Wenn chirurgische Instrumente nicht zur Hand passen
Shownotes
Chirurgische Instrumente gelten als hochpräzise Werkzeuge – doch viele von ihnen sind bis heute an der durchschnittlichen männlichen Handgröße orientiert. Mit dem steigenden Anteil von Chirurginnen wird dieses sogenannte Gender-Design-Gap zunehmend sichtbar: Zu große Griffspannen, schwer erreichbare Bedienelemente oder hoher Kraftaufwand können die Handhabung erschweren und zu schnellerer Ermüdung führen. Dr. Laura Weisenburger, Ärztin und Redakteurin der Apotheken Umschau, gibt konkrete Beispiele aus dem OP-Alltag und spricht über aktuelle Studiendaten zur Ergonomie chirurgischer Instrumente und mögliche Lösungsansätze für eine gerechtere Arbeitsumgebung im OP.
Für die Folge haben wir Informationen eingeholt bei: Dr. med. Sophie Schleußer und Dr. med. Maria Elze
Hinweis: Das Transkript wurde automatisch erstellt.
Quellen und nützliche Links:
- Befragungsstudie zu Handschuhgrößen und Handhabung chirurgischer Instrumente (engl.; DOI: 10.1177/15533506251388)
- Artikel zum Thema im Deutschen Ärzteblatt
- Internationale Befragungsstudie zum Thema (engl.; DOI: 10.7759/cureus.14952)
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Autor:innen: Emeli Glaser, Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Felix Kunz, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;
Redaktion: Sebastian Brodkorb, Sina Metz, Kareen Seidler;
Chefredakteur: Peter Glück;
Postproduktion: BEBE Medien GmbH
[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner findet ihr hier: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner
Transkript anzeigen
00:00:01: SPRECHER: gesundheit-hören
00:00:04: DR. LAURA WEISENBURGER: Sieben. Das ist meine OP-Handschuhgröße, also Gummihandschuhgröße. Wer regelmäßig im OP und am Tisch steht, weiß das. Was jetzt leider noch nicht so fürchterlich lange bekannt ist, was man sich aber eigentlich schon vorher hätte denken können, ist: Diese Größe der Hände, das beschreibt ja die Handschuhgröße, steht tatsächlich im Zusammenhang damit, wie gut ich Instrumente bedienen kann oder wie gut eben nicht. Und darum geht's in der heutigen Folge. Guten Morgen, willkommen zu „’ne Dosis Wissen“. Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt bei dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. Uns hört ihr jeden Werktag ab sechs Uhr morgens mit einem Thema in kompakten zehn Minuten für euch aufbereitet. Mein Name ist Laura Weisenburger. Ich bin Ärztin und wissenschaftliche Redakteurin im Team der Apotheken Umschau.
00:01:06: SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
00:01:12: DR. LAURA WEISENBURGER: Und wir widmen uns dem Thema Frauen in der Chirurgie. Jetzt sagt ihr: Moment, eben gerade ging's doch um Hände. Ja, das hängt natürlich alles mit allem irgendwie zusammen. Es wurde nämlich festgestellt, Überraschung, Überraschung, die meisten Frauen haben eher kleinere Hände als Männer. Hat auch was mit der Körpergröße, Proportionen et cetera zu tun. Aber die meisten Instrumente passen dann nicht auf diese Hände. Also spezielle Instrumente. Was genau alles dazugehört, dazu kommen wir später noch. Es gibt auf jeden Fall Untersuchungen, die das genauso belegen und wir haben natürlich auch mit zwei Expertinnen gesprochen, die das ebenfalls persönlich nachvollziehen können, aber eben auch Untersuchungen dazu gemacht haben. Und zwar einmal mit Sophie Schleußer. Sie ist Oberärztin an der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie am Uniklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Sie hat eine Umfrage zu dem Thema gemacht, die aktuell noch in der Publikationsschleife ist. Und mit Maria Elze hat unser Team auch gesprochen. Sie ist Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie am Uniklinikum in Leipzig. Sie hat eine Studie zum Verhältnis Handschuhgröße, da ist sie wieder, und Bedienbarkeit chirurgischer Instrumente veröffentlicht. Da gibt's echt eine Menge anzugucken zum ersten Kaffee des Tages. Schnappt euch den und dann starten wir mal rein. Warum müssen wir jetzt drüber reden? Weil es einfach relevanter wird. Wenn man sich die Zahlen anschaut von 1980, da war unser Rechercheteam so nett und hat mal geguckt, wie viele Frauen gab's denn da in der Chirurgie? Also der Anteil von Frauen in chirurgischen Fächern, der lag bei zwei Prozent. Das ist natürlich unfassbar lachhaft. Jede 50. Person, die operierte, war eine Frau. Inzwischen, na ja, holen wir da langsam, langsam auf. Es liegt bei 24 Prozent inzwischen der Anteil. Das sind die Daten von 2024, passt sehr schön, kann man sich gut merken. Dementsprechend also fast nicht ganz jede vierte Person, die am Tisch steht, ist eine Frau. Aber ihr seht auch, das wird natürlich relevanter. Und auch in Zukunft ist davon auszugehen, dass es noch relevanter wird, weil es kommen insgesamt einfach mehr Frauen in die Medizin. So, und jetzt reden wir mal über die Instrumente, die da so benutzt werden müssen. Gerade die mechanischen, die in irgendeiner Weise auch noch mal gedrückt oder aktiviert werden müssen, die sind meistens so konstruiert, dass sie besonders von größeren Händen gut bedient werden können. Und größere Hände gehören normalerweise im Durchschnitt eher Männern. Wir haben hier also eine Diskrepanz. Die Geräte passen sich nicht den Menschen an, die sie inzwischen benutzen. Und die Leidtragenden sind diejenigen, die sie benutzen müssen. Und natürlich sind das nicht nur Chirurginnen, aber eben vor allen Dingen, es sind auch einfach Menschen, die kleinere Hände haben. Jetzt möchtet ihr vielleicht sagen: Moment mal, also so riesig kann es doch gar nicht sein, dieser Unterschied und es so schlimm ist das doch alles gar nicht. Moment, da haben wir, wie ich schon anfangs sagte, auch ein paar Untersuchungen für euch rausgesucht. Das ist messbar, dass es wichtig ist. Kommen wir zur ersten. Das ist von unserer Expertin Sophie Schleußer durchgeführt worden, eine Onlinebefragung. An der haben mehr als 800 Chirurginnen teilgenommen. Und wie viele sagten da in dieser Befragung, dass ihnen die Instrumente zu groß sind und sie sie nicht gut bedienen können? 56 Prozent. Das ist deutlich über der Hälfte. Die sagen alle, da hatte ich schon mal Probleme. Wann eventuell? Tja, dazu gehören zum Beispiel motorisierte Instrumente wie Bohrmaschinen oder auch K-Drahtpistolen. Die hat unsere Expertin bei sich selbst natürlich auch schon in der Hand gehabt und genau hier identifizierte sie einen Gender Design Gap. So heißt das im Grunde genommen inzwischen. So wird das benannt in der Medizintechnik. Das heißt, es ist gemacht für nur ein Geschlecht beziehungsweise eine Handgröße. Sophie Schleußer sagt uns dazu, bei manchen Modellen müssen die Operierenden gleichzeitig einen Hebel dauerhaft gezogen halten und dann zusätzlich einen Auslöseknopf betätigen, damit das eben überhaupt losgeht. Und für alle mit kleineren Händen ist diese Kombination eben oft schwer erreichbar, sodass das Instrument nur mit erhöhter Kraft oder mit einer sehr unergonomischen Handhaltung bedient werden kann. Und dieses Problem betrifft nicht nur so spezielle Instrumente, sondern eben auch ganz traditionelle wie zum Beispiel die Luer-Zange. Die nannte sie uns auch. Damit werden Knochenreste entfernt. Große Nadelhalter können ein Problem machen, weil man da eine besonders große Griffspanne braucht. Und das alles führt letztendlich dazu, dass man sie weniger kontrolliert bedienen kann und die Hände bei der Arbeit schneller ermüden. Und das natürlich auch total schlecht, wenn ich mitten in der OP feststelle, Mist, mir zittert so langsam meine Hand, weil die Kraft, die ich in der Hand die ganze Zeit benötige, in den Fingern, die ja äußert sich so langsam in diesem Mini-Tremor, den man eben bekommen kann, wenn die Muskeln beansprucht sind. Unsere Expertin ergänzte auch noch mal bei der Diskussion über passende Instrumente geht es ja nicht nur pauschal um die richtige Größe, sondern natürlich auch um die Ergonomie. Frauen haben im Durchschnitt nicht nur kleinere Hände, sie haben auch weniger Handkraft. Und wenn man all das zusammen sieht, dann wird das eben zu einem größeren Problem bei dem auf Männerhände optimierten Instrument.
00:06:57: DR. LAURA WEISENBURGER: Gucken wir uns jetzt aber noch mal die zweite Untersuchung an, durchgeführt von unserer zweiten Expertin Maria Elze, wie gesagt, Oberärztin in Leipzig und sie hat eine geschlechtsunabhängige Studie durchgeführt. Wollte nämlich von den Befragten nur wissen: Was haben sie denn für Handschuhgrößen und wie gut kommen sie mit chirurgischen Instrumenten zurecht? Und da ergab sich, ja perfekt, die ideale Handschuhgröße, die man haben muss, um optimal mit allen chirurgischen Instrumenten zurechtzukommen, ist 8,5. Für diejenigen, die jetzt nicht so genau wissen, wie groß eigentlich eine 8,5 ist. Ich weiß, dass meine Handspanne von der richtig groß ausgestreckten Hand über 22 Zentimeter sind, vom Daumen bis zum kleinen Finger der Fingerspitze. Für all diejenigen, die Klavier spielen, das ist eine Dezime. Das sind zehn Tasten, die ich da auf einmal greifen kann, grad so. Und ich habe eine 7, wohlwollend 7,5, wenn ich diese Indikatorhandschuhe zwei übereinander anziehen musste. Dann brauchte ich die ein bisschen größer. Das heißt also, meine Hände sind immer noch eine komplette Handschuhgröße zu klein, obwohl ich wirklich eben neutral betrachtet relativ große Hände habe, um mit allen chirurgischen Instrumenten optimal umgehen zu können. Und wenn wir uns jetzt die große Bandbreite bei den Chirurginnen anschauen und da auf den Durchschnitt gucken, dann liegt die durchschnittliche Handschuhgröße bei 6,5, ganze zwei Handschuhgrößen drunter. Und selbst unter den männlichen Chirurgen ist das lediglich eine 8. Das heißt, auch denen fehlt eigentlich natürlich im Durchschnitt betrachtet eine halbe Handschuhgröße, um alle Instrumente optimal zu bedienen.Elze sagte dazu, viele Nutzerinnen und Nutzer mit kleineren Händen hatten hingegen deutliche Handhabungsschwierigkeiten mit einigen Instrumenten.
00:08:52: DR. LAURA WEISENBURGER: Also das ist auch wirklich da das Problem. Und das zeigt sich nicht nur in deutschen Studien, sondern das ist weltweit nachgewiesen. Da gab's 2021 international eine Befragung. Da berichteten deutlich mehr orthopädische Chirurginnen im Vergleich zu den männlichen Kollegen über körperliche Beschwerden im Zusammenhang mit chirurgischen Instrumenten, nämlich über 87 Prozent, während es bei den Männern nur 45 waren. Die sagten ja, das tut mir weh, wenn ich das zu lange benutze, geht nicht. So, wie kommen wir jetzt dahin? Was muss sich ändern? Dazu sagte unsere Expertin Maria Elze, sie könnte sich vorstellen, schon geringe Abänderungen der alten Größe würden schon reichen, um Instrumente zu haben, die für die allermeisten Operierenden gut passen. Dazu müsste man aber natürlich im ersten Schritt überhaupt genauer die Bedarfe und die Größen überhaupt erst mal ermitteln und schauen, wo die liegen. Schleußer zieht hingegen folgendes Fazit. Fest steht für sie, dass sich was ändern muss. Das Problem wird ja nicht kleiner, sondern tendenziell größer. Die Zahl der Chirurginnen nimmt weiter zu und die Chirurgie, das betonte sie noch mal, ist ein hochpräzises Fach. Da haben alle Agierenden ein Arbeitsumfeld verdient, was auf sie zugeschnitten ist. Und wie die Lösung dann genau aussehen wird, das muss man sehen. Aber der Druck steigt hoffentlich, dass hier was geschieht. Das war „’ne Dosis Wissen“ zu euren Händen oder vielleicht zu den Händen von so einigen Operierenden.
00:10:22: DR. LAURA WEISENBURGER: Mich würde interessieren, jetzt wirklich ganz persönlich an der Stelle, habt ihr das auch schon mal erlebt? Ist euch das schon mal irgendwie begegnet, dass ihr feststellt: Mist, ich kann meinetwegen auch den Ultraschallkopf oder die Injektionsvorrichtung mit Ultraschall gar nicht so gut halten, wie ich's sollte. Kennt ihr das aus eurem persönlichen Arbeitsalltag, dass ihr gemerkt habt, die Arbeitsgegenstände, die ich habe, die passen aber eigentlich nicht zu meiner Körperform, meiner Handgröße, was auch immer. Schreibt uns das doch mal sehr, sehr gerne in die Kommentare oder an redaktion@gesundheit-hoeren.de.
00:11:02: SPRECHER Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau pro. gesundheit-hören. Das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
Neuer Kommentar