Kinder und Jugendliche: zu hohe Hürden für Psychotherapie
Shownotes
Depressionen, Angststörungen, ADHS: Rund ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit. Der Trend zeichnet sich schon seit Jahrzehnten ab, mit der Corona-Pandemie hat sich die Lage nochmal verschärft. Aber wer in Deutschland einen Therapieplatz für seinen Nachwuchs sucht, muss oft Monate warten. Dabei gibt es hierzulande vergleichsweise viele stationäre Plätze für junge Menschen mit psychischen Erkrankungen. Das Problem ist das deutsche System, das zwischen Psychiatrie und Telefonseelsorge kaum Abstufungen kennt. Dr. Laura Weisenburger, Ärztin und Redakteurin bei der Apotheken Umschau, erklärt, wo man ansetzen müsste, um die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu verbessern.
Für diese Folge haben wir gesprochen mit: Prof. Dr. Sarah Hohmann
Stand: 16. Oktober 2026
Quellen und nützliche Links
- Langzeit-Prävalenzstudie zur psychischen Gesundheit von jungen Menschen in Deutschland seit der Corona-Pandemie (engl.; DOI: 10.3389/fpubh.2023.1129073 )
- Positionspapier zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (DOI: 10.1007/s00103-024-03858-w)
- Offener Brief der DGKJP an Ex-Gesundheitsminister Lauterbach
Hinweis: Das Transkript wurde automatisch erstellt.
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger; Autor:innen: Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Felix Kunz, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf; Redaktion: Sina Metz, Kareen Seidler; Chefredakteur: Dennis Ballwieser; Postproduktion: BEBE Medien GmbH
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Transkript anzeigen
00:00:03: Bei den beiden Schlagworten Psychotherapie und Kinder, bzw.
00:00:09: Jugendliche, assoziieren wahrscheinlich sehr viele ziemlich bald schwierig mit Therapieplätzen beziehungsweise lange Wartezeit.
00:00:19: Und ja das ist natürlich so!
00:00:22: Aber wir haben uns heute mal angeschaut, wie genau denn die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland aussieht.
00:00:33: Und was sich ändern müsste damit man schneller diesen Platz bekommt?
00:00:42: Guten Morgen!
00:00:42: Willkommen zu einer Dosis Wissen – ihr hört den täglichen Podcast für das Gesundheitswesen.
00:00:47: Uns gibt's immer Werktags ab sechs mit einem Thema für euch in schnellen zehn Minuten.
00:00:53: Mein Name ist Laura Weisenburger, ich bin Ärztin und wissenschaftliche Redakteurin beider Apothekenumschau.
00:00:59: Und heute ist Freitag der sechzehnte Oktober.
00:01:03: Ein Podcast
00:01:04: von Gesundheit hören die Apothekeumschau pro!
00:01:09: Wie kommen wir zu dem Thema?
00:01:12: Die Linke hat eine offizielle Anfrage an die Bundesregierung gestellt, wie die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland genau aussieht.
00:01:26: Darauf muss es natürlich eine klare Antwort geben.
00:01:29: Die gucken wir uns an gemeinsam mit Sarah Hoffmann.
00:01:34: Sie ist Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf.
00:01:43: Und auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
00:01:50: Das heißt sie kennt sich da richtig aus!
00:01:53: Und ihr hört jetzt schon mal ihre grundsätzliche Einschätzung zum Thema vorne weg.
00:01:58: Die Kapazitäten sind an sich vorhanden?
00:02:02: Ich glaube, wir müssten insgesamt wegkommen von diesen sehr vielen stationären Plätzen und mehr flexibler werden in der Versorgung.
00:02:10: Mehr ambulante, mehr aufsuchende Arbeit irgendwie anbieten
00:02:13: können.".
00:02:14: Diese Feststellung dürfte ja den einen die andere vielleicht sogar überraschen!
00:02:19: Das heißt jetzt ist Zeit für den ersten Kaffee des Tages – dann schauen wir uns das ganz genauer an….
00:02:28: Was unbestritten Tatsache isst?
00:02:31: ist, dass es Kindern und Jugendlichen psychisch immer schlechter geht.
00:02:34: Und zwar nicht nur in Deutschland sondern weltweit!
00:02:37: Da wird in Fachkreisen inzwischen sogar von der Youth Mental Health Crisis gesprochen.
00:02:43: Ihr hatt schon in den zweitausend Jahren begonnen aber wurde natürlich verschärft durch Ereignisse wie die Corona-Pandemie.
00:02:51: Schauen wir uns jetzt aber doch konkret die Zahlen für Deutschland an.
00:02:54: Da ist jedes fünfte Kind psychisch belastet, in der Pandemiezeit war es sogar jedes dritte Kind und wir haben relativ häufige Diagnosen von Depressionen, Angststörungen und ADHS.
00:03:08: auch diese Zahlen hatten sich nach der Pandemie ein bisschen erholt Aber sie sind weiterhin deutlich über dem vor pandemischen Niveau.
00:03:16: Was sind die Gründe für den Anstieg von diesen Problematiken?
00:03:22: Und die betreffen natürlich auch Kinder in ihrer Lebensrealität und in ihrer Welt.
00:03:28: Da geht es ganz allgemein um Kriege, es geht um die Klimakrise, um die wirtschaftliche Lage.
00:03:33: Denn natürlich bin ich als Kind auch betroffen wenn die Eltern plötzlich weniger Geld zur Verfügung haben.
00:03:40: Auch das spüren Kinder bei der Corona-Pandemie war sehr klar soziale Isolation.
00:03:47: Aber wir wissen auch durch die Digitalisierung der Welt, dass das negativen Einfluss hat auf alle Menschen.
00:03:53: Also Internet und Smartphones.
00:03:55: Da gibt es deutlich weniger Interaktion mit Gleichaltrigen.
00:03:58: Das zeigen ganz klar Studienergebnisse.
00:04:01: Social Media hat eine negative Auswirkung auf Selbstbildnis, auf Selbstverständnis ...
00:04:07: Und
00:04:08: natürlich die ständige Konfrontation dann auch mit Krisen- und geopolitischen Ereignissen, Allzeitige Verfügbarkeit über das Smartphone habe.
00:04:18: Auch das hat Auswirkungen!
00:04:21: Und last but not least müssen wir natürlich auch drüber sprechen, über eine sehr positive Entwicklung eigentlich – dass nämlich psychischer Erkrankung weniger stigmatisiert werden.
00:04:31: Das bedeutet die Hürden darüber zu sprechen sind deutlich niedriger und auch natürlich dann in Therapie zu gehen.
00:04:38: Und dann sind wir wieder bei den Plätzen, die vermeintlich nicht vorhanden sind.
00:04:43: Wenn mehr Menschen sich Hilfe suchen, weil sie sich dessen bewusst sind, dass sie Hilfe brauchen, habe ich weniger zur
00:04:49: Verfügung.".
00:04:51: Die Frage, die jetzt DIE LINKE stellt lautste ganz konkret ist die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in Deutschland der Situation gewachsen!
00:05:01: Und die Bundesregierung antwortete, ja auch in Deutschland ist diese Situation verschärft.
00:05:07: Wir haben eine Zahl der stationären Behandlungen, die wegen psychischer Erkrankungen angestiegen ist seit Jahrzehnte um elf Prozent.
00:05:16: Wohin gegen die Zahl der vollstationären Betten in dem Bereich nur minimal gestiegen ist – nämlich um drei Prozent!
00:05:24: Allerdings ist die Zahl des Tages- und Nachtclinikplätzen ebenfalls um elf was ja eigentlich passen würde.
00:05:33: Was jetzt nicht zusammenpasst, ist das – und dass es auch gesichert – ist trotzdem lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz gibt!
00:05:44: Die meisten müssen mehrere Monate in manchen Fällen sogar Jahre warten.
00:05:48: Ich lasse aber erst mal unsere Expertin Sarah Hohmann erklären wie das mit der Anzahl der Therapieplätze ist und warum die nicht das Problem sind?
00:05:59: Eigentlich eine sehr gute Ausstattung, muss man sagen.
00:06:02: Also das heißt wir haben deutlich mehr stationäre und teilstationäre Betten und Plätze als in anderen Ländern.
00:06:08: Wir haben eigentlich auch ja deutlich steigende Zahlen an Psychotherapiekapazitäten über die letzten Jahre.
00:06:15: also da ist er deutlich ausgebaut worden.
00:06:17: Sie sieht viel eher zwei ganz andere Punkte, die man verbessern müsste damit mehr Menschen an einer Therapie schnellstmöglich kommen nämlich zum einen Die Schwelle der Angebote und zum anderen die bessere Koordination zwischen den Einrichtungen.
00:06:33: Die Schwierigkeit ist, glaube ich, dass wir teilweise noch recht hochschwellig sind.
00:06:38: Das heißt wenn jemand sich irgendwie belastet fühlt Hilfe braucht dann sind die Hürden bis da Unterstützung und Hilfe bekommt recht hoch.
00:06:46: Die Wartezeiten sind lang und bis er dann irgendwo landet hat sich das Problem wahrscheinlich schon deutlich aggraviert vielleicht oder zu mehr Schwierigkeiten geführt.
00:06:54: Wie könnte so ein mittel- oder niedrigschwelliges Angebot dann aussehen?
00:06:59: Da gibt es zum Beispiel, und das wissen glaube ich die wenigsten.
00:07:02: Die sogenannte aufsuchende ambulante Betreuung ist ja gerade für Kinder und Jugendliche gut bzw wichtig da ein therapeutisches Angebot im häuslichen Umfeld zu haben.
00:07:12: natürlich die online Therapien sprich also Digas digitale Gesundheits
00:07:17: Apps
00:07:18: Und auch die Beratung durch Pies ist nicht zu vernachlässigen, sprich also Gleichaltrige.
00:07:22: Die ähnliche Erfahrung gemacht haben mit so einer psychischen Belastung.
00:07:27: und wenn jetzt einige sagen ja Moment mal aber das sind keine Psychotherapeutinnen und Therapeuten Ja dass sagt auch unsere Experten das muss ja nicht immer sofort eine Psychotherapie sein.
00:07:39: Man könnte erst mal eine Beratungsstruktur aufbauen, die vielleicht gar nicht unbedingt jetzt direkt was mit dem psychiatrischen oder psychotherapeutischen System zu tun haben müssen.
00:07:49: So dass es dann vielleicht gar nichts sofort in so ne pathologisierende Richtung geht sondern das man einfach sagt Es gibt viele Belastungen, es gibt vielleicht Lebensthemen bei denen kann man auch niedrig- schwerlich hilfreich sein und da muss ja auch nicht jeder unbedingt an die psychiatrischer Betreuung.
00:08:03: Zu dem Punkt Koordination und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen betont unsere Expertin Hohmann, dass die stationären Plätze eigentlich nur den schweren Fällen vorbehalten sein sollten.
00:08:18: Denn das würde natürlich auch die Wartezeit verkürzen auf so einen stationären Platz wenn man schwer betroffen ist.
00:08:24: Und die leichten und mittelschweren Fälle sollten auf andere Angebote verwiesen werden können.
00:08:30: Aber dafür braucht es die Koordination und Zusammenarbeit.
00:08:34: Sie erläutert das noch
00:08:35: mal.".
00:08:36: Die Verteilung, die Steuerung und auch die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Systemen also zum Beispiel zwischen Jugendhilfe und der medizinischen System ist nicht immer so optimal aufeinander abgestimmt.
00:08:48: Und wie gesagt es ist natürlich auch schwer zu durchschauen für die Betroffenen ihre Familien wo man sich wann wie am besten hinwendet.
00:08:55: Es lässt sich also zusammenfassen Ja, in Deutschland haben wir vergleichsweise viele Therapieplätze und theoretisch müssten die reichen.
00:09:04: Aber
00:09:05: wir haben ein anderes Problem systemischer Natur, die Hürden für einen Psychotherapieplatz da heranzukommen sind zu hoch.
00:09:13: es gibt zu wenig niedrigere oder mittelschwellige Angebote.
00:09:17: sie sind auch wenn dann kaum bekannt und dann nicht gut aufeinander abgestimmt.
00:09:23: das heißt also Diejenigen, die es betrifft, die Familien und Betroffenen wissen meist gar nicht wo sie Hilfe bekommen.
00:09:32: Und ja natürlich dürfen wir hier an der Stelle auch nicht verschweigen.
00:09:37: Die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland wird gerade zunehmend abgebaut.
00:09:42: Das heißt die Versorgungslage grundsätzlich wird sich weiterhin verschlechtern.
00:09:46: Es gibt schon Eingpässe in der Ausbildung.
00:09:49: das heißt also wie haben dann irgendwann keine Therapeutinnen mehr zur Verfügung?
00:09:54: Und was wir jetzt auch aktuell viel sehen, ist natürlich die Kürzung von Honoraren.
00:09:59: Habt ihr vielleicht mitbekommen?
00:10:00: Aktuell treten hunderte Psychotherapeutinnen und Therapeuten als Protestaktion aus der Technikerkrankenkasse aus.
00:10:08: Warum?
00:10:08: Diese hatte angekündigt, die Vergütung für Psychotherapien zu kürzen!
00:10:13: Also eine vertragte Situation ... Auch wenn die Zahlen etwas anderes erzählen, gut schaut das gerade nicht aus.
00:10:26: Aber weil ich euch nicht ganz so pessimistisch in das Wochenende entlassen möchte, was jetzt vor der Tür steht, habe ich noch einen schöneren Hörtipp für euch.
00:10:36: Viele kennen es vielleicht sogar schon – Das Taxi und mich!
00:10:39: Das ist unser Kinderhörspiel-Podcast, in dem reisen Kinder mit einem Wundertaxi in den menschlichen Körper und da leben da alle gleich Abenteuer natürlich alles mit einer Ärztin gemeinsam zusammen Und eine Folge eignet sich auch sehr für etwas ältere Kinder, sprich also junge Jugendliche.
00:10:57: Da geht's nämlich um Hilfe-Hormone!
00:11:00: Vielleicht ist das ja was zum gemütlichen gemeinsamen Hören am Wochenende für euch?
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