Sucht und Psychose: Erste S3-Leitline veröffentlicht

Shownotes

Fast jede zweite Person mit einer Psychose entwickelt im Lauf des Lebens auch eine Suchterkrankung. Cannabis und Stimulanzien können Psychosen auslösen, umgekehrt greifen viele Betroffene zur Selbstmedikation. Ein Teufelskreis. Die Behandlungslogiken passen dabei schlecht zusammen: Suchttherapie arbeitet oft kurz, konfrontativ und möglichst ohne Medikamente. Bei Psychosen sind Medikamente erste Wahl, die Psychotherapie soll aufbauen und unterstützen. Wer beides hat, wird oft zwischen den Systemen hin- und hergeschoben. Was also tun bei Doppeldiagnose? Erstmals gibt es dazu eine S3-Leitlinie. Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, erklärt, worauf Behandler:innen achten sollten.

Für die Folge haben wir Informationen eingeholt bei: Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank

Hinweis: Das Transkript wurde automatisch erstellt.

Stand: 3. September 2026

Quellen und nützliche Links:

  • S3-Leitlinie Psychosen mit komorbider substanzbezogener Störung
  • Wirksamkeitsstudie zur integrierten Behandlungen von Patient:innen mit Doppeldiagnose Sucht und Psychose (engl.; DOI: 10.3238/arztebl.2015.0683) 
  • Metastudie zum Zusammenhang von Drogenkonsum und psychotischen Symptomen bei Jugendlichen (engl.; DOI: 10.1017/S0033291722003440)

Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:

Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;

Autor:innen: Emeli Glaser, Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Felix Kunz, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;

Redaktion: Sina Metz, Kareen Seidler;

Chefredakteur: Dennis Ballwieser;

Postproduktion: BEBE Medien GmbH

[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner findet ihr hier: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner

Transkript anzeigen

00:00:03: Gesundheit hören.

00:00:04: Psychosen und Suchterkrankungen gehören zu den schwersten psychischen Störungen.

00:00:09: Und treten häufig gemeinsam auf.

00:00:11: Behandelt werden sie bislang getrennt mit oder ohne Medikamente, stützend oder konfrontativ.

00:00:17: Jetzt gibt es erstmals eine Leitlinie die diese beiden Welten zusammenführt.

00:00:22: Wir sprechen darüber worauf Behandlerinnen achten sollten.

00:00:31: Guten Morgen und willkommen zu Ne Dosis Wissen, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen.

00:00:36: Ne Doses Wissen gibt es Werktags ab sechs Uhr in der Früh in kompakten zehn Minuten.

00:00:40: Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt- und Chefredakteur der Apotheken Umschau.

00:00:44: Heute ist Donnerstag, der dritte September zwei tausend

00:00:56: sechsundzwanzig.

00:00:58: Es geht also um die Behandlung von Psychosen mit Komorbidersubstanz bezogener Störung Denn da ist die erste S-III-Leitlinie veröffentlicht worden, die sich um die Behandlung von Patientinnen mit beiden Störungen kümmert.

00:01:14: Darüber gesprochen haben wir mit Euphrosyne Gozulis Maifrank – sie ist die Koordinatorin der Leitlinien.

00:01:20: Außerdem isst sie die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenhalkunde der DGPPN Und im Hauptberuf ist sie die ärztliche Direktorin der LVR-Klinik in Köln.

00:01:34: Holt euch euren ersten Kaffee des Tages und dann geht's los!

00:01:43: Vom Psychosen sind in Deutschland tatsächlich zwischen vierhunderttausend und achthundert tausend Menschen betroffen, das ist doch eine ganz schön eindrucksvolle Zahl.

00:01:52: Die Symptome reichen von den Positivsymptomen bis zu den Negativsymtomen.

00:01:58: ein paar Beispiele herausgegriffen Positiv Symptome sind die Dinge, wo etwas entsteht was nicht da ist.

00:02:04: Also zum Beispiel Halluzinationen wie das Stimmenhören oder Warenvorstellungen wie ein Verfolgungswahn oder sogenannte Ich-Störungen also wo die Grenze zwischen dem ich und der Umwelt verschwimmt.

00:02:17: Bei den Negativsymptomen fehlt also etwas.

00:02:21: Da geht es um die Antriebslosigkeit, den sozialen Rückzug oder die Effektverflachung Negativ.

00:02:27: Symptome treten vor allem in der Protromalfase zwischen zwei akuten Episoden auf und diese akuten Episode sind dann eben von den Positivsymptomen gekennzeichnet.

00:02:39: Psychosen treten häufig zusammen mit substanzbezogenen Störungen auf, die Lebenszeitprävalenz für eine substanz bezogene Störung liegt bei Menschen mit einer Schizophrenie beispielsweise bei bis zu fünfzig Prozent bei bipolaren Störungen sogar über diesem Schwellenwert.

00:02:59: Wenn man das mit der Durchschnittsbevölkerung vergleicht, dann ist im Schnitt weniger als jeder zwanzigste Deutsche abhängig von Alkohol-, Medikamenten-, Cannabis- oder Stimulantien wie Amphetamin oder Kokain.

00:03:14: Das heißt hier ist eine riesengroße Lücke zwischen der Allgemeinbevölkerung und Menschen zum Beispiel mit einer Schizophrenie.

00:03:23: Warum ist das so?

00:03:25: Ganz geklärt ist es nicht, es gibt drei Theorie.

00:03:28: Die erste Theorie besagt dass die Psychose möglicherweise die Sucht verursacht.

00:03:33: demnach würden Drogen zur Selbstmedikation bei psychotischen Symptomen genutzt, die dann wiederum die Symptome der Psychose verschlimmern.

00:03:43: Die zweite Theorie ist, die Sucht verursacht umgekehrt die Psychose.

00:03:47: Also das zum Beispiel Drogen vor allem Cannabis-Ister im Verdacht aber auch Stimulanzien Psychosen überhaupt erst auslösen.

00:03:55: und dann gibt es noch die Theorie dass es gemeinsame etiologische Faktoren gibt, die zum Erkrankungsbild führen.

00:04:02: Das wären dann also genetische Fktoren wie zb eine dopaminerge Dysfunktion die zu antisozialen Persönlichkeitszügen führen.

00:04:12: ist auch ein bidirektionales Modell plausibel, das also zum Beispiel Jugendliche oder junge Erwachsene mit einer Disposition zur Psychose Drogen zu Effektregulierung nutzen und einen dysfunktionaler Copping versucht dann den Ausbruch einer psychotischen Episode begünstigt.

00:04:31: Das alles ist aber wie gesagt Theorie- und Diskussion.

00:04:35: Fakt ist der Substanzkonsum kann zeitlich limitierte Psychosen auslösen Und die klingen, wenn man dann die Substanzen absetzt oft von alleine ab.

00:04:46: Klinikdaten zeigen zudem der Drogenkonsum geht zeitlich oft psychosen voraus.

00:04:52: Menschen mit einer Sucht haben im Schnitt früher erste psychotische Episoden.

00:04:58: Die Doppeldiagnose Psychose und Sucht gilt als schwerwiegende psychische Erkrankung mit dramatischen Folgen.

00:05:04: Mögliche Folgen sind zum Beispiel der Verlust des Arbeitsplatzes oder der Ausbildungsstelle, Obdachlosigkeit ist häufig, Familie und Freunde wenden sich dann häufig ab und dazu kommen gesundheitliche Probleme wegen des Substanzkonsums – das Ganze chroniziert außerdem typischerweise.

00:05:22: Das Problem bislang ist dass die Behandlungskonzepte für Sucht- und Psychosen völlig unterschiedlich sind!

00:05:27: Euphrosynecozulis Maifrank sagt uns dazu im Gespräch mit eine Dosis Wissen.

00:05:32: Die zwei Versorgungslinien für die Substanzgebrauchsstörung und die Psychose haben sich getrennt voneinander entwickelt, mit unterschiedlichen Traditionen und Behandlungsphilosophien.

00:05:41: Die Behandlung von Menschen mit Psychose folgt einem medizinischen Prinzip – die Behandelung ist eher unterstützend, Medikamente spielen eine große Rolle.

00:05:50: Die Suchtbehandlung dagegen baut auf die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen.

00:05:55: Sie ist eher konfrontativ und Medikamente werden häufig kritisch gesehen.

00:06:01: Deswegen gibt es jetzt den Versuch, dem entgegenzuwirken – und damit zu dieser neuen Estreileitlinie zur Behandlung von Patientinnen mit beiden Störungen!

00:06:12: Der zentrale Punkt dabei ist, dass die Behandlung aus einer Hand kommen sollte.

00:06:16: Die PatientInnen sollten von einem Behandelungsteam versorgt werden, das auf beide Störungen spezialisiert ist.

00:06:22: Wenn das nicht möglich ist, dann geht es um zwingend gutes Case-Management –

00:06:27: d.h.,

00:06:27: die Absprache der verschiedenen eingebundenen Einrichtungen miteinander.

00:06:33: Euphrosyne Kuzudis Maifrank sagt uns dazu Es geht darum, dass der Patient nicht hin und her geschoben wird.

00:06:39: Und im schlimmsten Fall in der einen Einrichtung hört er müsse unbedingt seine Medikamente nehmen – und in der anderen er solle am besten ohne Medikamente klarkommen!

00:06:48: Und damit zum zweiten Punkt den Medikamenten.

00:06:50: Bei der akuten Psychose ist das die Therapie der ersten Wahl.

00:06:53: Auch im Fall von einer Doppeldiagnose von Psychose und Sucht führt kaum ein Weg an Medikamen vorbei.

00:07:01: Die Leitlinie empfiehlt dazu Antipsychotika zweiter Generation, die sogenannten atypischen Anti-Psychotika.

00:07:07: Sie können sich positiv auf Symptome der Suchterkrankung auswirken.

00:07:11: Studiendaten zeigen außerdem es gibt weniger akut Rückfälle und suchtbedingte Krankenhausaufenthalte bei Patientinnen, die mit an typischem Antipsychotik behandelt worden sind.

00:07:23: Und drittens die Psychotherapie sollte man langfristig planen.

00:07:27: Der Klinikaufenthalt, der sollte erst mal eher der Stabilisierung dienen und die Psychotherapie folgt dann im Anschluss über einen langen Zeitraum mindestens über ein halbes Jahr.

00:07:37: Das ganze Stadien basiert.

00:07:39: das kann ambulant stattfinden und muss gegebenenfalls auch aufsuchend durchgeführt werden.

00:07:44: Euphosine Gozulis Mai Frank sagt uns dazu man sollte nicht versuchen die Patienten für zum Beispiel sechs bis acht Wochen in der klinik so intensiv wie möglich zu behandeln.

00:07:53: also Aufklärung, kognitive Verhaltenstherapie, Einbezug der Familie

00:07:57: usw.,

00:07:58: denn das ist offenbar zu viel auf einmal.

00:08:00: Die Patienten sind damit schnell überfordert und von möglichen Therapierfolgen bleibt nicht viel

00:08:05: erhalten.".

00:08:07: Das heißt aus der heutigen Folge schließe ich dass es bei PatientInnen mit Psychose- und Komorbider substanzbezogener Störungen häufig um sogenannte DrehtürpatientInnen geht die wir alle kennen.

00:08:20: Die sind stationär, vorübergehen stabil.

00:08:22: Dann werden sie entlassen und dann tauchen Sie kurz danach schon wieder in der Klinik

00:08:27: auf.".

00:08:27: Und das führt bei den Behandlerinnen auch zu einem problematischen Verhalten.

00:08:32: Dem therapeutischem Nihilismus sagt Euphrosine Gutsulis Maifrank.

00:08:36: Das heißt die Behandlerin verlieren die Hoffnung und geben ihre PatientInnen eigentlich auf.

00:08:42: Wörtlich sagt sie uns im Gespräch mit Nedosiswissen dabei würde man ja auch bei einer schweren körperlichen Erkrankung wenn keine komplette Heilung in Sicht ist Patienten nicht aufgeben, sondern man würde versuchen eine Besserung zu erreichen.

00:08:55: Das ist auch bei komplexen psychischen Erkrankungen möglich.

00:08:58: Vielleicht kann ein Patient keine vollständige Abzielen von Drogen oder Alkohol erreichen aber dafür die Konsummenge reduzieren.

00:09:06: Bei dem Handeln gibt es aber oft dieses alles-oder nichts!

00:09:10: Man sieht nur dass die Patienten immer wiederkehren und das führt dann zu dieser therapeutischen Müdigkeit.

00:09:17: Unabhängig von den konkreten Empfehlungen der Leitlinie sollten Behandlerinnen auch kleine therapeutische Erfolge wahrnehmen und die Hoffnung, vor allem ihre PatientInnen nicht aufgeben.

00:09:30: Das bleibt das Fazit aus der heutigen Folge!

00:09:40: Positiv Symptome, also Halluzinationen, Stimmen hören wahrgenommen habt.

00:09:46: Dann liegt das nicht an euch sondern an den Hühnerküken die hier mit mir mein Homeoffice teilen weswegen die möglicherweise auf der Aufnahme zu hören sind.

00:09:55: Unser Tontechniker hat mich in den vergangenen Tagen schon geschimpft.

00:09:58: Keine Sorge!

00:09:58: Das ist in Kürze wieder vorbei.

00:10:02: Die nächste Folge gibt's trotzdem wie gewohnt morgen ab sechs Uhr in der Früh überall da wo ihr Podcast findet.

00:10:08: Bis dahin eine gute Zeit, nutzt sie um uns eine positive Bewertung da zu lassen und uns zu abonnieren.

00:10:14: Falls ihr das noch nicht getan habt, danke dass ihr in der Dosis wissen

00:10:37: hört!

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.