Nach dem Sommer: Hitzetote in Zukunft verhindern
Shownotes
Über 16.000 Hitzetote hat das RKI diesen Sommer verzeichnet. Wie können wir eine solche Zahl nächsten Sommer verhindern? Inwiefern können sich Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser besser vorbereiten? Was muss sich politisch in puncto Hitzeschutz und Klimaanpassung tun? In welchen Punkten kann Deutschland von Frankreich lernen? Und was können wir alle, als Einzelne, beitragen? Über diese Fragen spricht Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, mit Sebastian Brodkorb, Redakteur im Politikressort der Apotheken Umschau.
Diese Folge wurde am 12. Oktober 2026 aufgezeichnet.
Quellen und nützliche Links
• RKI. Wochenberichte zur hitzebedingten Mortalität
• Studie zu nächtlicher Hitze und Schlaganfallsrisiko (engl.; DOI: 10.1093/eurheartj/ehae277)
• Metaanalyse zu Risikofaktoren für hitzebedingte Todesfälle (engl.; DOI: 10.1001/archinte.167.20.ira70009)
• Bericht zur hitzebezogenen Gesundheit in Deutschland. Juni 2026
• Auswirkungen der Hitzewelle im Juni 2026 auf den Berliner Rettungsdienst
• Studie zu Klimaanlagen in Pflegeeinrichtungen und Mortalität (engl.; DOI: 10.1001/jamainternmed.2025.6595)
• Hitzeknigge des Umweltbundesamtes
• Folge „Wie gut ist das Gesundheitssystem auf die Hitze vorbereitet?“. 26.06.2026.
• Artikel „Bund will Kommunen beim Hitzeschutz unterstützen – dafür soll das Grundgesetz geändert werden“. Apotheken Umschau. 12.08.2026.
• Artikel „Mit 16.000 Hitzetoten ist 2026 das tödlichste Hitzejahr“. Apotheken Umschau. 15.10.2026.
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Redaktion: Sina Metz, Kareen Seidler, Josephine Hölke;
Chefredakteur: Dennis Ballwieser;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler
[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner findet ihr hier: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner
Transkript anzeigen
00:00:03: SPRECHER: gesundheit-hören.
00:00:04: DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt ist Mitte Oktober. Das heißt, wir freuen uns schon wieder, wenn die Sonne scheint und der Hitzesommer, der hinter uns liegt, der ist in weite Ferne gerückt. Doch laut dem Deutschen Wetterdienst war der Sommer 2026 tatsächlich der zweitwärmste Sommer seit achtzehnhunderteinundachtzig. Nur 2003 war es noch heißer. Diesen Sommer gab es auch besonders viele Hitzetote, auch in Deutschland. Wir schauen zurück darauf und diskutieren über die Zukunft. Guten Morgen und willkommen zu „’ne Dosis Wissen“, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. „’ne Dosis Wissen“ gibt's werktags ab sechs Uhr in der Früh, normalerweise in kompakten zehn Minuten. Heute dauert's wieder ein bisschen länger, weil ich einen Kollegen von mir im Studio zum begrüße. Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau. Wir zeichnen die Folge auf am Montag, den 12. Oktober um zehn Uhr und ihr könnt sie hören ab Donnerstag, den 15. Oktober um sechs Uhr in der Früh.
00:01:14: SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
00:01:22: DR. DENNIS BALLWIESER: Die Zahlen für die Hitzetoten in diesem Sommer sind tatsächlich erschreckend. Sie waren es auch bereits Mitte Juli, als es so heiß gewesen ist. Die Frage ist ja, wie können wir das in der Zukunft und für die Zukunft vermeiden? Im Kleinen und Akut, was können wir als Gesellschaft, als Einzelpersonen, als Ärzt*innen tun und im Großen und langfristig, was muss ich politisch tun? Darüber spreche ich heute mit Sebastian Brodkorb. Er ist Redakteur im Politikressort der Apotheken Umschau und war jahrelang der Redakteur hinter „’ne Dosis Wissen“. Holt euch euren ersten Kaffee des Tages und dann geht's los. Guten Morgen und willkommen auf der anderen Seite des Mikrofons, Sebastian.
00:02:07: SEBASTIAN BRODKORB: Guten Morgen. Es ist spannend nach, ich weiß gar nicht, 700 Folgen oder mehr, die ich hinten da an den Skripten saß, heute auf einmal am Mikrofon zu stehen. Also ein-, zweimal hat man mich sogar schon mal gehört in der Vergangenheit, aber jetzt auch mal als Gast hier zu sein.
00:02:24: DR. DENNIS BALLWIESER: Wir freuen uns auf jeden Fall. Danke, dass du dir die Zeit nimmst. Sebastian, du hast gemeinsam mit Kolleginnen dich tief in diese Hitzewelle eingegraben für eine aktuelle Titelgeschichte in der Apotheken Umschau. Der Artikel erscheint tatsächlich heute am 15. Oktober in der neuen Apotheken Umschau, die alle Hörerinnen und Hörer auch in der Apotheke bekommen. Und ihr habt euch gefragt, was mögliche Ansätze sein können, wie in der Zukunft Hitzewellen wie die diesjährige verhindert werden können. Ich will einmal noch zum Einstieg in unser Gespräch ein paar Zahlen uns in Erinnerung rufen. Anfang September waren wir laut Robert Koch-Institut bei 16.300 Menschen angekommen, die in diesem Jahr aufgrund der Hitze gestorben sind. 9.600 davon sind alleine am letzten Juniwochenende, als es besonders heiß gewesen ist, gestorben. Und um das Ganze mal anschaulich zu machen, zum Beispiel hat der Chef der Feuerwehr und des Rettungsdienstes in Frankfurt am Main, Markus Röck, der Zeit am 9. Juli 2026 gesagt, normalerweise haben sie zwei bis vier sogenannte Türöffnungen pro Tag, bei denen man meist hinter der zu öffnenden Tür dann verstorbene Bewohner auffindet. Und in dieser Hitzewelle waren es wegen der großen Hitze täglich 25. Jetzt ist ja die Frage, gerade wenn wir auf die Politik schauen, Sebastian, das kam ja nicht überraschend, oder?
00:03:54: SEBASTIAN BRODKORB: Nein, also überraschend ist dieser Hitzesommer nicht. Natürlich, es ist ein Rekordsommer sowohl von den Temperaturen. Wir hatten mehrfach über 40 Grad an in einigen Städten in Deutschland. Aber insgesamt ist es einfach so, dass davon auszugehen war, dass dieser Rekordsommer kommt und dass in Zukunft auch noch weitere solche Rekordsommer auf uns zukommen. Der Grund, es ist nicht nur der Klimawandel. Viele denken über als zuallererst an den Klimawandel, aber der Klimawandel ist nur ein Faktor. Neben dem Klimawandel haben wir die alternde Bevölkerung, die besonders vor Hitze betroffen ist und dann auch die zunehmende Verstädterung, auch wenn die langsam ja weniger wird. Aber insgesamt in Deutschland, ich glaube, es sind um die 70 Prozent der deutschen Bevölkerung, die in Großstadtgebieten wohnen und diese Leute sind besonders von Hitze betroffen.
00:04:45: DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt sprechen wir hier über die Zahlen. Ich hab sie grade referiert vom Robert Koch-Institut über die sogenannten Hitzetoten. Wie definiert man das denn eigentlich?
00:04:55: SEBASTIAN BRODKORB: Genau, also Hitze als Todesursache, das steht in der Regel nicht aufm Totenschein. Ganz, ganz selten. In der Regel sind das Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall. Es gibt eine Studie aus Augsburg, die zeigt, dass an Tropennächten, also Nächten mit über 20 Grad, vermehrt Schlaganfälle eingeliefert werden im Augsburger Klinikum. Die monitoren das schon seit einigen Jahren. Und genau solche Erkrankungen finden halt durch Hitze vermehrt statt. Und das führt dazu, dass eben die Sterblichkeit ansteigt an diesen Tagen. Berechnet werden diese ja rund 16.000 Fälle durchs RKI. Das ist eine Rechnung, die mathematisch fundiert auf Übersterblichkeit beruht. Das kennen wir aus Corona. Man vergleicht die Sterblichkeit von diesem Sommer mit der Sterblichkeit von Jahren mit der Wochenmitteltemperatur von unter 20 Grad, dann kommt man eben auf diese ja über 16.000 oder um die 16.000 Todesfälle, die es dieses Jahr mehr gab.
00:05:54: DR. DENNIS BALLWIESER: Ist, glaub ich, wichtig festzuhalten, dass das also keine klinische Diagnose ist, die wir da irgendwo bekommen. Das heißt, wir haben jetzt ärztlicherseits oder auch in der Pathologie oder sogar der Rechtsmedizin festgestellt, dieser einzelne Todesfall ist auf die Hitze zurückzuführen, sondern das sind statistische Methoden, die aber eben schon valide sind, wenn wir da über die Relevanz für die politische Diskussion diskutieren. Ihr habt ja auch mit Ärzt*innen und Pfleger*innen in Notaufnahmen gesprochen. Was haben die euch denn erzählt?
00:06:29: SEBASTIAN BRODKORB: Im Großen und Ganzen, es wurden uns jetzt keine katastrophalen Zustände geschildert. Es ist jetzt so, wenn man Umfragen unter Krankenhäusern und eben dort ist jetzt auch schon Feuerwehr ausm Berliner Rettungsdienst ist auch angegeben, dass es in dieser Hitzewoche um Ende Juni 3.000 mehr ja Ausrückungen gab als sonst und 3.000 normal sind's 12.000, das waren dann um die 15.000 oder mehr. Genau, also es ist ein deutlich vermehrtes Aufkommen, das erfahren wir so aus dem Gesundheitsbereich. Und was worauf sich alle einigen können, ist, dass eben auch eine hohe Belastung da ist, auch weil das Personal, also die Ärztinnen, Ärzte, die Pflegekräfte alle selbst durch die Hitze betroffen sind und dadurch auch selbst nicht so leistungsfähig sind, wie sie sonst sind. Und was wir auch oft hören, ist halt, dass es in den Krankenhäusern und in den stationären Einrichtungen in der Pflege deutlich an Klimatisierung mangelt. In den Krankenhäusern gibt es Klimatisierung in den ja wichtigen Funktionsbereichen wie OP, auch in den meisten Intensivstationen. Aber insgesamt ist also ist die Klimatisierung in den Häusern, Einrichtungen deutlich ausbaufähig.
00:07:47: DR. DENNIS BALLWIESER: Und das ist in Krankenhäusern schon so? Vermutlich ist das ja in den Pflegeeinrichtungen noch verschärfter, oder?
00:07:52: SEBASTIAN BRODKORB: Genau, in den Pflegeeinrichtungen ist es so, dass es sehr selten Klimaanlagen gibt insgesamt. Hier und da ist, wir haben mit einer Pflegeeinrichtung auch war eine Kollegin, also Katja Töpfer, eine Kollegin von mir, mit der ich das gemacht hab. Die zweite Kollegin ist Kathrin Zinkat. Katja Töpfer war eben in einer Pflegeeinrichtung. Und diese Pflegeeinrichtung hat eine Klimaanlage, aber eben eine im Eingangsbereich und die war auch ziemlich neu. Und die Gebäude, ob jetzt Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser, das sind viele ja alt und wir haben einen gewaltigen Investitionsstau in den Krankenhäusern, aber auch in den Pflegeeinrichtungen, weil einfach das Geld fehlt. Und deswegen wird halt kaum mit Klimatisierung nachgerüstet. Man ist in der Regel froh, wenn man einfach die Bausubstanz erhalten kann und alles Nötige tun kann, damit die Gebäude nicht weiter verfallen und Extrainvestitionen wie Klimaanlagen kommen da oft zu kurz. Aber es gibt zum Beispiel eine Studie aus Kanada, aus Ontario, wo gezeigt wurde, dass Klimaanlagen auch Leben retten und zwar, dass bei so Hitzephasen das Risiko sinkt um acht Prozent, wenn Bewohner in klimatisierten Bewohnerzimmern in Pflegeeinrichtungen wohnen. Und deswegen gibt es in Ontario auch eine Klimaanlagenpflicht. Da muss jedes Bewohnerzimmer, also nicht einfach nur ein, zwei Klimaanlagen in den Häusern, sondern in ‘ner Pflegeeinrichtung jedes Bewohnerzimmer klimatisiert sein. Und ja, so was, davon sind wir weit weg in Deutschland.
00:09:21: DR. DENNIS BALLWIESER: Du sagst es. Was hat denn die Politik bisher getan? Wie hat sie reagiert?
00:09:26: SEBASTIAN BRODKORB: Also wenn wir jetzt mal von der Regierung ausgehen, der Bundeskanzler fangen wir oben an, der hat sehr lange dazu geschwiegen. Er hat dann, bevor er in die Sommerpause oder ein, zwei Wochen bevor er in die Sommerpause verabschiedet hat, am 15. Juli hat er eine Pressekonferenz gegeben und da hat er eigentlich kaum was dazu gesagt. Er hat so nebenbei fallen lassen, dass man im Nationalen Sicherheitsrat darüber gesprochen hat. Das ist aber geheim, deswegen hat er dazu mehr nicht gesagt. Auf eine Nachfrage eines Journalisten hat er dann erklärt, dass er die Wetterentwicklungen beobachtet und wenn sie sich fortsetzen, er dann dazu etwas sagen wird. Also die rund 10.000 Tote waren ihm nicht genug, sich zu äußern. Dann hat er sich in die Sommerpause verabschiedet. Es gab dann einen großen Brand in der Eifel im Hürtgenwald. Den hat Merz dann nach seiner Sommerpause besucht, hat dann Einsatzkräfte gelobt, also die Feuerwehr, aber es ging halt vor allem wieder um Waldbrand und um Dürre. Also man merkt schon, die Gesundheit liegt ihm nicht ganz so am Herzen oder den Eindruck erweckt es. Mehr dann die wirtschaftlichen Konsequenzen. Es war ja auch wieder, dass der Wassermangel den Schifffahrtsverkehr beeinträchtigt und Ähnliches. Und dann gab's die Klausurtagung Ende August mit der SPD. Und am Ende dieser Klausurtagung hat er sich dann auch noch mal deutlich zu den Hitzetoten auch, oder nicht zu den Hitzetoten, aber zu dem Hitzeproblem geäußert und hat da dann aber auch gesagt, eben wieder die wirtschaftlichen Konsequenzen hervorgehoben und dann aber auch gesagt, dass es, was die Klimaanpassung geht, es nicht an Programmen mangelt und auch nicht am Geld. Also es ist genug da. Man muss es nur einsetzen. Er verweist dabei auf das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Da stehen den Ländern und über den Ländern auch die, also die Länder sollen das verteilen, auch an die Kommunen, 100 Milliarden über die nächsten zwölf Jahre zu. Das sind dann im Jahr ungefähr 8,3 Milliarden. Und er sagt, da ist Geld da und das sollen jetzt die Kommunen für Klimaanpassung nutzen. Man muss dazu wissen, dass die Kommunen ein Defizit jährlich haben von 30 Milliarden ungefähr. Das heißt, wir haben 8 Milliarden mehr Geld, das sie ausgeben können, unter anderem für Hitzeschutz, und 30 Milliarden, die sie minus machen. Jetzt kann man sich fragen, wo geht jetzt das Geld hin? Wird das wirklich in Hitzeschutz ausgegeben oder vielleicht auch in andere Aufgaben, die die Kommunen und die Länder haben, wie, weiß ich nicht, Schulen oder Straßen oder Ähnliches. Ja, für den Bundeskanzler aber eben ist genug Geld da, deswegen braucht es nicht mehr Geld.
00:12:07: DR. DENNIS BALLWIESER: Das war jetzt die Sicht der Regierung und ihr habt ja auch mit Abgeordneten der Opposition gesprochen. Was kommt denn von da?
00:12:14: SEBASTIAN BRODKORB: Also das war die Sicht der CDU oder des Bundeskanzlers. Der SPD ist da
00:12:18: DR. DENNIS BALLWIESER: Ach, die Regierung hat unterschiedliche Sichtweisen, das ist ja überraschend.
00:12:21: SEBASTIAN BRODKORB: Der SPD-Umweltminister Carsten Schneider, der hat sich über dem Sommer, der hat sich stark gemacht für eine Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz zu verankern. Damit müsste sich der Bund dann an der Klimaanpassung beteiligen. Das Wichtige ist für eine Grundgesetzänderung, also die Gemeinschaftsaufgabe wär eine Grundgesetzänderung, bräuchte es eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und Bundesrat. Das heißt, dazu bräuchte man die Grünen und die Linken, wenn man auf andere Parteien verzichten möchte. Und die Grünen und die Linken haben beide mehr oder weniger Willen gezeigt, dass sie da bereit wären, mit der Regierung zu handeln, trotz, sag ich mal, der Unzufriedenheit, wie das sich das Sondervermögen entwickelt hat. Dennoch, die CDU will das erst mal nicht. Sie will das erst mal nur prüfen. So steht's auch im Koalitionsvertrag außerdem. Also ist nicht ein ganz neues Thema, sondern diese Gemeinschaftsaufgabe steht im Koalitionsvertrag. Und die CDU will eben, dass sie geprüft werden soll. Und die CDU will sich am Koalitionsvertrag eben nur das Nötigste tun und will sagen, wir prüfen mal, was würde so eine Gemeinschaftsaufgabe bringen? Und dann können wir vielleicht drüber reden, ob wir sie im Grundgesetz verankern.
00:13:34: DR. DENNIS BALLWIESER: Jetzt haben wir ja auch dieses Jahr nach Frankreich geblickt, wo die Hitze noch dramatischer war als bei uns. Gibt's denn irgendwas, was wir zum Beispiel von Frankreich lernen könnten?
00:13:45: SEBASTIAN BRODKORB: Also Frankreich war ja schon, also wir hatten's vorhin schon, du hattest es vorhin schon gesagt, 2003 war schon ein Rekordsommer und in Europa und Frankreich hat das besonders getroffen damals. Und Frankreich hat da ziemlich schnell Konsequenzen draus gezogen und hat damals einen ja nationalen Plan gegen Hitze verabschiedet mit ganz unterschiedlichen Aspekten. Und sind dieses Jahr zwar auch nicht gut durch die Hitzewelle gekommen, aber zumindest besser als Deutschland. Und man muss sagen, bei uns in Deutschland wird immer viel über Klimaanpassung geredet. Also auch wenn wir bei dieser Gemeinschaftsaufgabe noch mal zurückgehen, auch da geht's um Klimaanpassung. Was Frankreich gezeigt hat, ist, dass es nicht zwingend immer nur um diese städtischen Anbaumaßnahmen geht. Also nicht nur mehr ja grüne Dächer und Fassadenbegrünung oder irgendwelche kleinen Parks. Das ist alles wahnsinnig wichtig für die Zukunft, muss man auch sagen. Ich will das jetzt nicht kleinreden. Aber was Frankreich gezeigt hat, ist, dass es oder aus den Jahren herausgefunden hat, dass es vor allem auch kleinere Maßnahmen gibt, also die weniger kosten, die einen Effekt haben können. Und so ist es, dass Hitze eben vor allem arme Leute betrifft und auch Leute, die sozial nicht so eingebunden sind. Personen, die wenig Geld haben, haben halt meistens eine Wohnung, die meistens schlecht isoliert ist und vielleicht auch gar keine Außenjalousine oder Ähnliches. Das heißt, die Wohnungen heizen sich deutlich stärker ab. Die haben weniger Geld, um irgendwie mal aufs Land zu fliehen fürn Tag oder Ähnliches. Während halt wohlhabendere Leute eher Häuser haben und sich vielleicht eine Klimaanlage leisten können und deutlich einen Garten deutlich entspannter durch diese Phasen kommen, wo's sehr heiß ist. Das zweite Problem ist eben diese soziale Einbindung. Wie du von ganz am Anfang gesagt hast mit den Wohnungsöffnungen, Leute, die niemanden haben, sind deutlich häufiger. Es gibt jetzt eine Metaanalyse, da zeigt sich, dass da 60 Prozent ein höheres Risiko haben zu versterben, wenn die Leute weniger soziale Kontakte haben als Personen mit mehr sozialen Kontakten. Diese Leute sitzen halt zu Hause alleine, haben niemand, der ihnen zum Beispiel vorbeikommt, für sie einkaufen geht, ihnen schaut, dass die Personen genug trinken. Da wir haben auch mit dem ambulanten Pflegedienst gesprochen, die haben ziemlich das Gleiche geschildert, dass ihnen genau diese Personen besonders Probleme bereiten. Und genau, das sind die zwei Zielgruppen, die sich aus Frankreich so bisschen rauskristallisiert haben. Und deswegen gibt's in Frankreich zum Beispiel so eine Hitzetelefonliste, wo Personen sich eintragen können, aber sie können auch durch zum Beispiel Ärzte, Ärztinnen eingetragen werden auf dieser Liste, immer alles freiwillig. Und dann werden die angerufen, denen werden paar Tipps zum Verhalten bei Hitze gegeben. Aber wenn sich zum Beispiel eine Person mehrfach nicht meldet, dann kommt auch jemand vorbei und schaut, ob's der Person noch gut geht. Und das sind so ja relativ, wo man jetzt nicht grad die ganze Stadt umbauen muss und trotzdem schon einen Effekt sieht.
00:17:00: DR. DENNIS BALLWIESER: Und wenn ich's richtig verstehe, das vielleicht zum Schluss, dann ist ja auch das etwas, wo man sagen kann, das können auch Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, quasi versuchen, in den Alltag zu integrieren, mal unabhängig davon, was die Politik vielleicht als Lösungen anbieten wird, richtig?
00:17:16: SEBASTIAN BRODKORB: Genau, also jetzt eine Hitzeliste vielleicht weniger, aber allein dieses, was es in Frankreich auch vermehrt gibt, dass Leute einfach angesprochen werden durch die Ärzte, Ärztinnen, in der Apotheke, dass man sagt: Hier heute ist ein heißer Tag, passen Sie auf sich auf. Es gibt Flyer, es gibt an der Supermarktkasse teilweise wird auch gesagt, heute ist ein heißer Tag. Hier sind Tipps, wie Sie sich da verhalten. Das sind so wirklich sehr niederschwellige Angebote, die aber einen Effekt haben. Und man muss sagen, in Deutschland, es gibt auch in diesem Jahr eine Umfrage, durchgeführt von der TU München oder ja. Daten von der TU München, die zeigen, dass 50 Prozent, knapp 50 Prozent der deutschen Bevölkerung eine schlechte hitzebezogene Gesundheitskompetenz haben. Das heißt, die Leute, auch wenn man sagt, ja, lüften und so weiter, die Leute wissen nicht zwingend, wie man mit Hitze umgehen soll. Und zum Beispiel fängt's halt damit an, dass man nicht mehr tagsüber lüftet, wenn's 30 Grad hat, sondern da das Fenster dann halt gerne zubehält. Aber es sind so wirklich niederschwellige Punkte, wo man sagen muss, wenn man da einfach das Wissen vermehrt und das mit Informationen, wie es eben in Frankreich auch stark vorangetrieben wird, das sind Effekte, die bei uns einen deutlichen, also, die was bringen könnten und wo man ohne viel Geld vielleicht einen Erfolg verzeichnen könnte.
00:18:35: DR. DENNIS BALLWIESER: Okay, das ist ja etwas, was schon mal praktisch weiterhilft und vielleicht hilft auch, dass wir dieses Thema jetzt gerade in der kühlen Jahreszeit besprechen, denn dann hat man Zeit über Weihnachten und Neujahr und Fasching sich Gedanken zu machen. Was könnte denn im nächsten Jahr ein Ziel sein für meine Praxis, meine Notaufnahme, meinen Arbeitsplatz im Rettungsdienst? Wie könnte ich mit kleinen Änderungen mir selbst das Leben leichter machen, aber dann auch den Patientinnen und Patienten helfen durch die nächste Hitzewelle? Sie kommt bestimmt. Danke Sebastian für deine Einordnung.
00:19:09: SEBASTIAN BRODKORB: Vielen Dank und auch noch mal danke an meine Kolleginnen, mit denen ich diesen Text zusammen geschrieben hab.
00:19:19: DR. DENNIS BALLWIESER: Das war „’ne Dosis Wissen“ für heute. Die nächste gibt's morgen ab sechs Uhr in der Früh überall da, wo ihr Podcasts findet mit meiner Kollegin Laura Weisenburger. Und bis dahin habt ihr einen Auftrag. Abhängig davon, wann ihr heute aus der Praxis der Klinik oder wo auch immer ihr im Gesundheitswesen arbeitet, rauskommt, geht auch noch in einer Apotheke vorbei. Holt euch die neue Ausgabe der Apotheken Umschau und lest das, was Sebastian und Kolleginnen zusammen geschrieben haben. Es ist wirklich interessant und spannend und in diesem Fall nicht nur für eure Patientinnen und Patienten relevant, sondern auch für euch. Danke, dass ihr „’ne Dosis Wissen“ hört.
00:20:01: SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau pro. gesundheit-hören, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
Neuer Kommentar