’ne Dosis Wissen x Frau Doktor: Für eine Kultur des Respekts
Shownotes
Wie kann man das systemische Problem von Machtmissbrauch und Sexismus in der Medizin endlich angehen? Meldestellen wird wenig Vertrauen entgegengebracht, es gibt kaum echte Konsequenzen oder gar Sanktionen für Täter, die Männernetzwerke sind nach wie vor stark. Auf dem MEDtoo-Symposium in Berlin wurden konkrete Lösungsansätze erarbeitet, z. B. ein Mitspracherecht von allen Hierarchieebenen bei der Besetzung von Stellen, verpflichtende Schulungen für Führungskräfte oder Medizinstudierende und Sensibilisierung für toxische, männliche Monokulturen. Laura Weisenburger und Julia Rotherbl teilen ihre Eindrücke von den Vorträgen, Panels und Workshops des Symposiums und sprechen über die nächsten dringend nötigen Schritte.
Diese Folge wurde am 30. September 2026 aufgezeichnet.
Quellen und nützliche Links
Deutscher Ärztinnenbund. Informationen für Ärztinnen bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz
Whisper to Me. Anonyme Erstorientierung für Betroffene sexueller Gewalt
Das Team hinter dieser Folge „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Julia Rotherbl, Laura Weisenburger;
Redaktion: Josephine Hölke, Sina Metz, Constanze Radnoti, Kareen Seidler;
Chefredakteur: Dennis Ballwieser;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler
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Transkript anzeigen
00:00:03: SPRECHER gesundheit-hören
00:00:04: SOUNDCOLLAGE Obwohl man das grundsätzlich weiß, ist es immer wieder erstaunlich, dann auch die Zahlen noch mal vorgeführt zu bekommen, um dann noch mal präsent zu haben, wie wenig Frauen einfach in führenden Positionen überall in der Gesellschaft, sei es die Politik, sei es die Wirtschaft oder auch die Medizin, dran ist.
00:00:19: SOUNDCOLLAGE Das ist ein strukturelles Problem. Es ist ein riesiges strukturelles Problem seit Jahren. Niemand ist damit alleine und es sind auch ganz viele Menschen da draußen beziehungsweise hauptsächlich Frauen da draußen, die dafür kämpfen.
00:00:30: SOUNDCOLLAGE Wie wichtig es auch ist, dass auch Männern in der gleichen Generation jetzt schon es in der Sensibilisierung erfahren können, was ja eigentlich los ist, was eigentlich die anderen erfahren und auch damit sie selbst nicht zu so in solchen Rollen später hineingehen.
00:00:44: SOUNDCOLLAGE Weil es auch um die Edukation der Männer geht, ne. Alleine schafft man das nicht.
00:00:49: SOUNDCOLLAGE Ja, ich erhoffe mir Handlungsanweisungen, Ideen, wie man vielleicht unsere Abteilung auch irgendwie sensibler dafür für das Thema machen könnte.
00:00:58: SOUNDCOLLAGE Ja, ich find's einfach spannend zu sehen, dass es so strukturell und so tiefgreifend ist und wie wichtig und überfällig es eigentlich ist, dass man daran was ändert und dass es jetzt Zeit ist, daran was zu ändern.
00:01:14: JULIA ROTHERBL Und die Stimmen, die ihr gerade gehört habt, stammen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern unseres Symposiums „MedToo für eine Kultur des Respekts in der Medizin“. Die Veranstaltung von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ und den Spitzenfrauen Gesundheit hat letzten Montag stattgefunden in Berlin. Und in der heutigen Folge wollen wir euch ein bisschen mitnehmen für alle, die nicht dabei sein konnten. Und wir, das bin ich, Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich hoste den Podcast “Frau Doktor, übernehmen Sie!” und meine Kollegin Dr. Laura Weisenburger, die unseren Podcast „’ne Dosis Wissen“ hostet.
00:01:52: DR. LAURA WEISENBURGER Hallo, schön, dass ich auch wieder dabei bin beziehungsweise dass wir das hier wieder gemeinsam machen.
00:01:57: JULIA ROTHERBL Laura war auch auf dem Symposium dabei und wir wollen euch jetzt ein bisschen erzählen, was ihr alles Spannendes verpasst habt.
00:02:04: DR. LAURA WEISENBURGER Aber natürlich nicht ohne eure Tasse Kaffee. Ich weiß, Julia, für die ist die auch ganz besonders wichtig. Insofern kurze Pause, schnappt euch den und dann geht's los.
00:02:16: JULIA ROTHERBL Laura, wie hast du denn die Stimmung vor Ort empfunden?
00:02:20: DR. LAURA WEISENBURGER Es war, glaube ich, eine spannende Mischung aus Wut und Zuversicht. Kann man das mischen? Vielleicht. Aber ich glaube, das trifft es. Wut, aufgebracht sein, kein Erstaunen. Das hat gefehlt, ja. Alle haben nur so wie du jetzt gerade auch wissend genickt. Also wenn dann Episoden, Geschichten, Vorkommnisse erzählt wurden, das stieß auf: Ja, kenne ich. Habe ich auch schon gehört. Habe ich vielleicht im schlimmsten Falle selbst erlebt. Aber es war auch viel Entschlossenheit dabei. Entschlossenheit, Dinge nicht mehr hinzunehmen, Dinge nicht mehr zu tolerieren und vor allen Dingen auch und das ist, glaube ich, das Wichtigste, Entschlossenheit, Dinge zu verändern. Wie das ist vielleicht auch noch offen, ja und schwierig, aber die Entschlossenheit war schon mal da.
00:03:13: JULIA ROTHERBL Genau, es ist ganz klar geworden, dass wir jetzt eine Nulltoleranzstrategie fahren sollten. Das hat auch Professorin Doktor Mandy Mangler gesagt, die bei uns auf dem Panel saß und alle, die sich für das Thema Frauen in der Medizin engagieren, kennen Mandy. Ich sag aber gerne noch mal, sie ist Chefärztin für Gynäkologie und Frauenheilkunde, am Vivantes-Klinikum in Berlin.
00:03:38: PROF. DR. MANDY MANGLER Ich glaube, wir brauchen eine Nulltoleranzstrategie mit solchen Dingen. Wir können diese Witze nicht tolerieren. Wir können irgendwie dieses Graduelle, Leicht-Angehauchte und sowieso Machtmissbrauch und so, wir können uns das einfach nicht leisten und wir sollten es uns auch nicht leisten. Was züchten wir uns für Leute an, die das ertragen, die das diese Schizophrene für uns wirklich Situation, die wir eigentlich, wo wir immer so ein bisschen danebenliegen. Wir wollen das nicht, wir finden das selber unangenehm, wir finden das nicht richtig. Das beeinflusst unsere Qualität in der Patientenbehandlung und das müssen wir abschaffen. Wir müssen wirklich da den Finger ganz tief in die Wunde legen und sagen, nein, das wollen wir nicht.
00:04:12: JULIA ROTHERBL Genau und das ist jetzt das Problem. Wir sind uns einig, dass wir das alles nicht wollen, aber wie stellen wir's ab? Und da ist schon noch mal für mich klar geworden, dass es echt schwierig ist, aktuell mit den aktuellen Strukturen für die Täter und die Täterinnen tatsächlich Konsequenzen zu garantieren.
00:04:31: DR. LAURA WEISENBURGER Ja, es fehlt einfach so viel. Ich glaube, das wurde auch auf dem Panel in den Vorträgen, die es gab, es gab ja einige Impulsvorträge und auch in den Workshops, zu denen wir später dann noch kommen, mehrfach gesagt. Uns fehlen Dinge, uns fehlen die Meldestellen, uns fehlt das Vertrauen auch als diejenigen, die betroffen sind. Also wenn es Betroffene gibt, dann haben die kein Vertrauen in diese Strukturen, weil die so undurchsichtig sind oder missverständlich, schwer zu finden. Es fehlen Konsequenzen für Täter und das glaube ich, ist das Hauptproblem, was da einfach eben diese Entschlossenheit stieß auf. Aber wir haben keine Instrumente zur Verfügung.
00:05:14: JULIA ROTHERBL Also ich hab mich tatsächlich auch am Rande der Veranstaltung mit einem Rettungssanitäter unterhalten, der mir erzählt hat, dass bei ihnen tatsächlich zwei Männer gekündigt worden sind aufgrund von unangemessenem Verhalten.
00:05:28: DR. LAURA WEISENBURGER Da gab es also eine Konsequenz.
00:05:29: JULIA ROTHERBL Es gab eine Konsequenz, aber pass auf. Man durfte das, aus welchen Gründen auch immer, da kenne ich mich juristisch nicht gut genug aus, nicht in den Arbeitszeugnissen aufführen. Und er weiß, dass diese zwei Männer jetzt einfach ein paar Kilometer weiter arbeiten und genau dasselbe machen, für was sie dort gekündigt worden sind. Das heißt, selbst wenn es eine Konsequenz gibt, ist die nicht bis zu Ende gedacht, ja. Das Problem ist jetzt quasi einfach von dem einen Ort in den nächsten gezogen. Also es war schon auch, finde ich, so ein bisschen Hilflosigkeit zu spüren, wenn man da so drüber gesprochen hat. Also was sind wirklich Dinge, die man tun kann, damit sich das ändert?
00:06:14: DR. LAURA WEISENBURGER Aber da hatten wir ja extra im Vorfeld beziehungsweise du, du hast das ja mit organisiert und geplant. Da hattet ihr euch überlegt, wir brauchen Workshops. Nach diesen Panel-Diskussionen und den Impulsen durch die Vorträge müssen wir in die Diskussion gehen und gucken, kriegen wir denn Ideen? Haben wir vielleicht schon Ideen da? Können wir uns austauschen über Lösungsansätze? Und genau das haben wir getan.
00:06:40: JULIA ROTHRBL Genau, also wir hatten drei Workshops. Es ging in dem einen Workshop um unabhängige Meldestellen, im zweiten ging's um Sensibilisierung und Schulung aller Mitarbeitenden und im dritten ging's darum, dass man überhaupt mal so die rechtlichen Rahmenbedingungen kennt, in denen wir uns hier bewegen. Und tatsächlich haben auch die Workshopleiterinnen selber berichtet, die sich mit dem Thema ja intensiv befasst haben, dass da teilweise Ideen aufgekommen sind, die für sie neu sind. Und das finde ich schon sehr spannend. Es kamen teilweise sehr kreative Vorschläge und einen davon hat Doktor Christine Kurmeyer, Gleichstellungsbeauftragte der Charité, für uns zusammengefasst.
00:07:21: DR. CHRISTINE KURMEYER Es gab die Idee, eine sogenannte Best-of der blödesten und absurdesten Sprüche ins Intranet zu stellen. So. Also, was wir alles schon mal gehört haben: Leg doch mal deine Pfötchen hierher, Mäuschen oder Süße. Ohne den Namen zu nennen, aber zu sagen: So das sind die besten drei schlechten Sprüche der Woche oder des Monats. Das muss natürlich kommentiert werden. Also das kann man nicht einfach so ins Intranet stellen, sondern da muss man dann auch noch mal für diejenigen, die nicht wissen, dass man so etwas nicht sagt, kommentieren, dass das jetzt gerade nicht die Spitze der Intellektualität ist.
00:07:59: JULIA ROTHERBL Das fände ich ja einen sehr eleganten Weg quasi den Leuten das Argument zu nehmen: Ja, wir wissen, dass so was passiert, aber doch nicht bei uns im Haus.
00:08:08: DR. LAURA WEISENBURGER Ja, vor allen Dingen wenn man bedenkt, darüber wurde natürlich auch gesprochen, wo passiert das? Da wurde immer, immer wieder der OP genannt. Hatten wir uns auch schon öfter drüber unterhalten. Ja, ich kenn's auch selbst. Und das ist ja ein Raum im Wortsinne, ein abgeschlossener Raum, wo man mit einem begrenzten Team zusammensteht und auch vielleicht das Gefühl hat, das verlässt den hier ja nicht, ne. Das ist sone vermeintliche Sicherheit. Niemand sagt dann was, dann wird's vergessen und das dreht das natürlich. Also das das bricht diesen Raum, in dem das gesagt wird, plötzlich auf und macht es für alle zugänglich.
00:08:50: JULIA ROTHERBL Ja und ich glaube tatsächlich, dass so konkrete Sprüche noch mal eine andere Betroffenheit auslösen. Also so dieses: Da fallen blöde Sprüche, die man als Mann vielleicht auch nicht hört und dann auch nicht so genau weiß, wie weit diese blöden Sprüche gehen. Da ist es, glaube ich, schon ganz gut. Das steht da mal schwarz auf weiß. Also ich hab zum Beispiel von einer Teilnehmerin gehört, dass sie im OP von einem bestimmten Mann immer wieder hören musste, wie er seine Kompressen mag. Nämlich warm und feucht. Das sind die Sprüche, die man sich da anhört und das ist, glaube ich, schon das mal allen offenzulegen, führt jetzt auch nicht zu schwerwiegenden Konsequenzen für Täter, aber führt zu einer Sensibilisierung.
00:09:39: DR. LAURA WEISENBURGER Einer Sensibilisierung und was ja auch immer wieder aufkam, schon beim Frühstück und jetzt bei dem Symposion auch, eben dieses von wegen: Ach so, oh, ich wusste gar nicht, dass das schon nicht in Ordnung ist. Und ja, das war auch ein ganz spannender Punkt. Da hatte ich nämlich eine Teilnehmerin in meinem Workshop mit dabei, die das noch mal klargestellt hat, die Trainerin, also wirklich eine Fachfrau, in dem Bereich ist bei sexueller Diskriminierung, Machtmissbrauch und so weiter. Das ist nicht okay, das ist strafrechtlich oder es ist rechtlich, ich lehn mich jetzt hier nicht zu weit ausm Fenster, ist rechtlich relevant, Süße und Mäuschen, korrekt. Im Privaten kann man sagen: Hey, das finde, ich will ich nicht so genannt werden, aber es hat jetzt keine wirkliche rechtliche Grundlage, da was gegen zu sagen, im Beruflichen sehr wohl. Und das wissen natürlich die ganzen Menschen nicht und wenn man das dann, diese Sprüche natürlich nicht einfach nur hin klatscht, wie Frau Kurmeyer das ja schon gesagt hat, sondern natürlich einordnet und sagt, aus den und den Gründen und das ist übrigens berufsrechtlich, ah, ah, das dürft ihr nicht, ja. Dass da eben sich auch niemand mehr rausreden kann: Das wusste ich ja gar nicht. Das sagt einem ja gar keiner. Aber das waren nicht nur die einzigen spannenden Ideen oder ja Ansätze. Ich habe mich mit einer Teilnehmerin zwischen den Vorträgen unterhalten, die das auch ansprach. Na ja, wenn man das quasi publik macht, dass hier auch ein sicherer Arbeitsplatz herrscht, sprich, also bei uns sind Menschen geschult, bei uns wird drüber geredet, wir haben ein etabliertes Meldenetzwerk. Wenn so etwas vorkommt, dann kann das ja ein Anreiz sein, um sich für so eine Stelle aktiv zu entscheiden. Ja, also eine Art Zertifikat. Hier ist Safe Space Working oder was auch immer, wie auch immer man das nennen möchte. Auch das kann ja ein Ansatz sein, wo man dann eben auch wirklich sagt, und Kliniken haben Personalmangel und ich kann mir das manchmal aussuchen, wohin ich will. Nicht in jedem Fach sicherlich, nicht in jeder Position, aber ja, auch da kann man ja schauen, okay, macht das vielleicht Sinn? Etablieren wir das? Ist das für die Kliniken attraktiv?
00:11:59: JULIA ROTHERBL Ich fand auch noch einen ziemlich spannenden Ansatz, den jemand in einem der Workshops angesprochen hat und der ein bisschen geklaut ist aus der freien Wirtschaft. Das Thema Bonizahlungen und der Vorschlag war, dass man diese Bonizahlungen auch an die Ergebnisse von Mitarbeiter*innenbefragungen, anonyme wohlgemerkt, wo dann eben auch abgefragt wird: Fühlen Sie sich als Frau, als queere Person et cetera sicher in diesem Arbeitsumfeld oder nicht? Es gibt sicher Expert*innen, die genau wissen, wie solche Fragen dann formuliert sein müssen, aber wenn's dann zu 'ner gewissen Häufung von negativen Rückmeldungen kommt, würde sich das, so der Vorschlag, dann auch finanziell negativ auswirken und das tut dann vielleicht weh.
00:12:54: DR. LAURA WEISENBURGER Wir wissen alle ganz klar, das ist im Gesundheitssystem nicht anders. Money matters, ja? Also wenn ich da Einbußen hinnehmen muss und sie sind finanzieller Natur, dann ist das ein besonders großer Anreiz, das eben nicht zu müssen.
00:13:07: JULIA ROTHERBL Ja. Hast du noch einen weiteren kreativen Vorschlag gehört?
00:13:13: DR. LAURA WEISENBURGER Ja, das geht son bisschen auch in dieses Mitspracherecht. Auch das wurde gesagt, gerade wenn es dann um Stellenbesetzung geht, die eine Führungsverantwortung haben oder noch ein wichtiger Aspekt, den man ja in anderen Bereichen nicht so hat wie im Gesundheitssystem, aber wo man eine Lehrtätigkeit hat, ja, also in der Universitätsmedizin. Es geht gar nicht mal unbedingt um Professor*innen, Chef*innen, sondern dann, dass man eben sagt, ja, hier als Oberarzt hast du übrigens natürlich auch Seminare, die du leitest und wo du Studierende dementsprechend unterrichten musst, dass man quasi solche Stellen auch mit und nach Mitsprache vergibt, dass man eben und da meinte auch eine Teilnehmerin, ja, da werden alle gefragt. Da werden auch die Putzkräfte befragt und da werden auch die Pflegekräfte befragt und da werden auch vorherige Studierendengruppen befragt und natürlich auch alle anderen Mitarbeitenden. Das klingt jetzt auch unfassbar viel. Natürlich macht man da nicht 120 Befragungen auf, aber das sind ja jetzt auch wahrscheinlich nicht 20 Stellen im Jahr, die ich so bewältigen muss, ne. Sondern ich hab mal eine alle paar Jahre, hoffentlich. Sonst sollte ich mir Gedanken machen um meine eigene Führung. Aber wenn ich eben son Sonderfall habe und das ist auch eine entsprechend hoch dotierte Stelle, das kommt ja auch noch dazu, dann will ich doch wissen, dass das jemand Gutes ist und auch, dass da im Team, denn natürlich ist es ja in den Teams, grade auch in der Universitätsmedizin so: Oh Mann, ja, hier so lange jetzt war ich schon so lange Facharzt oder Fachärztin. Ich würde jetzt so gerne mal langsam auf die Oberärztinnenstelle, das könnte jetzt mal kommen und dann ist es wichtig. Wie habe ich mich verhalten? Habe ich im OP was gesagt an der richtigen Stelle oder mal nachgefragt: Entschuldigen Sie mal, was meinen Sie denn mit dem Kommentar? Das habe ich nicht verstanden, ja? Und ich glaube, das kann auch einen Unterschied machen und da sind wir natürlich auch in einer, das ist ein Unterschied, den kann ich schon selber bestimmen, also in meiner eigenen Abteilung. Da brauche ich kein großes Netzwerk für, da brauche ich keine Zertifikate, da brauch ich keine Universitätsstrukturen, die sich ändern müssen, sondern das kann ich selbst entscheiden.
00:15:33: JULIA ROTHERBL Ein Punkt, der auch immer wieder aufkam, den wir zu dem Thema auch schon besprochen haben, war das Thema quasi Schulungen, verpflichtende Schulungen. Auch das ist ja was, was ich als Führungskraft in meiner Abteilung individuell durchsetzen kann, dass ich mindestens Führungspersonen eine Schulung angedeihen lasse, wie sie mit Meldungen von entsprechenden Vorfällen umgehen, wie sie überhaupt ihre Mitarbeiter sensibilisieren, dass so was im besten Fall gar nicht passiert und das haben auch Gästinnen des Symposiums so gesehen.
00:16:09: TEILNEHMERIN Gibt's denn auch quasi so Schulungsangebote, Coaching für diese Person? Weil natürlich ist das ein Fehlverhalten, was wir nicht tolerieren und gleichzeitig bräuchten wir eigentlich Strategien, sich besser zu regulieren.
00:16:16: INA COLLE Also wir haben schon auch unterstützende Angebote für unsere Führungskräfte, auch wenn jemand neu in eine Führungsrolle kommt. Es gibt Führungskräfteseminare unterschiedlicher Ebenen, es gibt Coachings und so. Aber meine persönliche Erfahrung ist, wenn ich jemand hab, der ein Verhalten an den Tag legt, wo ich sag, das ist überhaupt nicht adäquat und einer Führungskraft nicht angemessen. Das schafft auch ein Coaching nicht, die Verhaltensänderung herbeizuführen.
00:16:46: JULIA ROTHERBL Die Antwort auf die Frage aus dem Publikum, die hat grade Ina Colle gegeben. Sie leitet Stabsstelle für Frauenförderung und Vereinbarkeit am Vivantes-Klinikum. Und zeigt natürlich mit ihrer Antwort auch son bisschen auf, dass auch die beste Schulung vielleicht Grenzen hat.
00:17:04: DR. LAURA WEISENBURGER Ja, manchmal ist das ein Kernproblem, ne. Manchmal ist das son Problem, was man nicht mit einer Schulung beheben kann und auch darüber, das haben wir ja am Anfang durch den Zusammenschnitt der verschiedenen Stimmen ja schon son bisschen gehört. Ein ganz großes Thema, was immer wieder aufkam, war einfach: Ja, warum kommt's überhaupt dazu? Warum sind Täter Täter? Warum verhalten sich Männer, so wie sich eben sehr viele Männer in den Erzählungen verhalten?
00:17:36: JULIA ROTHERBL Genau, wir hatten das Thema Verbündete, männliche Verbündete auch bewusst als Thema für die Bühne ausgewählt und hat ein Christoph May dazu eingeladen, der sich mit kritischer Männerforschung beschäftigt und den hört ihr jetzt.
00:17:52: CHRISTOPH MAY Also es kann helfen, das Wording umzudrehen. Wir benennen nicht den Frauenanteil, sondern die Männeranteil, um zu zeigen: Wir sind zu viele, wir sind das Problem. An diesem Beispiel würde das lauten: Der Männeranteil im Deutschen Bundestag steigt jetzt von 65 auf 68 Prozent. Und wir sprechen auch nicht von Frauenquote, sondern wir fordern Männerlimit. Und das funktioniert interessanterweise erstaunlich gut, um mit Männern ins Gespräch zu gehen.
00:18:16: JULIA ROTHERBL Also mir ist tatsächlich durch diesen Vortrag noch mal ein bisschen bewusster geworden. Er hat das auch ausgeführt, dass Männer einfach auch die falschen männlichen Vorbilder haben und dass da quasi son so was reproduziert wird, jetzt mal auf die Medizin übertragen, quasi schon in der Ausbildung den Männern mit den ersten Vorbildern, die sie da haben, gezeigt wird, was ist in Ordnung und was nicht in Ordnung und das weicht eben davon ab, was tatsächlich in Ordnung wäre. Und dass man eben ganz dringend positive männliche Vorbilder in der Medizin schaffen müsste. Man spricht ja so gern davon, weil die Frauenquote in der Medizin ab bestimmten Hierarchiestufen so gering ist. Man bräuchte da mehr weibliche Vorbilder. Man braucht aber in einem anderen Kontext auch männliche Vorbilder.
00:19:11: DR. LAURA WEISENBURGER Ja und da hast du ein extrem eindrückliches Beispiel gehabt, einen älteren Teilnehmer.
00:19:16: JULIA ROTHERBL Genau, ich hatte einen älteren Teilnehmer, der lange im Rettungswagen auch unterwegs war und er hat gesagt, eine der ersten Dinge, die er dort gelernt hat als junger Mann von einem anderen Mann war: Du legst bitte jeder Patientin einen EKG, damit wir alle in den Genuss nackter Brüste kommen.
00:19:38: DR. LAURA WEISENBURGER Das muss man sich mal so vorstellen.
00:19:40: JULIA ROTHERBL Ja, das muss man mal sacken lassen. Er hat zu mir gesagt, dass er sich heute wahnsinnig dafür schämt, aber er hat das mitgemacht und einfach, weil's ihm vorgelebt wurde und er auf 'ner Hierarchiestufe war, wo er das auch nicht
00:19:54: DR. LAURA WEISENBURGER So was hinterfragt man nicht, ne. Der Ausbilder sagt: Hier komm, machst du bei jedem, machst du bei jeder ein EKG.
00:20:00: JULIA ROTHERBL Genau und da denke ich mir, was wird denn da weitergegeben von einem zum anderen? Also das hat mich echt total erschreckt. Und das gilt natürlich nicht nur für EKG und nackte Brüste, das gilt auch, wie verhalte ich mich im OP? Brüll ich jemanden, der Hierarchiestufen unter mir ist, an oder nicht? Also Punkt, Punkt, Punkt.
00:20:20: DR. LAURA WEISENBURGER Das sind Verantwortungen, die Männer übernehmen müssen. Auch das wurde ganz deutlich und an der Stelle holen wir jetzt unseren eigenen Chef mit ins Boot. Genau, der hat nämlich auch ein Grußwort gerichtet. Der konnte leider nicht persönlich da sein, aber er war zugeschaltet digital und hat da ganz klar noch mal benannt, welche Verantwortung er sieht. Bei Männern grundsätzlich, aber grade auch bei Männern in Führungspositionen, sich eingeschlossen.
00:20:55: JULIA ROTHERBL Genau, Doktor Dennis Balwieser ist Mitglied der Chefredaktion im World und Bild Verlag. Er gehört der Geschäftsführung an und er ist selber Arzt. Und er hat für sich überlegt oder für sich dargestellt, was seine Verpflichtungen in diesen Rollen sind und was eigentlich vielleicht die Verpflichtungen aller Männer mindestens in Führungsrollen sind.
00:21:18: DR. DENNIS BALLWIESER Erstens, Abhängigkeiten entflechten. Zweitens, Meldewege bauen. Drittens, den Mund aufmachen, da wo es etwas kostet. Nicht auf Symposien, wo Zustimmung sicher ist, sondern in der Chefarztrunde, im Beirat, beim Abendessen unter Männern, wenn der Spruch fällt und alle lachen. Als Medienhaus bleibt uns eine vierte Aufgabe. In einem Satz: dranbleiben, auch wenn das Thema nicht mehr trendet. Vom Schweigen zur Struktur für Männer wie mich, das Schweigen war unseres. Die Struktur ist unsere Schuld im doppelten Sinn. Wir haben sie mitgebaut, also schulden wir ja auch ihren Umbau.
00:21:58: DR. LAURA WEISENBURGER Und dieses Thema dranbleiben, was Dennis gerade erwähnt hat, an dem Thema, auch wenn's nicht mehr trendet. Das haben wir schon ein paar Mal gesehen, gerade bei diesem Aspekt oder bei diesem großen Thema Gewalt, Machtmissbrauch gegenüber Frauen oder marginalisierten Gruppen. Und das, glaube ich, behalt ich so für mich bei mir, dass ich mit Sicherheit sehr, sehr aufmerksam gucken werde, aha, der nächste Ärztetag findet statt. Wie sieht's denn aus? Wo ist denn der Verhaltenskodex? Der wurde doch versprochen. Wird der irgendwo auf eine Internetseite gelegt, hin verlinkt und man darf ihn sich durchlesen oder ist das vielleicht mit auch mehr Medienaufmerksamkeit verbunden? Wird er vielleicht vorgestellt? Werden da vielleicht 20 Chefärzte, die ihn als erstes unterschrieben haben, genannt? Das würde mich sehr interessieren, denn ich glaube, genau das ist es, worauf es jetzt ankommt. Wie geht es denn weiter? Und dass wir da auch ein Auge drauf haben, wie es weiter sich entwickelt.
00:23:00: JULIA ROTHERBL Genau, manchmal muss man auch einfach kleine Erfolge, glaube ich, feiern.
00:23:05: DR. LAURA WEISENBURGER Mit Sicherheit.
00:23:06: JULIA ROTHERBL Also eine Teilnehmerin hat mir gesagt, dass durch die ganze Medien Aufmerksamkeit, die auf dem Thema liegt, sie für sich auf einmal auch erkannt hat, dass sie damit nicht alleine ist. Also sie hat solche Vorfälle für sich erlebt und sie sagt, solche Medienberichte, aber auch solche Veranstaltungen, wie wir sie gemacht haben, sind für sie einfach für ihre Seele quasi wohltuend, weil sie merkt, ich bin nicht allein und ich bin auch nicht schuld. Das ist quasi was, was ganz viele betrifft, was irgendwie auch im System veranlagt ist, und das gibt mir auf jeden Fall die Motivation, dranzubleiben. Wir würden uns freuen, wenn wir mit euch gemeinsam dranbleiben. Wenn ihr eure Gedanken zu dem Thema mit uns teilen wollt, wenn ihr Ideen habt, was man verändern könnte, wenn ihr einfach schreiben wollt, was euch passiert ist oder wenn ihr irgend eine Organisation kennt, die schon super für den Schutz vor solchen Vorfällen sorgt, dann lasst es uns gerne wissen und schreibt uns an redaktion@gesundheit-hören.de. Wir freuen uns.
00:24:18: DR. LAURA WEISENBURGER Ja, Julia, vielen Dank, dass ich hier noch mal dabei sein durfte beziehungsweise dass wir die Folge wieder gemeinsam bestritten haben. Ich glaube auch, das sorgt noch mal für mehr Größe und Sichtbarkeit zu dem Thema. Ihr hört „‘ne Dosis Wissen“ morgen ganz regulär an gewohntem Ort und zu gewohnter Zeit.
00:24:39: JULIA ROTHERBL Und die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint Anfang November, ganz genau am Zweiten. Ich freue mich, wenn ihr reinhört.
00:24:50: SPRECHERIN Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
00:25:01: SPRECHER gesundheit-hören, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
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