wie son Challenge Format, wo sozusagen einzelne Stationen oder Berufsgruppen in bestimmten ja, Bereichen gegeneinander antreten. Und das wird auch total gerne angenommen und insbesondere auch bei den jungen Leuten viel lieber natürlich genutzt. Und auch da haben wir klassisch Kooperationen mit Fitnessstudios oder Sportvereinen oder auch mit der Physiotherapie, die ja auch meist im Haus vor Ort ist. Was, und das wollte ich auch eingangs sagen, was überhaupt nicht schlecht ist, sondern es darf ein Baustein sein, aber es darf halt nicht der alleinige Baustein sein. Und es muss halt eben sozusagen besonders befürwortet werden. Was ich auch total spannend fand, als das ein Mitglied vorgetragen ist, ist der Ergonomieführerschein, der in der Ausbildung sozusagen gemacht wird und Bewegung natürlich auch integriert. Es gibt auch so klassische Dinge wie Treppennützen statt Fahrstuhl, dass das halt überall aufm Fußboden aufgedruckt ist. Das sind manchmal so kleine Maßnahmen, die dann aber in ihrer Gesamtheit durchaus auch Strukturen verändern können. DR. DENNIS BALLWIESER: Ich nehm jetzt schon mal mit, also das eine ist, es geht um Führungsthema, das die Leitungsebene von Abteilungen oder ganzen Kliniken das vorlebt, dass ihr dieses Thema wichtig ist und sie das unterstützt, dass das in der Organisation stattfindet. Und das Zweite, was ich mitnehme, ist, das ist jetzt Gefühl, das ich so auf der Subtext Ebene mitgenommen habe. Sie müssen mich da korrigieren. Kann es sein, dass wir das in Deutschland eher so als Privatsache der Mitarbeitenden betrachten und nicht als Aufgabe des Arbeitgebers? MARIT DERENTHAL: Definitiv. Das ist 'n Fakt, dass das eher gerne auf die individuelle Ebene runtergebrochen wird und da auch die Verantwortung dann einfach liegt und der Arbeitgeber zum Teil eben sagt, ja, es gibt ja diese Möglichkeit über die Mitarbeiterkarte oder, oder, oder. Oder es liegt Ihnen natürlich Also es obliegt Ihnen, ob Sie Dehnungsübungen zwischendurch machen oder nicht. Aber wir kennen das ja selbst mit Verhaltensänderungen, das ist schon relativ schwer. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. MARIT DERENTHAL: Und wenn man dann in Setting unterwegs ist, wo das so gar nicht begünstigt wird, dann ja, hat eine Verhaltensänderung einfach sehr Also wird noch schwerer gemacht. Was ich auch als Beispiel noch mal kurz anbringen möchte, was in unserem Netzwerk zum Beispiel eine eine Mitgliedseinrichtung macht, ist der Sie nennen das Movement Spots. Also dass man halt einfach die Möglichkeiten bietet, gesundheitsförderndes Verhalten wie zum Beispiel Bewegung umzusetzen. Also dass man eine Möglichkeit bietet, ein in einem Raum, ein bisschen Therabänder waren dort an der Wand oder Markierungen für Dehnungen. Und jetzt mal ganz ehrlich, auch finanziell hält sich das absolut in Rahmen, was vertretbar ist. Und dadurch, dass sie aber immer wieder an diesem Raum vorbeikommen und immer wieder Stück weit auch getriggert werden, kann es sozusagen das begünstigen, dass es in die Routine mit aufgenommen wird. DR. DENNIS BALLWIESER: Na ja, und was dann noch dazugehört, Sie haben das eben schon gesagt, es ist eine Hürde, in einem hektischen, stressigen und von Personalmangel geprägten Klinikalltag sich das dann herauszunehmen, dass man sagt, ich mach jetzt aber meine 3 Minuten Bewegungsübungen, während ihr alle versucht, irgendwie durch die Schicht zu kommen. Wenn das eben nicht institutionalisiert und von oben eindeutig auch gewünscht ist, dann traut man sich das natürlich nicht. MARIT DERENTHAL: Ja, genau. Also die Frage, so wie Sie sie gestellt haben mit dem Herausnehmen, das ist zum Beispiel schon mehr oder weniger ein Problem und das empfinden natürlich auch viele Akteure oder auch die im Krankenhaus sozusagen arbeiten, dass sie dann zum Teil ihre Kollegen und Kolleginnen im Stich lassen DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. MARIT DERENTHAL: Mit der Arbeit allein lassen. Aber da kann halt eben die Führung diese Kultur entscheidend mitprägen. Und es braucht diesen Perspektivwechsel, dass man eben als Organisation auch versteht, wenn ich lange etwas von meinen Arbeitskräften haben möchte, damit sie motiviert sind, damit sie leistungsfähig sind, muss ich das fördern, dass sie sich gesundheitsförderlich sozusagen verhalten dürfen. DR. DENNIS BALLWIESER: Ja, da sprechen Sie jetzt was an, das ganz, ganz entscheidend ist, glaube ich, weil es geht ja am Ende, wenn man's mal ganz kalt betriebswirtschaftlich betrachtet, darum, dass Arbeitnehmer:innen möglichst wenige Arbeitsunfähigkeitstage haben. Das ist so die die nackte Sicht des Unternehmens auf die Ressource Arbeitskraft. Und ich versuche quasi über solche Programme als Arbeitgeber Möglichkeiten durchzusetzen, damit die Mitarbeiter:innen weniger am Arbeitsplatz fehlen oder die Aufgaben nicht erledigen können, die sie erledigen sollen. Das scheint aber trotzdem eine Sicht zu sein, wenn ich Sie richtig verstehe, die hat sich noch nicht überall durchgesetzt. MARIT DERENTHAL: Nee, keinesfalls. Also ich glaube auch, dass es gesellschaftlich grade erst in in den Kinderschuhen steckt, dass sich dieser Gedanke durchsetzt, dass man sozusagen Dass jeder investierte Euro in die Gesundheit was Gutes ist und jeder investierte Euro in Krankheiten oder Krankheitsbehebung überdacht werden darf. Aber genau, dass dass wir sozusagen die Prävention voranbringen und dass es für die Arbeitnehmenden nicht nur irgendwie nice-to-have ist, sondern einfach elementar. DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt wissen wir von der Dosis Wissen, dass uns ganz unterschiedliche Menschen im Gesundheitswesen hören. Also ich weiß, dass uns die eine oder andere ärztliche Direktorin oder Klinikvorstand durchaus hört. Ich weiß auch, dass uns ganz viele Menschen jetzt aus dem Mittelbau im Gesundheitswesen hören, die eher so auf der Seite wären, dass sie sagen, Mensch, ich würd mir das auch gerne erlauben können, bei mir am Arbeitsplatz genau das für mich und meine Gesundheit zu tun. Wo können denn Menschen, die uns jetzt zuhören, hinschauen, um Inspiration zu bekommen, was gerade, Sie haben's gerade schon gesagt, es muss nicht alles viel Geld kosten und wahnsinnig viel Strukturveränderung bedeuten, was einfach umzusetzen wäre. Wo hol ich mir Inspirationen? MARIT DERENTHAL: Natürlich bei uns. Na klar, wir haben eine Website, das Deutsche Netz Gesundheitsfördernder Krankenhäuser. Vielleicht können Sie das dann in die Shownotes oder so packen. DR. DENNIS BALLWIESER: Machen wir. MARIT DERENTHAL: Da haben wir relativ unkomplizierte Möglichkeiten und wichtig ist eigentlich, dass man anfängt. Es ist nahezu egal, ob man sagt, bevor wir eine Teamsitzung machen oder eine Besprechung, sei es die Stationsleitungen oder sei es ärztliche Besprechung, machen wir zwei Minuten Dehnung, machen wir fünf Minuten eine angeleitete Atmungsübung oder, oder, oder. Wichtig ist, dass irgendjemand anfängt und es Stück weit normalisiert. Bestenfalls natürlich jemand aus der Leitungsebene, entweder mittleres Management oder sogar oberes Leitungsmanagement, dass man das ins Leitbild mit reinnimmt, dass es sich tatsächlich um eine Aufgabe handelt und dass sie fest verbindlich ist, ähnlich wie es bei Pausenregelungen ist. DR. DENNIS BALLWIESER: Mhm. MARIT DERENTHAL: Es hinterfragt ja auch keiner, ob er Pause machen darf oder muss oder kann. Sondern es ist festgeschrieben, dass es eben den Arbeitnehmern zusteht. Und so sollte es auch mit gesundheitsförderlichem Verhalten sein, dass es nicht schwer ist, sich gesundheitsförderlich zu verhalten und eben zum Beispiel zu bewegen, sondern dass es dass es ganz normal wird. DR. DENNIS BALLWIESER: Und haben Sie aus Ihrer Arbeit im Netzwerk beziehungsweise dem, was in den vergangenen Jahrzehnten zu dem Thema in Deutschland passiert ist, auch Daten, wie sich in Kliniken, die das zum Beispiel umsetzen, etwas zum Positiven verändert hat, sodass man's wissenschaftlich belegen kann? MARIT DERENTHAL: Ja, da gibt es auf jeden Fall was. Ich hatte ja eben grad schon mal diese internationale Studie aus Dänemark angesprochen. Die ist von, also die federführende Person heißt sozusagen Jakobsen und hat es aber mit Kollegen gemacht 2015 und die haben 200 Healthcare Workers in 18 Krankenhausabteilungen befragt. Und die da kam sozusagen Also die Intervention war dann fünf Mal zehn Minuten pro Woche sozusagen eine Übung zu machen während der Arbeitszeit, was sozusagen gleichzeitig kombiniert wurde mit Coaching. Also wir haben sozusagen die Ansätze kurz, integriert und strukturiert. Und das Ergebnis war tatsächlich, dass sozusagen ja signifikante Reduktion der wahrgenommenen körperlichen Belastung und damit einfach auch eine viel bessere Effekt als Heimtraining, ja, nachgewiesen wurden. DR. DENNIS BALLWIESER: Dann bleibt mir am Ende dieser Spezialfolge von ´ne Dosis Wissen zuzugestehen, dass wir beide während der Aufnahme gesessen haben. Es ist verwerflich. Wir geloben Besserung und versprechen, dass wir gleich nach der Aufnahme Sie bei sich und wir hier bei uns uns alle noch zwei Minuten bewegen, damit das auch eine gesundheitsfördernde Folge war. Wir packen das, was Sie uns gerade eben gesagt haben, sowohl den Link zum DNGfK, dem Deutschen Netz gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen, als auch die entsprechende Studie, die Sie gerade zitiert haben, natürlich in die Shownotes und packen da auch noch Links rein zu entsprechenden weiteren Informationen, wenn Hörerinnen und Hörer das ganz konkret bei sich in die Tat umsetzen wollen. Dann danke ich erst mal Ihnen, Marit Derenthal, für die Zeit, die Sie sich heute genommen haben und für den Input. MARIT DERENTHAL: Ja, danke, dass ich hier sein durfte und auch danke, dass es diesen Podcast gibt. Das ist so wertvoll, genau das brauchen wir. DR. DENNIS BALLWIESER: Vielen herzlichen Dank. Das freut das ganze Team und mich persönlich auch. Falls ihr eine unserer Spezialfolgen zum Thema Bewegung im Mai verpasst haben sollten, dann könnt ihr die natürlich auch alle nachhören, jederzeit und dauerhaft. Entweder ihr geht auf gesundheit-hören.de oder ihr schaut jetzt da, wo auch immer ihr eure Podcasts holt, nach im Kanal von ´ne Dosis Wissen. Und dann geht's hier auf diesem Kanal am Montag mit der nächsten regulären Folge von ´ne Dosis Wissen in kompakten zehnt Minuten ab 6 Uhr morgens weiter. Euch erst mal ein schönes und bewegtes und gesundes Wochenende. SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro. gesundheit-hören, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
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