Demokratie braucht Fakten: Ein Gespräch mit Eva Winkler
Shownotes
Im Gespräch zwischen Professorin Dr. Dr. Eva Winkler und Dr. Dennis Ballwieser geht es um die Wissenschaftler:innen-Initiative „Aufstehen für Demokratie“. Renommierte Forscher:innen rufen zur Wahl demokratischer Parteien auf, die ihre Entscheidungen auf der Basis von Fakten treffen. Auslöser für die Aktion, in der sich Klinik- und Institutsdirektor:innen aus ganz Deutschland engagieren, ist die forschungsfeindliche Entwicklung in den ersten Tagen der zweiten Regierung Trump in den USA und das Infragestellen wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse vor allem durch die „AfD“ in Deutschland.
Diese Folge wurde am 18. Februar 2025 aufgezeichnet.
Quellen und nützliche Links
- Initiative und Petition Aufstehen für Demokratie
- Editorial im British Medical Journal (engl.; DOI: 10.1136/bmj.r294)
- New York Times-Reportage über die Folgen der USAID-Abwicklung weltweit, in deutscher Übersetzung bei Apotheken-Umschau.de
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Autor:innen: Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;
Redaktion: Sebastian Brodkorb, Jessica Roth, Kareen Seidler;
Chefredakteur: Peter Glück;
Postproduktion: BEBE Medien GmbH
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Transkript anzeigen
Dr. Dennis Ballwieser – Wir hören und lesen es täglich, am Sonntag ist Bundestagswahl. Nach der Wahl könnte sich einiges ändern für Mediziner*innen, aber auch für Forscher*innen. Eine Gruppe von Wissenschaftler*innen haben jetzt eine Initiative gestartet - „Aufstehen für Demokratie“. Der Claim der Aktion, Demokratie braucht Fakten, Wissenschaft braucht Demokratie. Und darum geht es. Bürger sollen dazu bewegt werden, wählen zu gehen und zwar Parteien, die Fakten zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen.
Sprecher – ‘ne Dosis Wissen. Der Podcast für Health Professionals.
Dr. Dennis Ballwieser – Guten Morgen und willkommen zu ‘ne Dosis Wissen, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. ‘ne Dosis Wissen gibt's werktags ab sechs Uhr in der Früh in kompakten zehn Minuten. Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt und Mitglied der Chefredaktion der Apotheken Umschau. An diesem Mittwochmorgen, dem 18. Februar 2025 gibt es eine Folge ‘ne Dosis Wissen Spezial mit Professorin Eva Winkler.
Sprecher – Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
Dr. Dennis Ballwieser – In einer Zeit vor dem Erstarken von Politikern, die zu jedem noch so komplexen Thema eine ganz einfache radikale Lösung präsentieren, da waren wir uns in der Gesellschaft einig, dass Wissenschaftler*innen faktenbasiert arbeiten und dass es Wege gibt, wenigstens über einige Dinge aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnis in der Gesellschaft Einigkeit herzustellen. Mal etwas ganz Basales zu nennen, dass die Erde eine Kugel ist und keine Scheibe. Das ist nicht mehr so einfach. Das sehen wir einerseits und mittlerweile mit Verstörung und großer Unruhe in den USA, zu denen wir in Deutschland in den letzten achtzig Jahren geblickt haben, wenn wir auf der Suche nach Vorbildern waren. Wir sehen es aber auch in Deutschland.
Besonders deutlich wird das gerade im Bundestagswahlkampf, wo längst keine Einigkeit mehr darüber herrscht, was Fakten und was Meinungen sind. Sorgen bereitet das einer wachsenden Gruppe von den Menschen, die ihr berufliches Leben der Suche nach Fakten, Erkenntnissen und Ergründen des Unbekannten widmen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Eine solche Gruppe von Forscher*innen hat deshalb Aufstehen für Demokratie ins Leben gerufen. In dieser ‘ne Dosis Wissen Spezialfolge spreche ich mit einer der Initiatorinnen der Initiative, mit Prof. Dr. Dr. Eva Winkler, der geschäftsführenden Direktorin des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg. Sie ist Onkologin und Medizinethikerin, Professorin für transnationale Medizinethik an der Universität Heidelberg, war Heisenberg-Professorin für transnationale Medizinethik und ist stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Wir zeichnen dieses Gespräch am Dienstag, den 18. Februar kurz nach neun Uhr am Vormittag auf. Holt euch den ersten Kaffee des Tages und dann geht's los.
Dr. Dennis Ballwieser – Frau Professorin Winkler, warum genau jetzt und warum genau diese Initiative?
Prof. Dr. Eva Winkler – Ja, ich denk, das sind vor allem zwei Ereignisse, die uns, sagen wir mal, aus dem Elfenbeinturm, dem viel Besagten der Wissenschaft auf die Straße gebracht haben. Zum einen die dramatischen Veränderungen in den USA, die wir eigentlich, als wir die Petition, also wir haben eine Petition im Internet erst mal gestartet, uns zu formieren und auch andere Wissenschaftler zu mobilisieren. Das war am 19. Januar, zu dem Zeitpunkt schon gar nicht so absehen konnten und im Grund war das schon eine andere Welt gewesen. In den letzten zwei Wochen ist in den USA im Grund das Wissenschaftssystem in relevanten Bereichen zerschlagen worden und es ist auch nicht klar, ob es überhaupt in den Bereichen, in denen es abgeschafft oder stillgelegt wurde, so wieder geheilt werden kann, wenn das denn die Regierung wollen würde oder die Wissenschaft aufstehen würde. Um Ihnen ein paar Beispiele zu geben, die die größte Gesundheitsfördereinrichtung ist das NIH, also das National Institute for Health. Dort sind im Grunde per Executive Order von der Regierung, also von Donald Trump, erst mal alle Forschungsprojekte pausiert worden on hold, auch alle Begutachtungsverfahren. Und es wird jetzt erst mal geschaut, was ist alles auf Linie zu der zu der Regierungspolitik? Nicht auf Linie sind sozusagen Gelder, die aus den USA abfließen, beispielsweise in die Entwicklungshilfe. Und die größte Entwicklungshilfeorganisation, die auch ganz viele Forschungsprojekte macht, ist USAID, die komplett das Funding zunächst so schaut's jetzt jedenfalls, gestrichen bekommen hat. Und das bedeutet konkret, dass von Zehntausenden Aktiven und Forschern weltweit, auch in Ländern, wo es Tuberkuloseforschung oder HIV-Forschung geht, diese ganzen Forschung, aber auch die Personalmittel, alles eingefroren ist und still liegt und wahrscheinlich auch nicht weiter gefördert wird. Und das sind konkret nicht nur ein Verlust an Erkenntnissen, sondern auch an Versorgung für die Menschen dort. Und ein zweites Beispiel, was wir uns auch nicht vorstellen könnten, eine Gesundheitsbehörde wie CDC, also praktisch für infektiöse Erkrankungen, die ganz viele Aufklärungsseiten hat, für Patienten, Patientinnen, Bürgern über HIV, über Frauengesundheit oder über Diversität, Gendermedizin. Diese ganzen Seiten wurden einfach abgestellt, also vom Internet weggenommen und es gab dann praktisch Raubkopien, dieses Wissen zu bewahren, weil das ja wirklich wissenschaftlich fundierte Aufklärungsseiten sind, an denen sich Menschen in medizinischen Bereich orientieren können, gute Entscheidungen zu treffen. Und alles, weil diese Art von Forschung der Regierung nicht genehm ist. Und das, das ist die eine Entwicklung, die, wo wir sagten, das ist so ein massiver Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit und in den großen Nutzen, der da damit verbunden ist, dass das uns direkt tangiert, weil auch wir hier in Deutschland eben Parteien haben, die Fakten wie Meinungen behandeln und was meinen mir damit, dass es im Grunde, dass man einerseits in der Wissenschaft versucht, der Wirklichkeit näherzukommen oder der Wahrheit näherzukommen und das ist nicht in Stein gemeißelt.
Wir irren uns nach vorne sozusagen, also alles ist falsifizierbar, aber das, was robust dann übrig bleibt, sind eben Dinge, die von denen man ausgehen kann, dass das der Stand der Wissenschaft ist, dass es Konsens ist. Beispielsweise, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt und dass es eben nicht im Auge des Betrachters, dass man sagen kann, na da hast Du deine Meinung und ich hab eben eine andere Meinung. Und dann ist das wie sozusagen Glaubensgemeinschaften, wo man wo man dann da aufhören muss, sondern man kann mit diesem wissenschaftlichen Fakt anfangen und dann kann man streiten darüber, was sind denn gute Lösungen, Diversität zu bewahren oder andere Dinge zu bewahren, die uns wichtig sind. Und in dem Moment, wo wir das rück also praktisch negieren und sagen, das ist alles Meinungssache und das in die in die Hände von praktisch Regierungen geben, die sagen, bestimmte Dinge passen uns und andere nicht, dann hat einfach die Gesellschaft und die Wissenschaft enorme Nachteile und wird eigentlich in 'ner gewissen Weise abgeschafft.
Dr. Dennis Ballwieser – Jetzt haben Sie den großen Bogen tatsächlich schon gespannt von der Entwicklung in den USA, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler natürlich immer hinschauen. Sie haben's selbst gesagt, die NIH ist eine der wichtigsten Finanzquellen für Forschung weltweit, nicht nur in den USA, hin zu der Frage, was das mit uns in Deutschland und gerade im Bundestagswahlkampf zu tun hat.Um einmal bei dem Beispiel zu bleiben, das Sie jetzt selbst hier für Deutschland gebracht haben, die Frage, ob wir noch darüber diskutieren, ob der Klimawandel tatsächlich stattfindet und dann im Anschluss die Frage, ob er menschengemacht ist oder nicht, Menschen beeinflusst. Das heißt, da wird's konkret und da geht es, nehme ich an, häufig um die Thesen, die die AFD verbreitet. Der Aufruf, den sie platzieren, ist parteipolitisch neutral, insofern, dass sie sagen, es sollen faktenbasierte demokratische Parteien gewählt werden. Sie hatten ja am letzten Mittwoch bereits den ersten Aktionstag fünf vor zwölf haben sich Menschen, die ihren Aufruf unterstützen, an Kliniken und Instituten getroffen und dafür demonstriert. Diesen Donnerstag fünf vor zwölf wird's wieder soweit sein. Wie ist denn das Feedback aus der Community der Forscherinnen und Forscher zu diesem Aufruf?
Prof. Dr. Eva Winkler – Also extrem, wir haben extrem viel Unterstützung. Zunächst mal hatten wir das auf Open Petition als Aufruf uns zu Folgen gestellt. Jetzt nicht in dem Sinn, dass wir denken, dass eine Petition an sich mit zehntausend Unterschriften oder so dann im Bundestag eingereicht wird, sondern weil das natürlich auch ein Format erst mal ist, sich zu finden und nächste Schritte zu planen. Und da hatten wir innerhalb von kürzester Zeit jetzt sind wir glaube ich bei beinahe fünftausend Unterschriften. Wir hatten aber auch die Möglichkeit reingestellt, dass man uns direkt mailen kann, wenn man das Dokument als Primärunterzeichner sowie in 'nem Word Dokument nochmal besonders unterstützt.
Und das sind so fünfundsiebzig bis hundert direkte Unterzeichner. Das ist so ein bisschen auch unser Sounding Board jetzt. Also unser wo unser Hintergrund an Wissenschaftlern in das mit denen wir rücksprechen, in welche Richtung sollen wir denn weitergehen? Wir hatten jetzt nicht am Anfang von Anfang und wir sind ja auch überhaupt keine irgendwie Event erfahrenen Aktionisten sozusagen oder Aktivisten. Wir sind einfach losgelaufen und hatten jetzt noch nicht 'n Masterplan, was wir an Schritt drei, vier und fünf machen.
Dr. Dennis Ballwieser – Das das wäre etwas, wo ich wo ich grade gerne mal einsteigen würde, weil als ich die Liste ihrer Unterzeichnerinnen und Unterzeichner gelesen habe, da habe ich mir gedacht, da sind viele Klinikdirektorinnen und Klinikdirektoren darunter. Das sind Namen, die ich aus wissenschaftlichen Publikationen aus den vergangenen zwanzig Jahren kenne. Da sind teilweise Menschen darunter, die mich an der LMU in München klinisch unterrichtet haben, als ich dort studiert habe oder später in der Weiterbildung war. Und das sind alles Menschen, die ich nicht damit erst mal in Zusammenhang bringe, dass ich die auf großen Demonstrationen vermutlich in den letzten zwanzig Jahren vermutet hätte. Es sind aber Menschen, wo ich unterstellen würde, dass sie Zugang zu Entscheiderinnen und Entscheidern haben und Zugang auch zu Politikerinnen und Politikern.
Gibt's denn da einen Diskurs in dieser Sache zwischen Unterstützerinnen und Unterstützern bei Ihnen und denen, die Sie erreichen wollen, ja auch mit dem Aufruf, nämlich in der Politik?
Prof. Dr. Eva Winkler – Also das sind klar, das wären dann nächste Schritte, denke ich, weil wir so lange jetzt ja auch noch nicht unterwegs sind und ich denk, wir haben dann im Grunde gesagt, was sind denn naheliegende Ziele, das was wir jetzt auf jeden Fall machen wollten und so steht das ja auch steht auf und geht wählen, wirklich vor der Wahl all diejenigen zu mobilisieren, die - das ist nämlich das zweite Ereignis, so erleben wir das auch. Wissenschaftler sagen ja auch häufig, na gut, wir sind Wissenschaftler, wir sind politisch eigentlich neutral, das ist eine Privatsache und viele sind auch verunsichert, wenn sie irgendwie den Wahl-O-Mat machen und dann kommt irgendwie sechzig, siebzig Prozent raus bei allen Parteien im demokratischen Spektrum. Und unser Hauptanliegen ist wirklich, das ist eigentlich egal, was ihr da wählt. Wichtig ist, dass ihr Parteien wählt, die nicht wissenschafts- und erkenntnisfeindlich sind. Denn dann sehen wir einfach nicht, wie man die großen und komplexen Probleme, die vor uns stehen und die Herausforderungen lösen lösen soll, wenn man sich auf das, was wir schon wissen, was Sachstand ist, nicht einigen kann. Dann bleibt man da stehen. Und es ist ja ganz legitim im in der Demokratie und in dem Parlamentarismus dann sehr zu streiten, was die richtigen Lösungen sind, aber es muss eben der richtige Streit sein. Es darf nicht der Streit sein über die Fakten an sich. Auch die, wie gesagt, in der Wissenschaft und das muss man glaube ich auch verständlich machen, nicht alles, was mal als Erkenntnis gesichert ist, bleibt da ewig stehen. Dinge können falsifiziert werden, aber es ist jetzt nicht so, dass das eine Beliebigkeit der Dinge, der der des Wissens und der Erkenntnis bedeutet, sondern nur, dass es immer ein Feintuning gibt und eine Weiterentwicklung.
Dr. Dennis Ballwieser – Wir müssen vielleicht auch…
Prof. Dr. Eva Winkler – Und das war, also das Hauptanliegen bis zum dreiundzwanzigsten, dass wir alle die denen das ein Anliegen ist mobilisieren wählen zu gehen, statt die Flinte ins Korn zu werfen und zu sagen, die passen mir alle nicht oder geben meine Meinung nicht hundertprozentig wieder. Und der zweite Schritt und das ist eben auch Folge dieses Soundingboards ist, was können wir denn in Deutschland tun, unser Wissenschaftssystem resilient zu machen gegen eine inhaltlichee Einflussnahme ideologischer Art. Von Parteien, denen dann bestimmte Themen wie Gendermedizin oder Kontrazeption ist jetzt auch ein Thema, was plötzlich schwer zu finden ist auf den Aufklärungsseiten in den USA. Und das sind ja weitgehende Eingriffe auch in die Lebensführung von Menschen dann dazu weniger oder aufwendiger suchen zu müssen, Informationen zu bekommen. Sowas in Deutschland in den Anfängen zu gegenzuhalten. Denn eine zweite besorgniserregende Entwicklung ist, dass es eine enorme Macht des Silencing offensichtlich gibt. Es gab jetzt eben…
Dr. Dennis Ballwieser – Was was meinen Sie mit dem Silencing?
Prof. Dr. Eva Winkler – Also es gab jetzt in der in dieser Woche einen Editorial des British Medical Journals, also ein angesehenes Journal, die zum ersten Mal und das auch gut begründen, einen Artikel gedruckt haben von einem anonymen Wissenschaftler. Normalerweise muss man ja mit Klarnamen natürlich seine Erkenntnisse publizieren, damit man auch adressierbar ist und nachgefragt werden kann und verweist auf einen Artikel, in dem der die Zustände sozusagen beschrieben werden, mit welcher Angst auch Wissenschaftler, die in den Bereichen forschen, die jetzt unerwünscht sind und sowieso nicht mehr gefördert werden, auch mit ihrem mit ihren Meinungen und persönlichen also persönlichen Leben da stehen. Da gibt's 'n wirklich eindrucksvolles Zitat, dass sie nicht nur Angst ihren Förderung, ihren Job haben, sondern auch ihre Familien und ihr Leben, weil es nur einen Aufruf braucht auf X mit 'ner Liste von Wissenschaftlern, die unangenehme Themen, also für die Regierung unangenehme Themen bearbeiten und dann sind praktisch alle und mit Klarnamen und Adresse und dann sind alle mobilisiert in 'ner gewissen Weise so eine Art digitaler Mob, sich sich dort auch aktiv vor der Tür zu melden. Und Sie nennen das in diesem in diesem Artikel vielleicht ein bisschen pointiert, aber dass das eine Form von Digital Genocide wäre, also 'nem eine wirkliche Verfolgung, ob das jetzt das richtige Wording und die richtige Analogie ist, das kann man sicher auch noch mal hinterfragen, aber es ist ein dramatischer Bericht.
Dr. Dennis Ballwieser – Da wird schnell mit Begriffen hantiert, wo man vorsichtig sein muss, aber das Thema ist glaube ich eindeutig und natürlich einmalig in der Wissenschaft, wenn Forscher*innen sich genötigt sehen, das Ganze anonym zur Sprache zu bringen.
Prof. Dr. Eva Winkler – Ja, ja. Und auch, das bin ich bei Ihnen, denn Begrifflichkeit ist da vielleicht, also nicht vielleicht oder sicher falsch oder kann man differenzierter benutzen, aber es zeigt unter welchen Angstregime die Wissenschaft dort ist. Man hört auch überhaupt nichts. Man hört, man müsste jetzt einen Aufschrei hören. Man müsste jetzt Wissenschaftliche Gesellschaften müssten sich jetzt positionieren. Es sind gestern glaube ich in Boston, die die praktisch wissenschaftliche Gesellschaft so Leopoldina analog in ihrer Jahrestag…
Dr. Dennis Ballwieser – Die Triple AAAS hat sich getroffen und auch von der hat man nichts gehört in den letzten Wochen.
Prof. Dr. Eva Winkler – Überhaupt nicht. So eine Art Durchhalte- und Appeasement Parolen, statt dass sie jetzt das verteidigen und das ist, denke ich, vor allem mit Angst zu erklären und deshalb, auch wenn das jetzt vielleicht auf den ersten Blick denkt, na ja, was hat das jetzt in den USA mit uns zu tun? Und hier haben wir ja auch jetzt nicht die die analogen Aussichten, ähnliche Parteien, die Regierungs-, primäre Regierungsverantwortung zu bekommen. Ist das doch 'n System, was in dem Moment, wo es dann greift, offensichtlich so schnell durchschlägt, dass man sich dann nicht mehr äußern kann. Und deshalb dieses fünf vor zwölf.
Dr. Dennis Ballwieser – Aber die Zurückhaltung, richtig, die Zurückhaltung, die Sie ansprechen, die spüre ich ja durchaus auch in Deutschland in der Wissenschaft. Es gab nach der Correktivrecherche im Januar vergangenen Jahres zu dem Treffen der AfD-nahen Menschen in Potsdam, wo es die sogenannte „Remigration“ ging. Da gab es durchaus Akademien wie zum Beispiel die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die sich in Zeitungsanzeigen klar positioniert hat gegen diese politischen Ansichten. Aber in der Summe und deswegen sticht ja auch ihre Initiative so deutlich hervor, ist auch die deutsche Wissenschaft jetzt im Vorgang der Bundestagswahlen weitestgehend zurückhaltend. Bekommen Sie aus den organisierten wissenschaftlichen Institutionen Feedback zu Ihrer Initiative?
Prof. Dr. Eva Winkler – Ja, und sehr Heterogenes, also sehr unterschiedlich. Ich würd sagen, neunzig Prozent der Institutionen, weil das ja auch immer an Kliniken oder Hochschulen stattfindet, zieht sich zurück in 'ner gewissen Weise jetzt vor der Wahl überhaupt, sich zu positionieren, weil das natürlich auch nicht als irgendwie Beeinflussung wahrgenommen werden soll. Das wird immer unter dem Neutralitätsgebot sofort argumentiert, wobei ich denke, dass absolut nicht einschlägig ist, weil wir ja nicht zu 'ner Wahl 'ner bestimmten Partei aufrufen, sondern die Grundwerte und Grundlagen der Wissenschaft hochhalten. Und dann gibt's zehn Prozent Mutiges, sag ich mal, die uns stark unterstützen und das über die Verteiler laufen lassen. Dazu gehören wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, Deutsche Gesellschaft für Neurologie, aber auch die AWMF, also die die Vereinigung aller wissenschaftlichen Fachgesellschaften hat die Petition über ihren Newsletter verbreitet und hier in Heidelberg zum Beispiel hat die Rektorin das sehr stark unterstützt und auch über die Hochschulrektorenkonferenz praktisch weiter kommuniziert.
Aber wenn es dann Krankenhäuser und einzelne Institutionen geht, wo das aufm Campus stattfindet, ist die Zurückhaltung, das zu unterstützen, jetzt über einen E-Mail-Verteiler sehr groß, bis zu Verboten, irgendwas hier zu machen, wo man sehen kann, welche Gebäude oder welche Institution das war oder das klar mit Klarnamen irgendwo hinzustellen. Wir haben ja auf der Website lauter Fotos von den Orten, die mitmachen. Die Universitätsmedizin Göttingen zum Beispiel ist auch so ein positives Beispiel, wo es einfach über den E-Mail-Verteiler lief oder Klinikum Stuttgart und dann sieht man auch gleich auf den Bildern sind viel mehr Leute, weil wir können ja dann immer nur über unsere eigenen Bekannten und Netzwerke einladen und viele haben uns im Nachhinein auch gefragt, das ist so eine total wichtige und super Aktion, aber warum hab ich davon nichts erfahren?
Dr. Dennis Ballwieser – Ja, ich hab gesehen, dass meine alte Ausbildungsstätte, wo ich promoviert habe, das Haunersche Kinderspital in München den Innenhof zur Verfügung gestellt hat und das Foto ist auf ihrer Website. Weil ich weiß, dass sie zurück zu ihren Patientinnen und Patienten in die Ambulanz müssen und sich hier die Zeit rausschneiden, mit uns zu sprechen. Kommen wir zum Schluss. Ich hab aber noch eine Frage. Wir wissen, dass wir vor allem von Ärztinnen gehört werden, von Frauen, die zwischen der Facharztreife und dem Oberärztinnentätigsein, in der Klinik stehen, so das ist die Demografie, die wir erreichen. Wenn Sie an diese Kolleginnen denken, vornehmlich Kolleginnen, sind natürlich auch Männer dabei. Was würden Sie denen für die letzten Tage vor der Bundestagswahl gerne mit auf den Weg geben, aber auch darüber hinaus, was dieses Thema angeht, das gesellschaftliche Engagement für die Wissenschaft in der Demokratie.
Prof. Dr. Eva Winkler – Also ich weiß, was für eine Quadratur des Kreises es schon ist mit Kindern und wissenschaftlicher Laufbahn und Uniklinik oder Klinik, weil ich auch zwei Kinder habe und will natürlich jetzt nicht noch Workload oben drauf legen, aber ich denk, das hat haben wir auch in unserer Petition gesehen, weil man da die Motivation, die man unterschreibt, immerhin schreiben kann, ganz viele machen das für ihre Kinder, damit die in der Gesellschaft aufwachsen, in der man seine Meinung noch frei sagen kann, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse und voranschreiten und Gendermedizin ist ja einen zum Beispiel einen Thema, was gerade erst anfängt, wo wir gerade erst anfangen zu lernen, dass der siebzig Kilo schwere Mann jetzt nicht praktisch das Rolemodel ist für alles, was wir an Medikation und an Strategien in der Versorgung praktisch an den Mann und die Frau bringen sollen, dass Herzinfarkt und andere Erkrankungen ganz anders ablaufen bei Frauen. Also Frauengesundheit ist 'n großes Thema. Das ist das Erste, was jetzt sozusagen in den USA mit abgeschafft wird. Also wir haben neben dem Interesse für unsere Kinder auch ein großes Eigeninteresse vielleicht, dass es weitergeht, aber es geht natürlich genauso um Infektionserkrankungen. Die nächste Pandemie werden wir nicht ohne Forschung und nicht ohne internationalen Verbund gut meistern können. Insofern gibt's viele Gründe auf die Straße zu gehen oder wenn das dazu die Zeit nicht reicht, wählen zu gehen.
Dr. Dennis Ballwieser – Wählen zu gehen. Ich merke, dass wir die wirklich wichtigen Themen hier nur anreißen können. Ich lade sie deswegen schon jetzt ein in den Podcast meiner Kollegin Julia Rotherbl, der heißt „Frau Doktor, übernehmen Sie“ und der dreht sich Gendermedizin und zwar unter dem Aspekt, wie Frauen die Medizin positiv verändern. Für heute danke ich Ihnen ganz herzlich, Frau Professorin Winkler, dass Sie sich die Zeit genommen haben, dieses Gespräch mit uns zu führen und für unsere Hörerinnen und Hörer gebe ich noch kurz den Hinweis. Das von Ihnen angesprochene Editorial im British Medical Journal verlinken wir natürlich in den Shownotes.
Genauso verlinken wir die Reportage aus der New York Times, die wir in deutscher Übersetzung auf apothekenumschau.de veröffentlicht haben über die Folgen der Abschaffung von USAID in den USA und weltweit gerade für die Forschung und gerade für die Forschung zu für Frauen relevanten Themen. Eine hervorragende Reportage von der Reporterin Stefanie Nolan aus Afrika, die ihr bei uns auf apothekenumschau.de kostenfrei lesen könnt. Das war ‘ne Dosis Wissen für heute. Die nächste reguläre Folge gibt's morgen ab sechs Uhr in der Früh, überall da, wo ihr Podcasts findet und wenn euch die heutige Folge gefallen hat, dann geht wählen. Danke, dass ihr ‘ne Dosis Wissen hört.
Sprecher – Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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