Funktionelle Bewegungsstörungen: erste Leitlinie
Shownotes
Tremor, Gangstörungen, Dystonien, Myoklonien oder Lähmungen: Wenn es zu diesen Symptomen kommt und wenn sie sich keinem Muster klassischer neurologischer Erkrankungen zuordnen lassen, dann liegen Formen funktioneller Bewegungsstörungen vor. Die genauen Ursachen sind komplex, entsprechend auch Diagnostik und Therapie. Viele Patient:innen bekommen deshalb keine adäquate Behandlung. Damit sich das ändert, ist nun die erste Leitlinie zum Thema erschienen. Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, hat sie sich angeschaut.
Für die Folge haben wir Informationen eingeholt bei: Prof. Dr. Anne Weißbach
Stand: 16. Juni 2026
Hinweis: Das Transkript wurde automatisch erstellt.
Quellen und nützliche Links:
- S2k-Leitlinie. Funktionelle Bewegungsstörungen (AWMF-Registernummer: 030/148)
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Autor:innen: Emeli Glaser, Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Felix Kunz, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;
Redaktion: Sina Metz, Kareen Seidler;
Chefredakteur: Peter Glück;
Postproduktion: BEBE Medien GmbH
[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner findet ihr hier: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner
Transkript anzeigen
00:00:03: Gesundheit hören.
00:00:04: Funktionelle Bewegungsstörungen gehören zu den eher rätselhaften Erkrankungen.
00:00:08: Diagnostik und Therapie sind meist komplex, wie man da am besten vorgehen kann beschreibt eine neue Leitlinie.
00:00:18: Guten Morgen und Willkommen zu Ne Dosis Wissen dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen!
00:00:23: Ne Doses Wissen gibt es Werktagsabsexuen der Früh in kompakten zehn Minuten.
00:00:27: Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt und Teil der Chefredaktion der Apotheken-Umschau.
00:00:32: Heute ist Dienstag, der sechzehnte Juni, zwei
00:00:42: tausend sechsundzwanzig.
00:00:45: Es geht um Tremor, Gangstörungen, Dystonien, Myoclonien und Lähmungen!
00:00:50: Wenn sich diese Symptome keine Muster klassischer neurologische Erkrankungen zuordnen lassen Dann geht es um Formen funktioneller Bewegungsstörungen.
00:01:01: Die genauen Ursachen sind komplex, viele Patientinnen bekommen deshalb keine adäquate Behandlung.
00:01:07: Damit sich das ändert ist nun die erste Leitlinie zum Thema erschienen.
00:01:11: Das ist eine S-IIK-Leitlinien Funktionelle Bewegungsstörungen von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie im April.
00:01:22: Wir haben darüber mit der Koordinatorin dieser Leitlinie gesprochen, das ist Anne Weißbach.
00:01:27: Sie ist Neurologen und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Systemische Motorikforschung der Universität zu Lübeck.
00:01:37: Unsere interdisziplinäre Leitlinie ist ein Meilenstein für die Diagnostik- und Therapiefunktioneller Bewegungsstörungen.
00:01:44: Diese konnten wir unter Koordination der Deutschen Gesellschaft für Neurologie mit vielen weiteren Fachgesellschaften aus dem Bereich Psychosomatik, Psychiatrie, Psychotherapie, Physiotherapie Ergotherapie Sprachwissenschaften Logopädie aber auch Mit PatientInnen zusammen gestalten!
00:02:01: Dann holt euch mal euren ersten Kaffee des Tages und dann geht's los.
00:02:09: Funktionelle Bewegungsstörungen, da sprechen wir davon wenn es um anhaltende oder wiederkehrende Beeinträchtigung der willkürlichen motorischen Kontrolle geht.
00:02:18: Das ist eine abgegrenzte Erkrankungsgruppe im Bereich der funktionellen neurologischen Störungen das heißt es ist kein struktureller Schaden im Nervensystem zu finden.
00:02:29: Daten gibt es dazu wenige, die schwanken auch stark wenn man sich zum Beispiel die Prävalenz anschaut.
00:02:35: Was man weiß ist das Frauen überdurchschnittlich häufig betroffen sind im Vergleich zu Männern also mehr als zwei Drittel der PatientInnen sind Frauen.
00:02:44: Die Symptome können vielfältig sein.
00:02:46: Es geht um Bewegungsstörungen wie Zittern, Zucken, Fehlhaltung, Gangsstörungen aber auch Verlangsamungen Lähmungen oder Schwächen.
00:02:54: Parallel dazu kommt es häufig zu funktionalen neurologischen Störungen wie zum Beispiel Schwindel oder Dissoziativen Anfällen.
00:03:03: Wie diese Störung entstehen, da gibt's Veränderungen entlang verschiedener neuronaler Verarbeitungsebenen ohne dass es normalerweise eine spezifische strukturelle Lesion gibt die man herausgreifen könnte.
00:03:18: Es gibt dazu ein biopsychosoziales Erklärungsmodell.
00:03:21: also das ganze läuft dann über die Interaktion biologischer Verletzungen, psychologischer Prozesse und sozialer Einflüsse.
00:03:29: Man erklärt sich sowohl das Entstehen als auch die Persistenz dieser Störungen durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
00:03:37: Einerseits predisponierende Faktor, also zum Beispiel Erfahrungen von Krankheit oder Komorbiditäten, dann auslösende Ereignisse, also akut z.B.
00:03:46: ein Unfall oder eine Verletzung und dann aufrechterhaltende Mechanismen, also z. B. dysfunktionale Bewältigungsstrategien oder socioökonomische Faktoren.
00:03:56: Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei etwa vierzig Jahren.
00:04:02: Dieser komplexen Zusammenhänge und der Unsicherheiten könnt ihr schon heraus hören, dass das ein extrem heterogenes Krankheitsbild ist.
00:04:10: Das heißt es hängt extrem von den einzelnen Patientinnen und Patienten ab was man denn nun als Symptome dieser Erkrankung erlebt?
00:04:19: Anne Weißbach sagt uns dazu im Gespräch mit eine Dosis wissen.
00:04:22: Da gibt es Patientinnen, die eine isolierte Bewegungsstörung haben.
00:04:25: Also zum Beispiel nach einem Bagatelltrauma, nach einem Unfall sagen wir an der Hand am Daumen wo auf einmal eine Fehlbewegung da ist.
00:04:32: und wenn ich den Patienten erkläre dass bestimmte Bewegungen mit dem Daumen noch gut funktionieren wenn die Aufmerksamkeit nicht auf der Bewegungsausführung liegt und sie das auch selber erleben können, dass das auch veränderbar ist dann kann das manchmal dazu führen dass die Patienten nicht mehr symptomatisch sind und manchmal auch wenig Therapie brauchen.
00:04:51: Ihre Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität können schnell wiederhergestellt werden.
00:04:56: Am anderen Ende der Diagnose stehen dann zum Beispiel Menschen mit komplexen funktionellen neurologischen Störungen.
00:05:02: Da ist die motorische Störung nur Teil der Erkrankung, daneben gibt es viele andere funktionelle neu neurologische Symptome wie z.B.
00:05:10: Empfindungsstörungen also zum Beispiel Kribbeln oder Misempfindungen in einer Körperhälfte bis hin zu Konzentrationsstörerungen mit der schlimmsten Ausprägung dem sogenannten Brain Fog.
00:05:22: Oft genug gibt es dann Komorbiditäten aus anderen nicht funktionellen Erkrankungsbereichen, zum Beispiel dass die Patientinnen auch an Migräne oder ADHS leiden oder eine posttraumatische Belastungsstörung mit sich tragen.
00:05:37: In dieser Gruppe der PatientInnen kommt's dann häufig in der Folge auch zur Pflegebedürftigkeit oder Arbeitsunfähigkeit oder beidem!
00:05:46: Eine der zentralen Empfehlungen der neuen Leitlinie lautet, die Erkrankung muss nicht wie früher angenommen durch eine Inkongruenz zu anderen nicht funktionellen Störungen definiert werden.
00:05:57: Eine Erkrankung allein durch Abgrenzung zu allen anderen Störungsformen zu definieren ist ebenso unüblich wie unlogisch denn dies setzt eine unmögliche medizinische Allwissenheit voraus.
00:06:08: Entlose Ausschlussdiagnostik und ein untilgbarer Restzweifel sind die Folgen, die einer abschließenden klinisch gesicherten Diagnosestellung und deren Vermittlung und Akzeptanz entgegenwirken.
00:06:19: Deshalb sollte man die Diagnose anhand krankheitsspezifischer klinischer Untersuchungstechniken sichern!
00:06:26: Anne Weißbach sagt dazu Wir diagnostizieren anhand der klinischen Charakteristika, die diese Patientinnen zeigen.
00:06:33: Das sind eine Variabilität der Symptomschwere und auch die Art der Symtome.
00:06:37: Das heißt abhängig von Kontext- und Aufmerksamkeit werden die Symptome zum einen stärker oder schwächer ändern sich aber auch in ihrer Art.
00:06:45: Das heisst jemand, der zittert kann dann zum Beispiel auch Verdrehungen oder Verkrampfungen zeigen.
00:06:50: es ist alles sehr im Fluss.
00:06:52: Das ist das eigentliche klinische Charakteristikum.
00:06:55: Generell sind selbst neurologenden zu wenig darin geschult, diese Muster zu erkennen.
00:07:01: Wichtig ist dass das ganze Kontext und Aufmerksamkeits unabhängig ist von den Symptomen her.
00:07:08: Und Anne Weisbach sagt weiter Da ist es nicht nur entscheidend, dass ich das als Ärztin sehe sondern dass sich meine Patienten mitnehme.
00:07:15: Das heißt die Patienten sollen die Möglichkeit bekommen diese Diagnose selber zu erfahren also dasselber zu erleben diese Variabilität der Befunde denn das hilft damit sie die Erkrankung verstehen und auch akzeptieren können.
00:07:28: Und das hilft auch dabei, dass Patientinnen verstehen warum bestimmte therapeutische Strategien wichtig sind.
00:07:35: Und aus dem, was ich bisher gesagt habe könnt ihr schließen dass die Behandlung natürlich auch entsprechend divers und interdisziplinär aufgestellt sein muss.
00:07:44: Die Eckpfeiler bilden die Psychotherapie, die Physiotherapie ,die Ergotherapie und je nach Symptomatik auch Logopädie- und Sprachtherapie.
00:07:52: Dazu sagt Anna Weißbach, wir haben eigene Kapitel dafür geschrieben auch von Experten aus diesen Fachbereichen.
00:07:58: Unsere Leitlinie ist eine wichtige Grundlage damit interdisziplinäre Therapie wirklich gelingen kann.
00:08:04: und dann muss das Ganze natürlich individualisiert werden.
00:08:07: Das heißt sie schauen sich an was zeigt die Patientin oder der Patient für motorische Symptome?
00:08:13: Ist es eher ein zu viel Anbewegung?
00:08:15: Ist er hyperkinetisch?
00:08:16: Ist Es eher zu wenig?
00:08:17: Ist Sie geschwächt?
00:08:19: hat sie Lemungen?
00:08:20: Treten die Symptome eher plötzlich attackenartig auf oder ist er dauerhaft davon betroffen?
00:08:27: Auch wichtig für die Therapiegestaltung sind dann natürlich die persönlichen Wünsche der einzelnen Betroffenen Person.
00:08:33: Anna Weisbach sagt dazu, wie Therapieindividuell gestaltet werden kann, müssen wir immer gucken!
00:08:39: Wie ist die private Situation unserer Patienten?
00:08:41: Haben die Angehörige, um diese sich kümmern müssen.
00:08:44: Gibt es eine gewisse Versorgungsstruktur?
00:08:46: Manchmal ist das hilfreich, dass man mit den Therapeuten, die man vor Ort hat in den Austausch kommt und da sind wir als Ärztinnen gefragt, die koordinierende Stelle zu sein, die die anderen Disziplinen zum einen an Bord nimmt und zum zweiten sicher stellt, dass diese genügend Wissen über diese Erkrankung haben.
00:09:03: Last but not least – Es gibt Keinelei Empfehlung für eine Medikamentösetherapie, weil es keine effektiven Wirkstoffe für diese sehr unterschiedlich auftretende Erkrankung bzw.
00:09:15: diese Erkränkungsbilder gibt.
00:09:18: Abschließend noch eine wichtige Einschätzung von Anne Weisbach zum Krankheitsbild.
00:09:24: Was gerade intensiv in wissenschaftlichen Studien untersucht wird ist dass Patienten mit funktionellen Störungen erhöhte Plazebo- und Nozeboeffekte zeigen.
00:09:33: Das liegt auch an der Pathophysiologie der Erkrankung.
00:09:36: Dadurch, dass PatientInnen mit funktionellen Störungen erhöhte Vorahnungen haben und dadurch über ein prädikatives kodierendes Modell tatsächliche sensormotorische Rückmeldungen herabreguliert werden die über Symptome über den eigenen Körper aber auch über die Umwelt kommen.
00:09:52: Und darüber werden placebo- und Noceboeffekte mitgeneriert – und gegebenenfalls gesteigert!
00:09:59: Ebenso zeigen Studien, dass Patientinnen mit funktionellen Störungen häufig über Nebenwirkungen von Medikamenten berichten.
00:10:06: oder dass Medikamenteffekte, wenn sie denn positiv waren meistens sehr schnell sehr stark waren aber nur von kurzer Dauer.
00:10:14: Daher sollten wir Patientinnen verdeutlichen das die Krankheitsspezifische Therapie nicht medikamentös sein sollte sondern zum Beispiel Physiopsycho- oder Ergotherapie beinhalten sollte und dass man an der fehlerhaften Aufmerksamkeitsverlagerung und den Vorahnungen arbeiten sollte und wir nicht die eine Wundertablette haben.
00:10:36: Das finde ich ein schönes Schlusswort.
00:10:37: Ein Fazit zu der heutigen Folge von Ne Dosis Wissen, das ist ein sehr komplexes, sehr spannendes und glücklicherweise verhältnismäßig seltenes Krankheitsspektrum.
00:10:48: Wenn es da Neurungen gibt erfahrt ihr natürlich auch von denen hier bei ne Dosis wissen!
00:10:57: Das war die heutige Folge.
00:10:59: Die nächste gibt's morgen früh ab sechs Uhr in der Früh überall da wo Ihr Podcast findet.
00:11:03: wenn euch die heutiga Folge gefallen hat dann sagt es weiter an Menschen, die unsere Folgen spannend finden könnten und uns bisher noch nicht hören.
00:11:11: Danke, dass ihr es
00:11:33: tut!
Neuer Kommentar