Kritik an DGGG-Vorstandswahl
Shownotes
Am 23. Oktober 2026 wird im Rahmen des 66. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in München der Vorstand der Gesellschaft neu gewählt. Der aktuelle Vorstand stellt sich zur Wiederwahl. Eine alternative Liste gibt es nicht. Im Vorfeld gab es Kritik: Doctors for Choice Germany bemängelt, dass eine Stellungnahme des DGGG die eigene Weltanschauung von Vorstandsmitgliedern widerspiegele, und nicht den aktuellen Stand evidenzbasierter Forschung. Konkret geht es um die Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen außerhalb des Strafgesetzbuchs. Darüber spricht Dr. Laura Weisenburger, Ärztin und Redakteurin bei der Apotheken Umschau mit Dr. Alicia Baier von Doctors for Choice Germany.
Diese Folge wurde aufgezeichnet am 19.10.2026.
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Quellen und nützliche Links
• Bundesministerium für Gesundheit. Abschlussbericht zum Forschungsprojekt ELSA. Dezember 2024.
• Folge „ELSA-Studie: Wie gut werden ungewollt Schwangere versorgt? – Teil 1“. 24.09.2025
• Folge „ELSA-Studie: Wie gut werden ungewollt Schwangere versorgt? – Teil 2“. 25.09.2025
• Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“, Gespräch mit Alicia Baier: „Klarer Auftrag an die Regierung“ – Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. 02.09.2024.
• Podcast „12 Wochen“
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Redaktion: Josephine Hölke, Sina Metz, Kareen Seidler;
Chefredakteur: Dennis Ballwieser;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler
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ENDE
Transkript anzeigen
00:00:03: SPRECHER: gesundheit-hören
00:00:04: DR. LAURA WEISENBURGER: Morgen am Freitag wählt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe einen neuen Vorstand. Das ist natürlich erst mal nicht per se “’ne Dosis Wissen”-Folge wert, aber wir müssen die Frage stellen, was hat das mit dem Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches zu tun? Und jetzt wisst ihr auch, warum wir dazu “’ne Dosis Wissen” machen. Guten Morgen und dass ihr wieder eingeschaltet habt bei eben dieser Dosis Wissen, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. Uns hört ihr jeden Werktag ab sechs in der Früh, eigentlich in schnellen zehn Minuten, aber ihr es vielleicht und habt es beim Blick aufs Smartphone auf diese Folge schon gesehen. Heute nicht. Wir haben heute eine Gästin hier und wahrscheinlich dauert das Gespräch ein bisschen länger. Das Thema ist nicht ganz leicht. Mein Name ist Laura Weisenburger. Ich bin Ärztin und wissenschaftliche Redakteurin bei der Apotheken Umschau und wir zeichnen diese Folge für euch am Montag, den 19. Oktober um elf Uhr auf und ihr hört sie ab Donnerstag, den 22. Oktober um sechs Uhr.
00:01:25: SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro
00:01:32: DR. LAURA WEISENBURGER: Ja, warum machen wir diese Folge? Ich stelle jetzt mal hier eine Behauptung in den Raum und ich hoffe, ihr könnt da alle mitgehen beziehungsweise sie unterschreiben. Die Empfehlungen einer Fachgesellschaft sollten auf Evidenz oder Konsens basieren, nicht auf einer persönlichen Einstellung oder Überzeugung. Wenn ihr da mitgehen könnt, dann seid ihr hier jetzt richtig, denn wir müssen über die Vorstandswahl der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, ich glaube, ich sage jetzt häufiger DGGG sprechen. Und das tun wir mit unserer Gästin Alicia Baier. Sie ist Mitgründerin und im Vorstand von Doctors for Choice Germany. Holt euch jetzt euer Wohlfühlgetränk der Wahl und dann starten wir ins Thema. Dr. Alicia Baier, ich begrüße Sie ganz herzlich hier bei unserem Podcast. Wir beide hatten persönlich, glaube ich, noch nicht das Vergnügen, deshalb freut's mich umso mehr. Schön, dass Sie da sind.
00:02:35: DR. ALICIA BAIER: Ja, danke für die Einladung. Ich freue mich auch.
00:02:37: DR. LAURA WEISENBURGER: Vor allen Dingen auch so spontan. Wir haben erst in der vergangenen Woche drüber geredet über das Thema und die Kollegen haben das dann möglich gemacht und Sie vor allen Dingen haben's möglich gemacht, dass wir uns heute früh sprechen in dieser Woche, in der ja auch der 66. DGGG Kongress in München stattfindet und es steht die Vorstandswahl an, und zwar am Freitagabend, also am 23.10. um 18 Uhr. Die erfolgt alle zwei Jahre und diese Woche ist es wieder zur Wahl so weit. Zur Abstimmung steht eine Wahlliste für die Wiederwahl und das ist der aktuelle Vorstand, der sich da auch wieder zur Wahl stellt. Ich erklär noch son bisschen für alle, die jetzt nicht so drin sind in den Fachgesellschaften und in diesen Wahlen. Wahlberechtigt sind alle Mitglieder der DGGG, das heißt also rund 6.000 Frauenärztinnen, Frauenärzte und natürlich auch alle, die forschend in der Gynäkologie tätig sind und Mitglieder sind. Aber jetzt natürlich die Frage auch an Sie ganz konkret. Doctors for Choice Germany hat sich ja bereits im Sommer, glaub ich, zu dieser Vorstandswahl geäußert, und zwar durchaus mit großer Sorge. Warum?
00:03:59: DR. ALICIA BAIER: Ja, unsere Sorge betrifft die inhaltliche und auch gesundheitspolitische Ausrichtung der DGGG, die natürlich eng verbunden ist damit, wer eben in diesem Vorstand ja antritt. Und da ist es leider so, dass die aktuelle Vizepräsidentin dort, Angela Köninger, eine Chefärztin aus Regensburg, ist seit Jahren in der sogenannten Lebensschutzbewegung aktiv, also macht sich gegen das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch stark, ist da auch, also betreibt da auch Lobbyarbeit, hält Seminare zum Beispiel beim Kongress Leben.Würde des größten Lebensschutzverbandes Deutschlands und hat auch Briefe an Bundestagsabgeordnete organisiert und unterschrieben, in denen sie eben empfohlen hat, an ‘ner strafrechtlichen Regelung festzuhalten. Und sie hat auch schon eine Stellungnahme im Namen der DGGG verfasst, in der sie eben Ähnliches empfiehlt. Und das sehen wir eben problematisch, weil es dazu ja klare evidenzbasierte Empfehlungen gibt, die eben eine Legalisierung auf wissenschaftlicher Basis eben ganz klar empfehlen. Und sie aber eben mit dazu beigetragen hat, dass die DGGG hier einen eher ja restriktiven Kurs führt. Und das sehen wir eben mit Sorge und weisen deswegen eben auf diese Wiederwahl hin und wollten das auch der Öffentlichkeit eben ja nicht vorenthalten.
00:05:34: DR. LAURA WEISENBURGER: Tatsächlich sehen wir das natürlich ähnlich. Wir gehen da grade als Medium, was neutral darüber berichten möchte würden und natürlich aber auch evidenzbasierte Medizin ja, sich auf die Fahnen geschrieben hat. Also bei “’ne Dosis Wissen” besprechen wir ja auch sehr, sehr viele Studienergebnisse, Umfrageergebnisse und so weiter und so fort und da ist das natürlich auch aufgefallen, dass das durchaus eine Diskrepanz ist. Aber da gehen wir gleich noch mal ins Detail, was denn eigentlich die wissenschaftliche Evidenz ist und wie viele Stimmen wir denn da auf der Seite haben. Ich würde noch mal ganz kurz ein bisschen zurückgehen, auch wenn es sehr viel besprochen wurde in den letzten zwei Jahren. Paragraf 218, um den geht's, also das ist son bisschen der Stein des Anstoßes. Was ist da so passiert in den letzten zwei Jahren? Da hat ja grade auch durch die ELSA-Studie was mit angestoßen. Also wir wissen jetzt deutlich mehr über die Versorgung. Können Sie da noch mal ein bisschen was Einordnendes zu sagen, damit alle son bisschen mehr die Basis des Wissens haben?
00:06:43: DR. ALICIA BAIER: Ja, genau. In den letzten Jahren ist eigentlich viel passiert politisch zu diesem Thema, vor allem in der letzten Legislatur tatsächlich. Da war es eben so, dass diese ELSA-Studie in Auftrag gegeben wurde. Das ist eine sehr, sehr große Studie, die die Versorgungssituation von ungewollt Schwangeren in ganz Deutschland beforscht hat mit sehr vielen Daten. Und zu dem Schluss kommt, dass die Versorgung eben nicht überall gewährleistet ist, also vor allem in Südwestdeutschland, dort eben streckenweise auch über mehrere Landkreise hinweg es kaum Angebote gibt zum Schwangerschaftsabbruch, also viel zu wenige Ärztinnen eigentlich, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Das ist nur eines von sehr vielen Ergebnissen. Also der Abschlussbericht fast 10.000 Seiten, ne. Das sind sehr viele Ergebnisse auf sehr verschiedenen Ebenen. Und gleichzeitig war es auch so, dass die Ampelregierung damals eben das ja zur Kenntnis genommen hat, dass wir eben Versorgungslücken hat und deswegen auch eine Expertenkommission in Auftrag gegeben hat, die prüfen sollte eine außerstrafrechtliche Regelung für Deutschland und ein Jahr lang getagt hat und dann eben ganz klar eigentlich empfohlen hat, dass die aktuelle Regelung nicht tragbar ist und dass wir in Deutschland eine Legalisierung zumindest in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft brauchen. Also eine ganz klare Empfehlung für eine rechtliche Änderung und daraufhin ist erst mal nicht so viel passiert, aber dann gegen Ende der Ampelregierung haben sehr viele Abgeordnete über drei Parteien hinweg, also über Grüne, SPD und Linke eben einen ja Gruppenantrag vorgelegt für eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in den ersten drei Monaten. Es wäre auch diese dreitägige Pflichtbedenkzeit vor einem Schwangerschaftsabbruch weggefallen und Abbrüche und auch Verhütung wären von den Krankenkassen übernommen worden. Also eine sehr sinnvolle Reform, die auch großen Anklang in der Bevölkerung gefunden hat. Also da hinter diesen Antrag haben sich sehr, sehr viele zivilgesellschaftliche Verbände gestellt, unter anderem sogar die evangelische Kirche Deutschlands und sogar der Berufsverband der Frauenärzte, der die niedergelassenen Gynäkologinnen vertritt und auch eher ja konservative Positionen vertritt. Aber selbst der hat sich hinter diesen Entwurf gestellt, die Deutsche Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nicht leider. Genau und es gab auch viele repräsentative Umfragen, die eigentlich gezeigt haben, dass so 80 Prozent der Bevölkerung eben dafür sind, dass frühe Schwangerschaftsabbrüche endlich legalisiert werden.
00:09:18: DR. LAURA WEISENBURGER: An der Stelle würde ich ganz kurz noch mal ergänzen, da ich ja gerade gesagt habe, die Evidenz sieht das genauso und da würde ich jetzt quasi ergänzen, also es gibt evidenzbasierte Kernforderungen, unter anderem auch von der WHO, also ganz übergeordnet. Die FIGO, also die International Federation of Gynecology and Obstetrics ist da genauso dabei. Da ist ja übrigens die DGGG auch Mitglied quasi Kleinfachgesellschaft dabei. Und dann auch noch die American College of Obstetricians and Gynecologists, gar nicht so einfach, wenn man das nicht dauernd sagt und die British RCOG, also Royal College und so weiter. Also wir haben ein ganz, ganz breites Spektrum weltweit letztendlich, was wo alle Fachgesellschaften, wir sprechen ja von' nem Expert*innen Konsens, das ist eine schwierige ethische Frage, ganz klar, aber wir haben da definitiv einen Konsens. Also der ist da, das ist jetzt auch nichts Neues, das ist feststehend. Das noch mal quasi als jetzt auch Basis, so sieht die Evidenzlage aus. Und jetzt genau wollten Sie grade sagen, warum hat's nicht geklappt, obwohl wir jetzt auch in Deutschland eben diese Expert*innen Kommission hatten, die eigentlich gesagt hat, wir sehen das genauso, wir kommen zum gleichen Schluss? Was ist, was war los?
00:10:40: DR. ALICIA BAIER: Ja, das war sehr frustrierend. Also wie das so üblich ist, gehen solche Gesetzesänderungsvorschläge eben dann erst mal durch den entsprechenden Ausschuss, in dem Fall war das der Rechtsausschuss, da war ich selber auch als Sachverständige geladen. Dort wird eben noch mal von verschiedenen Expertinnen werden die Fakten und Haltungen eben angehört. Und das ist eigentlich ein prozeduraler Vorgang, dass dann eben dieser Entwurf ins Parlament zurücküberwiesen wird zur Abstimmung. Und das wurde eben verhindert im Rechtsausschuss. Also man kann sagen, dieser Gesetzentwurf ist im Rechtsausschuss versackt. Und zwar, weil die entsprechenden Abgeordneten von CDU, AfD und leider auch FDP geschlossen dagegen gestimmt haben, dass überhaupt über diesen Antrag abgestimmt werden darf. Und das war vor allem von Seite der FDP sehr überraschend, weil die FDP eigentlich auch selber für eine Legalisierung war, auch als Teil der Ampelregierung, aber dann damit argumentiert hat, dass man ja mehr Zeit bräuchte, um darüber zu diskutieren, obwohl wir diese Debatte seit Jahren führen. Also das war sehr, sehr frustrierend tatsächlich, dass nicht mehr darüber abgestimmt werden durfte.
00:11:47: DR. LAURA WEISENBURGER: Und jetzt ist natürlich auch die Frage und wahrscheinlich denken sich das auch viele, na ja, Moment mal, wenn wir jetzt sone Fachgesellschaft, so eine große wichtige Fachgesellschaft wie die DGGG haben, dann wird ja wahrscheinlich die Politik sich das auch anhören. Die wird sich irgendwie in irgendeiner Form dazu positionieren. Wie sah die Stellungnahme der DGGG zu diesem Punkte aus?
00:12:12: DR. ALICIA BAIER: Genau, also diese Expertinnenkommission hat ganz verschiedene zivilgesellschaftliche, medizinische, kirchliche Verbände angefragt, eben eine Stellungnahme abzugeben zu einer außerstrafrechtlichen Regelung. Eben auch die DGGG wurde angefragt als wissenschaftlich-gynäkologische Fachgesellschaft und die DGGG hat diese Stellungnahme eben die besagte Angela Köninger verfassen lassen, ja? Das steht im Papier selber. Sie steht da als Verfasserin drin. Ob die Mitglieder oder der Vorstand da irgendwie beteiligt wurden oder nicht, das ist mir unklar. Auf jeden Fall argumentiert sie dort eben ganz klar dafür, dass die strafrechtliche Regelung beibehalten werden solle mit ja, in meinen Augen seltsamen Argumenten. Zum Beispiel ein Argument war, dass ohne den Paragraf 218 eben Ärztinnen zum Eingriff gezwungen werden könnten, was gar nicht stimmt, ne, weil das ist noch mal in einem ganz anderen Gesetz geregelt, das Verweigerungsrecht aus Gewissensgründen.
00:13:12: DR. LAURA WEISENBURGER: Da mischt sie zwei unterschiedliche Dinge, das müssen wir klar sagen, ne?
00:13:15: DR. ALICIA BAIER: Genau, also dieser Gesetzentwurf hat ja explizit vorgesehen, Abbrüche zu legalisieren, und trotzdem wäre natürlich das Recht aus persönlichen, zum Beispiel religiösen Gründen, die Teilnahme an einem Abbruch zu verweigern, das wäre erhalten geblieben. Genau, aber sie argumentiert dort eben so, dass dann eben Ärztinnen zum Eingriff gezwungen werden würden und das wiederum könnte dann zu einem Ärztinnenmangel in der Geburtshilfe führen. Also dass Ärztinnen sagen: Oh, aber wenn ich jetzt Gynäkologie und Geburtshilfe mache, könnte ich ja dazu gezwungen werden, deswegen entscheiden sich da weniger Kolleginnen für dieses Fach. Das war ihre zum Beispiel Argumentationskette, die überhaupt gar nicht auf irgendwelchen wissenschaftlichen Daten oder tatsächlichen Erfahrungen beruht, sondern wirklich auf ihrer persönlichen Meinung. Und im Gegensatz dazu hat sie eben gar keine internationale Evidenz zitiert, also die WHO oder die FIGO, was Sie eben grade gesagt hatten. Diese ganzen Daten, die wir haben, das wurde da mit keinem Wort eben erwähnt, ne? Und das ist natürlich schon problematisch, wenn dem eben unsere gynäkologisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft, die uns Gynäkologinnen in Deutschland vertritt, eben angefragt wird, zu soner wichtigen Frage eben Stellung zu nehmen und dann eben entgegen der wissenschaftlichen Evidenz da argumentiert und dazu rät, eben die strafrechtliche Regelung beizubehalten. Ja, das war natürlich dann sehr enttäuschend für uns, also auch für mich als DGGG-Mitglied. Ich bin ja auch in dieser Fachgesellschaft Mitglied.
00:14:40: DR. LAURA WEISENBURGER: Das wäre meine nächste Frage gewesen. Das kommt ja noch obendrauf, dass man quasi sagt, wir haben da eine Einzelperson, die es dann offensichtlich auch nicht schafft. Also es gibt ja auch Menschen, die sich für die eine persönliche Stellung haben, eine persönliche Meinung, eine persönliche Leidenschaft und dafür engagieren und das aber streng trennen können. Das ist aber jetzt offensichtlich ja eben nicht passiert. Da hat ein Team vom Tagesspiegel eine relativ ausführliche Recherche Ende der letzten Woche veröffentlicht. Da sind noch mehrere Beispiele dabei, wo's noch diverse E-Mails und so weiter gab. Also die Trennung ist offensichtlich ja nicht gegeben. Wie sieht das die DGGG insgesamt? Haben Sie da mal sich ein bisschen umgehört? Gibt's da Stimmen? Denn das ist ja, wie Sie grade gesagt haben, ich fühl mich da jetzt auch nicht so ganz gut vertreten, ja? Und dabei ist das ja Ihre offizielle Vertretung, der Vorstand.
00:15:37: DR. ALICIA BAIER: Ja, also ich kenn jetzt keine Mitgliederbefragung innerhalb der DGGG, aber zum einen eben die ELSA-Studie, die 700 Gynäkologinnen befragt hat, von denen 75 Prozent für eine Legalisierung waren, egal ob sie selber Abbrüche durchgeführt haben oder nicht. Und wir haben natürlich das Votum des Deutschen Ärztebundes, der sich auch eben mit ‘ner also wirklich großen Mehrheit für eine Legalisierung ausgesprochen hat. Also ich gehe davon aus, dass eigentlich die Mehrheit der DGGG-Mitglieder hier eine liberalere Haltung hat, als es der Vorstand aktuell vertritt. Also dass dort wenige eher konservative Stimmen eben den Diskurs dominieren. Aber eine solche Umfrage wär tatsächlich mal spannend und fänd ich auch gut, wenn der DGGG-Vorstand das vielleicht mal durchführt. Was wir auch wissen, ist, also an mehreren Stellen, als diese Stellungnahme damals veröffentlicht wurde, haben wir einen offenen Brief an den Vorstand verfasst und auch jetzt wieder anlässlich der Vorstandswahl und haben dort wirklich nur in unserem persönlichen Umfeld, also Doctors-for-Choice-Mitglieder, die auch DGGG-Mitglieder sind, haben eben bei Arbeitskolleginnen und so weiter nachgefragt, ob sie diesen offenen Brief unterschreiben wollen und da kamen jedes Mal so knapp 300 Unterschriften zusammen. Das ist jetzt natürlich nicht so viel bei 6.000 Mitgliedern insgesamt, aber wir haben jetzt auch nicht systematisch eben nach Unterschriften gesucht, sondern haben erst mal nur so im Umfeld eben nachgefragt und haben da schon gemerkt, dass da eben viele unserer Kolleginnen das auch kritisch sehen.
00:17:03: DR. LAURA WEISENBURGER: Also von' richtigen echten Konsens kann man jetzt auch bei, finde ich, jetzt so stichprobenartig 300 Stimmen, die spontan sagen, nee, das müssten wir eigentlich noch mal genauer besprechen, nicht reden.
00:17:14: DR. ALICIA BAIER: Nee, genau. Also wir erkennen natürlich dieses Recht auf eine persönliche Überzeugung explizit auch an, aber denken eben, wer so ein Amt innehat, ein im Vorstand und eben eine wissenschaftliche Fachgesellschaft repräsentiert, die Person muss schon zeigen können, dass sie eben ihre persönliche Weltanschauung und aber auch eine evidenzbasierte Position voneinander trennen kann. Und da haben wir eben bei Frau Köninger jetzt bisher nicht den Eindruck gehabt, unter anderem eben ja dadurch, dass sie auch als Vorständin eben diese Stellungnahme dann verfasst hat und dort eben nicht die Evidenz respektiert hat.
00:17:48: DR. LAURA WEISENBURGER: Genau, das würde ich sagen, unterschreiben wir hier bei Deutschen Ärztebundes genauso, weil genau das war auch der Punkt, der uns sofort aufgefallen ist. Moment, da gibt's jetzt eine Menge Beispiele dafür, dass da sone Vermischung stattfindet. Das hier soll auch eben explizit deshalb keine Folge darüber sein, über pro und contra Legalisierung von Paragraf 218. Es geht jetzt allein nicht darum, ist da eine Neutralität gegeben Und das sieht ja eher schwierig aus. Es ist ja jetzt auch so, dass man sagen könnte, na Moment, muss denn diese Person auch dringend auf der Liste stehen? Aber so wie's ausschaut, es gibt wohl nur so kompakte, sprich also vorgefertigte, Wahlvorschlagslisten. Einzelne Personen können nicht herausgestellt oder auch rausgenommen werden, wenn das jetzt, wenn wir das richtig verstanden haben.
00:18:41: DR. ALICIA BAIER: Ja, genau, das ist ein Problem. Also es ist sone reine Listenwahl. Das heißt, es ist gar nicht möglich, einzelne Kandidatinnen aufzustellen oder auch gegen einzelne Kandidatinnen zu stimmen, sondern man kann nur diese Liste als Gesamtpaket wählen und es ist dieses Mal auch so, dass es eben nur eine einzige Liste antritt. Also es ist eigentlich gar nicht sone richtige Auswahl, die getroffen werden kann. Und das ist eben der jetzt amtierende Vorstand, der sich wieder ausstellt in dieser Liste. Und die DGGG sagt dann selber, na ja, es hätte ja eine Gegenliste aufgestellt werden können, aber die Hürden dafür sind natürlich ziemlich hoch. Also das ist wirklich schwierig, eine Gegenliste aufzustellen. Man braucht dann eben fünf Personen, die feste Qualifikationsvorgaben haben. Also mehrere davon müssen so Uniprofessorinnen mit Klinikleitungsfunktion sein.
00:19:31: DR. LAURA WEISENBURGER: Da haben wir ja jetzt einen begrenzten Pool in Deutschland. Genau, und die reden wir von einer fixen Zahl.
00:19:35: DR. ALICIA BAIER: Genau, die können ja nicht einzeln, man kann nicht sagen: Ah ja, der oder die Professorin würde sich jetzt aufstellen, sondern die muss dann ja erst mal sich mit soundso viel anderen Professorinnen zu einer Liste zusammenfinden und eben acht Wochen vor der Wahl dann sich da bewerben. Und das ist schon eine ganz schön große Hürde und wir denken eben auch, dass diese Listenwahl eben grade für Personen, die jetzt nicht sehr eng verbunden sind mit den wichtigen Personen in der DGGG, dass es für die besonders schwierig ist, dort hineinzukommen. Also dass es quasi einfacher ist für diejenigen, die mit dem jetzigen Vorstand sich gut stellen und gegebenenfalls da auch gute Kontakte haben, für die ist es dann einfach quasi in diese Liste vorgeschlagen zu werden, die dann eben am Ende zur Wahl steht. Aber für andere ist es schwer, da reinzukommen. Also dass das auch son bisschen eine gewisse Klüngelei oder so ermöglicht. Und das ist natürlich dann auch wiederum für Frauen besonders schwer, da reinzukommen, weil es eben oft auch Männerbünde gibt in der Gynäkologie, dass eben Männer Männer fördern und es halt bestimmte Netzwerke gibt. Und deswegen ist diese eben schon in unseren Augen nicht so gut und ist auch nicht sone gute demokratische Legitimation, wenn nicht wirklich jedes einzelne Vorstandsmitglied gewählt wird für seine Qualifikation. Und deswegen schlagen wir dieses Mal eben auch eine Satzungsänderung vor bei der Mitgliederversammlung, die jetzt während dem DGGG-Kongress stattfindet, wo ja eben gewählt wird. Da schlagen wir eben vor, dass es in Zukunft eine Einzelwahl geben soll, weil das eben für mehr Transparenz und auch eine echte Wahl für die Mitglieder sorgen würde.
00:21:10: DR. LAURA WEISENBURGER: Ist ja bei anderen Fachgesellschaften durchaus auch möglich.
00:21:13: DR. ALICIA BAIER: Genau, also diese Vorgaben bleiben erhalten, dass eben mindestens zwei Frauen im Vorstand sein müssen und wir haben dann einen Korrekturmechanismus eingebaut, dass eben, wenn das gewählte Ergebnis die Vorgaben nicht erfüllt, dann in derselben Versammlung nachgewählt wird, beginnend beim zuletzt gewählten Amt und so könnte man eben weiterhin sicherstellen, dass der Frauenanteil erhalten bleibt und so handhaben das ja ganz viele andere Parteien und Gremien auch, die ja auch Einzelwahlen haben und trotzdem eine bestimmte Frauenquote. Also dass das nicht zu vereinen sei, das stimmt einfach nicht.
00:21:46: DR. LAURA WEISENBURGER: Ja, das funktioniert nicht, ne, sonst bräuchten wir überall, wo wir eine Parität haben, plötzlich Listen. Das das ist ja auch nicht der Fall. Sind Sie dabei? Verfolgen Sie die Wahl? Also vor Ort oder haben Sie irgendwie die Möglichkeit?
00:21:59: DR. ALICIA BAIER: Ja.
00:22:00: DR. LAURA WEISENBURGER: Sie sind vor Ort in München.
00:22:01: DR. ALICIA BAIER: Genau, wir sind vor Ort. Wir hoffen auch, dass wir und also, dass unser Satzungsantrag eben dann in Gänze vorgestellt wird und wir das vielleicht auch kommentieren dürfen und genau, sind sehr gespannt, wie das so ablaufen wird. Niemand von uns war bisher bei ‘ner Mitgliederversammlung der DGGG. Ich glaub, das ist häufig eher son ja formaler Treffpunkt. Das ist freitagabends von sechs bis acht Uhr. Ich glaube, viele gehen da normalerweise gar nicht hin, aber ich glaube, Jahr erfährt die Wahl ein bisschen mehr Aufmerksamkeit als sonst und auch die DGGG hat schon aufgerufen, also der Vorstand hat auch schon aufgerufen, zur Wahl zu gehen und eben für die Liste zu stimmen und für auch, dass die Listenwahl erhalten bleibt. Genau, das wird ja spannend werden.
00:22:44: DR. LAURA WEISENBURGER: Das gucken wir uns mit Sicherheit auch ganz genau an, was da jetzt am Ende bei rauskommt, wer genau dann gewählt ist und wieder da ist im Vorstand oder vielleicht auch nicht und vielleicht irgendwas sich völlig anderes ergeben hat. Wenn nötig, berichten wir dann natürlich auch wieder drüber. Für heute sage ich erst mal vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, so kurzfristig vor dann ja ’ner sehr großen kontroversen Geschichte, wo Sie auch mit beteiligt sind, da mit uns drüber zu sprechen und ein bisschen aufzuräumen, warum eigentlich das jetzt eine Frage ist, die ja schon, sagen wir auch ganz konkret, an einer Personalie sich son bisschen entzündet hat, aber ja durchaus zu Recht, wenn wir sagen, wir wollen alle evidenzbasierte Medizin machen, informativ Frauen, und das hat sich die DGGG ja auch auf die Fahne geschrieben, selbstbestimmt über ihre Reproduktion entscheiden lassen zu können, ne. Also dieses Recht auf Selbstbestimmung, das ist ja durchaus Teil der DGGG.
00:23:48: DR. ALICIA BAIER: Absolut.
00:23:49: DR. LAURA WEISENBURGER: Dann vielen, vielen Dank, dass Sie da waren.
00:23:51: DR. ALICIA BAIER: Ja, gerne. Danke für die Einladung.
00:23:57: DR. LAURA WEISENBURGER: Ich bin jetzt auf jeden Fall sehr gespannt, was bei der Wahl am Freitag rauskommt und gucken wir mal, ob wir da noch mal hier bei “’ne Dosis Wissen” drüber reden müssen. Wenn ihr jetzt zu der ELSA-Studie selbst oder auch mehr von Alicia Baier hören möchtet. Da haben wir natürlich Folgen zu gehabt, sowohl bei “’ne Dosis Wissen” als auch bei "Frau Doktor, übernehmen Sie!”. Wir haben euch alle weiteren Podcastfolgen zu diesem Thema in den Shownotes verlinkt. Und passend zum Kongress, der gerade läuft, habe ich mit meiner Kollegin Silke Stuck ein längeres Gespräch geführt, und zwar über eine sehr spannende Untersuchung über die gynäkologische Untersuchung. Wie die nämlich wahrgenommen und empfunden wird, sowohl von denjenigen, die wir untersuchen, als auch von den Untersuchenden selbst. Hört dafür morgen in die Dosis Wissen rein.
00:24:55: SPRECHER: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau pro. gesundheit-hören, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
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