„Maschinen müssen mit Maschinen sprechen“: Live von der DMEA
Shownotes
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet voran – doch Deutschland und die Schweiz hinken im internationalen Vergleich hinterher. In Deutschland sorgt die elektronische Patientenakte (ePA) für Diskussionen, in der Schweiz ist das Äquivalent, das elektronische Patientendossier, kaum verbreitet. Was läuft schief? Und wo können die Länder voneinander lernen? Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, spricht mit Dr. Katrin Crameri vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit. Sie ist Fachliche Leiterin von DigiSanté, dem Schweizer Programm zur Förderung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Die beiden diskutieren den Stand der Digitalisierung, Datenschutzfragen und wie es gilt, das Gesundheitspersonal, und auch die Gesellschaft als Ganzes, mitzunehmen.
Diese Folge wurde am 10. April 2025 live auf der DMEA aufgezeichnet.
Quellen und nützliche Links
- Boston Consulting Group. Digitale Gesundheitsversorgung – Was Deutschland von seinen europäischen Nachbarn lernen kann
- Schweizer Bundesamt für Gesundheit. Das elektronische Patientendossier in Zahlen
- DigiSanté – Förderung der digitalen Transformation im Schweizer Gesundheitswesen
- Stiftung Gesundheit. ePA-Testphase
- BARMER. Gesundheitswesen aktuell 2023
- Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte. Digitalisierung in der ambulanten Gesundheitsversorgung
- McKinsey & Company. Digitalisierung im Gesundheitswesen
- Der Digital Health Report 2023/2024
- Bertelsmann Stiftung. Digitalisierungsstrategien im internationalen Vergleich
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger;
Autor:innen: Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf;
Redaktion: Sebastian Brodkorb, Jessica Roth, Kareen Seidler;
Postproduktion: Yves Seißler
Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript
DR. DENNIS BALLWIESER
Die sprichwörtlichen Faxgeräte in deutschen Arztpraxen, die gehören nach wie vor zu eurem Alltag. Die elektronische Patientenakte, die sollte ja eigentlich längst da sein, lässt aber immer noch auf sich warten. Wenigstens das E-Rezept, das haben wir jetzt seit einem Jahr. Deutschland hinkt bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen ganz schön hinterher. Woran es da hapert und was eigentlich nötig wäre, damit die Digitalisierung im Gesundheitswesen gelingt, darüber spreche ich heute mit meiner Gästin auf der DMEA.
SPRECHER
'ne Dosis Wissen, der Podcast für Health Professionals
DR. DENNIS BALLWIESER
Guten Morgen und willkommen zu 'ne Dosis Wissen, dem täglichen Podcast für das Gesundheitswesen. 'ne Dosis Wissen gibt's werktags ab 6 Uhr in der Früh in kompakten 10 Minuten. Ich bin Dennis Ballwieser, ich bin Arzt und Teil der Chefredaktion der Apotheken Umschau, und ich sitze gerade in Berlin auf der DMEA, der Digitalisierungsveranstaltung für das Gesundheitswesen. Und von hier begrüße ich euch zu einer 'ne Dosis Wissen-Spezialfolge. Ihr hört die Folge am Montag, den 14. April. Aufgezeichnet haben wir die Folge aber bereits am Donnerstag, den 10. April, live auf der DMEA.
SPRECHER
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro
DR. DENNIS BALLWIESER
Die DMEA, das ist laut den Veranstaltern das führende Gesundheitsevent für Digital Health in Europa. Und neben mir sitzt Doktor Katrin Crameri. Katrin, herzlich willkommen bei 'ne Dosis Wissen.
DR. KATRIN CRAMERI
Vielen Dank für die Einladung.
DR. DENNIS BALLWIESER
Und danke, dass Du dir die Zeit nimmst hier auf der DMEA, wo es ja wirklich viel zu sehen und zu erleben gibt. Katrin ist in der Schweiz für das dortige Bundesamt für Gesundheit tätig. Das gibt's in Deutschland ja nicht, aber in der Schweiz heißt das so, Bundesamt für Gesundheit. Und sie hat die fachliche Leitung von Digisanté inne, das ist das schweizerische Programm zur Förderung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Früher war sie außerdem die Direktorin am Schweizerischen Institut für Bioinformatik und hat einmal das Datenkoordinationszentrum der Schweizer Medizininformatik-Initiative geleitet. Mit ihr gemeinsam will ich mich über die Herausforderung bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland unterhalten und was wir tun könnten, damit die Digitalisierung gelingt. Holt euch euren ersten Kaffee des Tages und dann geht's los.
DR. DENNIS BALLWIESER
Mich würde tatsächlich interessieren als Allererstes dieses deutsche Faxgerät in Arztpraxen, das ist legendär. Gibt's das bei euch in der Schweiz auch noch?
DR. KATRIN CRAMERI
Das gibt's bei uns tatsächlich immer noch, auch immer noch, aber ich hab' jetzt gerade die aktuellen Zahlen gesehen, wie das tatsächlich abgenommen hat die Faxnutzung und war mit diesen Zahlen ehrlich gesagt ganz zufrieden.
DR. DENNIS BALLWIESER
Okay, da haben wir hier in Deutschland immer noch Nachholbedarf. Es gibt diesen Digital Health-Index von der Bertelsmann Stiftung, die Zahlen sind schon ein paar Jahre alt, von 2018, der zeigt, dass sowohl Deutschland als auch die Schweiz bei der Digitalisierung hinterherhinken. Was könnten wir denn voneinander lernen beim Versuch, unsere Gesundheitssysteme zu digitalisieren?
DR. KATRIN CRAMERI
Du meinst, dass wir beide besser werden und von diesen letzten Ranglistenplätzen ein bisschen weiter nach vorne rutschen. Also, ich glaube, wir sind vor allem auf diesen letzten Ranglistenplätzen, weil, wir haben sehr viel Digitalisierung in beiden unserer Länder. Das sehen wir auch hier schön an der DMEA, oder? Es passiert ganz viel Innovation, ganz viel digitale neue Tools sind da und Möglichkeiten. Aber wir arbeiten einfach immer noch in diesen Silos. Wir sind nicht, wenn überhaupt, vernetzt. Und das ist das große Problem. Wir haben Unmengen an diesen Medienbrüchen im System, was auch aufwendige, händische Prozesse bedeutet, mit viel zu vielen Klicks für unsere Gesundheitsfachpersonen und viel zu wenig Automatisierung im System. Das ist einer der Gründe, warum wir so weit hinten figurieren in diesen Indizes.
Prinzipiell sind wir sehr parallel unterwegs, was sich ja eben auch dort sehr schön zeigt, beide gleich schlecht ungefähr. Deutschland hat die ePA, die Schweiz hat das elektronische Patientendossier, EPD, da kommen wir sicher nachher auch noch drauf. Beide Länder haben ihre liebe Mühe mit diesem System. Deutschland ist hinsichtlich, glaube ich, der gesetzlichen Vorgaben viel weiter. Also ihr habt da in den letzten Jahren …
DR. DENNIS BALLWIESER
Tatsächlich?
DR. KATRIN CRAMERI
… ja, also die Verpflichtungen, gewisse Dinge jetzt einfach durchzuführen. Ich hab' heute Morgen eben über diese Patientenportale gelernt. Da wird er einfach legiferiert und gesagt, jetzt macht mal. Dort sind wir in der Schweiz natürlich sehr gespannt, wie diese Umsetzung nachher gelingt.
DR. DENNIS BALLWIESER
Wobei wir noch nicht mal die Patientenakte richtig eingeführt haben und jetzt schon mit dem nächsten Thema kommen.
DR. KATRIN CRAMERI
Richtig, auf der anderen Seite ist das ja auch 'n bisschen, also ist es zumindest wertvoll oder kann es sehr wertvoll sein, dass gleichzeitig dann aber beides zusammen mitgedacht wird, oder? Also ich hab' das eben heute Morgen auch gelernt, dass die Patientenakte da bei diesen Portalen noch nirgendwo auf dem Schirm ist oder zumindest nicht im Moment und das wär' natürlich wichtig, oder? Also wir wollen doch diese Duplikationen au dm System bringen. Ich muss doch meine Laborwerte da nicht auch noch ins Portal laden, wenn sie schon in der ePA liegen.
DR. DENNIS BALLWIESER
Das ist ja das, was, glaube ich, unsere Hörer*innen auch wirklich aus dem Alltag kennen. Es gibt wunderbare technische Lösungen, aber die stehen nebeneinander und die reden nicht miteinander und man verzweifelt dabei zu versuchen, die irgendwie im Alltag miteinander zu verknüpfen, händisch.
DR. KATRIN CRAMERI
Ganz genau und eben also die Verknüpfung ist das eine, oder, darauf müssen wir uns in Zukunft verlassen können. Da entscheidet sich der Erfolg der digitalen Transformation, sage ich jetzt mal, kommen wir sicher nachher auch noch drauf. Aber es geht vor allem darum, dass Computer mit Computer kommunizieren müssen, Maschinen müssen mit Maschinen sprechen müssen, aufhören dort händische Prozesse dazwischenzuschalten, weil das ist der administrative Overload, den die Gesundheitsfachpersonen spüren. Und nur, weil digitale Programme eingesetzt werden und dafür dann eben zigtausend Klicks gemacht werden müssen, heißt das noch lange nicht, dass es besser ist.
DR. DENNIS BALLWIESER
Es gibt ja hier in Deutschland dieses Bestreben, die elektronische Patientenakte 2025 komplett auszurollen. Das gibt's bisher in Modellregionen, also das heißt, es gibt schon auch nennenswerte Zahlen von Deutschen, die das für sich so ein bisschen erproben, aber das ist noch weit weg davon, dass man versteht, warum das eigentlich für die einzelne Versicherte oder den einzelnen Patienten so der große Fortschritt sein soll. Was macht ihr in der Schweiz bei Digisanté, damit die Menschen auch spüren, dass sich da was tut?
DR. KATRIN CRAMERI
Also, wir haben das elektronische Patientendossier in der Schweiz schon länger eingeführt, das ist da und das funktioniert. Also, und das ist tatsächlich … dort ist auch wieder schön zu sehen, was eigentlich das Problem ist, oder? Das System ist da, es funktioniert. Es wird natürlich wenig nachgefragt, was auch klar ist, weil Gesunde normalerweise nicht darüber nachdenken, ob sie sich jetzt ein elektronisches Patientendossier eröffnen sollen. Meiner Ansicht nach hat man zu wenig drauf gesetzt auf diese wirklichen Use Cases, wo es was bringt, oder? Also, warum müssen wir uns immer fragen, was ist diese ePA, was ist sie nicht. Und wann bringt sie dem Patienten oder der Patientin tatsächlichen Nutzen, wann bringt sie Gesundheitsfachpersonen den Nutzen und wie setzen wir sie zielführend ein?
DR. DENNIS BALLWIESER
Wenn man da in die bisher verfügbaren Befragungszahlen bei deutschen Ärzt*innen reinschaut, dann fällt auf, dass fast 75 Prozent sagen, na ja, das funktioniert eher schlecht als recht, die Software ist nicht so richtig ausgefeilt, sie unterstützt mich auch nicht bei Prozessen, die ich gerne vereinfacht hätte in der Praxis. Dafür zwingt sie mir neue Prozesse auf, nach denen ich gar nicht gefragt habe.
DR. KATRIN CRAMERI
Richtig, und das meinte ich vorher. Also, wir haben hier wieder das typische Beispiel für so ein Silo-Dasein. Und wir brauchen eigentlich eine sogenannte Tiefenintegration unserer Primärsysteme in – also da muss eine Verbindung hergestellt werden zwischen den Primärsystemen …
DR. DENNIS BALLWIESER
Da, wo die Patientendaten wirklich drin liegen, ja …
DR. KATRIN CRAMERI
Also die Patienteninformationssysteme bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, die Krankenhausinformationssysteme in den Krankenhäusern, die müssen eben verbunden sein mit dieser elektronischen Patientenakte, so, dass aus dem System Daten dort automatisch rübertransferiert werden können. Und hier reden wir im Idealfall nicht von PDFs, sondern eben von strukturierten, standardisierten Daten, sodass man die dann auch aus der ePA auf der anderen Seite wieder rausholen kann, damit man eben nicht mehr händisch Patientennamen und Geburtsdaten und Einwohneradressen abtippen muss, oder, bei einer Überweisung.
DR. DENNIS BALLWIESER
Jetzt haben die Deutschen ja eine Urangst, das ist der Datenschutz. Habt ihr das Problem in der Schweiz so gar nicht?
DR. KATRIN CRAMERI
Doch, natürlich, wir haben diese Urangst auch.
DR. DENNIS BALLWIESER
Und wie geht ihr damit um?
DR. KATRIN CRAMERI
Also, es ist immer ein Abwägen, oder? We can' t have it both ways. Einerseits würden wir gerne so effizient und so administrativ low level wie möglich vorwärtsgehen und gleichzeitig bedingt das immer, dass man dann halt aber auch nicht komplizierte Authentifizierungs- und Autorisierungsschritte im System hat, weil das natürlich mühsam ist. Auf der anderen Seite müssen wir uns alle anderen Felder in unserem Leben anschauen, wo das eigentlich auch relativ gut funktioniert.
DR. DENNIS BALLWIESER
Banken zum Beispiel.
DR. KATRIN CRAMERI
Banken zum Beispiel.
DR. DENNIS BALLWIESER
Da haben die Schweizer ja auch eine Erfahrungskompetenz.
DR. KATRIN CRAMERI
Genau, können wir sehr gut sogar digital, wo ich sage, also eben so unterschiedlich …
DR. DENNIS BALLWIESER
Und das machen selbst wir Deutsche; also, wir machen Onlinebanking, Aber nicht Online-Arzt.
DR. KATRIN CRAMERI
Nicht Online-Patientendaten, genau. Und das ist ein bisschen …, also, ist vor allem auch ein großes Problem, wenn wir uns überlegen, wie effizient sind die Systeme – also, auch wenn's ums Geld geht, oder? – wie effizient können wir Systeme benutzen. Sicher auch die Cybersecurity, oder, spielt da eine große Rolle. Jetzt gerade mit den Entwicklungen in Amerika fragt jeder, sollten wir sensible Daten überhaupt noch in eine Commercial Cloud legen? Das sind alles so Fragen, wo wir sagen, ja, da müssen wir uns ganz gut angucken. Es gibt technische Möglichkeiten, dort die Daten so sicher wie möglich zu halten. Nur es ist immer ein Dafür und Dawider ein Abwägen, und diese Abwägung müssen wir machen. Wir müssen sie vor allem gemeinsam machen, oder? Wir müssen sie so machen, dass unsere Bürgerinnen und Bürger das hören, dass wir uns Gedanken machen, dass wir das überlegt haben und dass wir informierte Entscheide treffen, oder? Es darf niemand das Gefühl haben, meine Daten sind irgendwo nicht sicher, da hat sich niemand was dabei überlegt.
DR. DENNIS BALLWIESER
Wie bindet ihr in der Schweiz die Gesundheitsberufe ein bei den Fragen, was sie eigentlich brauchen und wollen?
DR. KATRIN CRAMERI
Also wir haben jetzt gerade in Digisanté, das ist, glaub' ich, ein schönes Beispiel. Das ist das Programm, was du am Anfang vorgestellt hast. Dort haben wir einen riesigen neuen Verpflichtungskredit bekommen, also das sind 400 Millionen (Schweizer Franken, Anm. der Red.), die jetzt dort zusätzlich in die Digitalisierung des Gesundheitswesens oder die Förderung der Digitalisierung im Gesundheitswesen reingesteckt werden. Und dort haben wir ein sogenanntes Branchengremium eingerichtet. Das heißt, wir haben dort Leistungserbringer, Versicherer, aber auch die Privatindustrie mit dabei, auf oberster Hierarchieebene sozusagen mit angesiedelt als beratendes Gremium, die gewisse Dinge mitentscheiden können, Vorschläge machen können, Priorisierungen vorschlagen können. Sodass wir auch bei der Ausgestaltung des Programms wirklich die Branche, die Akteure, die Stakeholder – also alle wichtigen aus dem Gesundheitswesen – mit an Bord haben. Und das bringt natürlich – also einerseits uns was, dass wir mit diesem Programm auch, dass das auf mehreren Schultern abgestützt wird oder dass das nachher mitgetragen wird von der Gesellschaft –, bringt aber auch die Schwierigkeit mit, dass da ganz viele Partikularinteressen gegenläufig sind, oder, in dieser Szene …
DR. DENNIS BALLWIESER
Das kennen wir in Deutschland auch.
DR. KATRIN CRAMERI
Ganz genau.
DR. DENNIS BALLWIESER
Ihr macht das Ganze auf freiwilliger Basis. Das heißt, man bekommt dieses elektronische Patientendossier nicht einfach übergestülpt, sondern man muss sich dafür interessieren sowohl auf der Patientenseite als auch auf der Leistungserbringerseite, wenn ich's richtig verstanden habe.
DR. KATRIN CRAMERI
Die Leistungserbringerseite, die ist nicht ganz freiwillig, aber, nur bei einigen, also zum Beispiel den Niedergelassenen und auch nicht allen. Also das heißt, es ändert sich dort auch was. Wir haben das in mit der doppelten Freiwilligkeit begonnen, wie du richtig sagst, auf beiden Seiten. Das wurde aber vom Parlament mittlerweile gekippt. Das heißt, wir sind in der Transition, Teile dieser Freiwilligkeit jetzt auch wieder wegzunehmen. Weil's eben auch dazu geführt hat, dass viel zu wenig Menschen sich dafür interessieren und damit klar dieser Mehrwert nicht erkennbar ist für die Gesundheitsfachperson.
DR. DENNIS BALLWIESER
Gibt's ein Beispiel aus deinem Arbeitsalltag in der Schweiz, wenn du Schweizer Patient*innen auf der einen Seite, aber auch Ärztinnen auf der anderen Seite erklären willst, wo der wirkliche Nutzen für sie liegt, wo Du sagen kannst, okay klar, da wird sofort jedem offensichtlich, warum wir die Digitalisierung jetzt an der Stelle brauchen?
DR. KATRIN CRAMERI
Also, ich denke, man kann Leuten nicht erklären, wo ein Nutzen liegt, die müssen den Nutzen sehen. Und das versuchen wir jetzt auch mit Digisanté so umzusetzen, dass wir tatsächlich Probleme – also dort, wo der Schuh drückt –, dass wir diese Probleme jetzt als Erstes in die Hand nehmen. Wir müssen nicht mit einer übergeordneten tollen Strategie kommen, die in acht Jahren dann so weit ist und unter der dann alle ersticken, weil wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen, oder? Weil unsere ganzen Systeme nicht in die Strategie passen und wenn man die passend macht, dann dauert das jetzt noch mal 10 Jahre, sondern wir wollen versuchen peu à peu, also Schritt für Schritt, dort einzelne Probleme zu lösen. Ich denke, beim elektronischen Patientendossier oder der elektronischen Patientenakte ist ein gutes Beispiel, wenn ich ausm Spital entlassen werde, dann kriege ich da normalerweise entweder so ein Stapel Papier in die Hand gedrückt, was ich als Patientin, wo ich mich so ein bisschen als Vektor missbraucht fühle, oder?
DR. DENNIS BALLWIESER
…muss ich zum Arzt tragen …
DR. KATRIN CRAMERI
… muss ich das irgendwie irgendwo hintragen. Oder eben, es wird dann per E-Mail an meine Hausärztin geschickt, hoffentlich verschlüsselt. Und dort sehe ich einfach einen riesigen Vorteil von so einer Patientenakte, wenn die stationären Leistungserbringer bei uns, die sind tiefenintegriert, die haben die Verpflichtung, tiefenintegriert zu sein. Das heißt, das geht mit 'n paar Klicks werden alle diese Dokumente automatisch in meine EPD gelegt. Und das ist für meine Hausärztin genauso praktisch wie für mich. Die muss nicht noch eine E-Mail öffnen, die muss nicht das Zeug noch mal ablegen, sondern die kann eigentlich, wenn sie dann auch tiefenintegriert wäre mit ihrem Patienteninformationssystem, könnte sie das direkt aus dieser Akte rausziehen. Und dort sehe ich – also eben, wenn ich gesund bin, wage ich auch zu bezweifeln, dass man da die Notwendigkeit sieht, so eine Akte zu eröffnen –, aber sobald man mal hospitalisiert wurde, merkt man ganz genau, also das ist doch jetzt 'n Schritt, oder, wo nicht mehr Papier von links nach rechts getragen werden muss.
DR. DENNIS BALLWIESER
Genau. Jetzt hast Du in einem Nebensatz einen Punkt gestriffen, den ich kurz noch einfügen würde: hoffentlich verschlüsselt per E-Mail verschickt. Also, weil wir wissen zumindest in Deutschland, dass es all diese Umgehungskreisläufe gibt. Als ich noch in der Klinik gearbeitet habe, unser KISS, das konnte schon sehr viel, das war auf SAP basiert. Es konnte aber wahnsinnig viel auch nicht und vor allem konnte es mit sehr wenigen anderen Systemen sprechen. Und das heißt, wir sind mit unseren privaten Smartphones rumgelaufen und da haben wir die Daten drauf geladen und da haben wir Fotos gemacht. Und das hat die gesamte Klinik getan. Ansonsten wäre der Laden auch nicht mehr am Laufen zu halten gewesen. Genauso geht's heute auch im ambulanten Bereich. Dann muss man halt der Hausärztin das PDF per unverschlüsselter E-Mail schicken, damit das ankommt. Fax wäre schon höchstgradig sicher, aber macht ja heute privat keiner mehr. Das ist ja Augenwischerei, was wir uns quasi versuchen zu bauen mit der sicheren Lösung, die den Goldrand haben soll und was dann tatsächlich passiert mit den Daten.
DR. KATRIN CRAMERI
Genau, also du meinst, die der Wunsch nach Datenschutz und Datensicherheit wird hier total ad absurdum geführt, oder?
DR. DENNIS BALLWIESER
Richtig, also es wird in der öffentlichen Diskussion immer nur darüber geredet, dass die Leute ihre Daten an Facebook und andere verschenken und bei der Gesundheit angeblich so etepetete sind, ja. Aber es wird ignoriert, dass sie's auch in der Gesundheit de facto tun, weil sie ansonsten ja gar nicht mehr vorankommen.
DR. KATRIN CRAMERI
Genau und dann über, übrigens müssen wir da noch dazu addieren, jetzt die neuen KI-Tools, wo ja auch sensible Daten eigentlich nicht reingefüttert werden sollten …
DR. DENNIS BALLWIESER
Ja, fleißig Patientenbriefe hochgeladen oder Arztbriefe hochgeladen werden, damit Patienten die Arztbriefe dann verstehen hinterher.
DR. KATRIN CRAMERI
Richtig. Also ich möcht das vielleicht auch gerade noch mal mit Blick auf Datenschutz und Datensicherheit aufrollen, oder? Wir haben ja auch immer diesen Vorwurf, wenn wir zentrale Datenverwaltung oder wenn Daten an einem Ort zusammenkommen, das heißt ja nicht, dass die physisch an einem Ort liegen, oder? Also, die kann man ja trotzdem föderiert speichern, heißt ja nur, man verwaltet sie zentral. Und, wobei eben auch hier muss man sich erst mal wirklich fragen, wo ist denn eigentlich der Mehrwert hinsichtlich der Sicherheit? Aber wir hören immer, wir wollen das so dezentral wie möglich. Wir wollen bloß nicht die Daten irgendwo in der Verantwortung des Bundes oder gar woanders zusammenbringen, sondern wir wollen die dort lassen, wo die sind und dann eben oder beim Patienten in seiner Akte.
Und dann schauen wir uns Länder an, die sehr erfolgreich übrigens im Bertelsmann-Index ganz oben auf dieser Liste figurieren, wie Dänemark, wie Finnland, wie Estland. Dort ist ganz viel zentralisiert. Und wenn man neben der Verantwortlichen sitzt auf irgendwelchen Panels und fragt, und habt ihr mehr Diskriminierung im Land? Dann gucken die einen immer an und sagen, why …
DR. DENNIS BALLWIESER
Die verstehen gar nicht, worum es geht …
DR. KATRIN CRAMERI
Nee, die verstehen das nicht. Weil ich denke, wir müssen, eben, uns gute und sichere Lösungen, denen muss man sich widmen, oder, wir müssen uns ganz gut überlegen, was wir da machen und das auch so gut wie möglich schützen. Aber wir müssen auch sehen, dass unsere vielen Spitäler oder Krankenhäuser auch in Deutschland hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit natürlich auch alles andere als state-of-the-art mit sensiblen Daten …
DR. DENNIS BALLWIESER
Wir haben in Deutschland auch noch die Situation, da sehr viele Praxen in der Niederlassung, die sind ja nicht zentral IT-gewartet. Das ist ja dann irgendwo vor Ort jemand, der das eingerichtet hat. Und was da an Datensicherheit überhaupt besteht, steht meistens in den Sternen.
DR. KATRIN CRAMERI
Genau.
DR. DENNIS BALLWIESER
Zum Schluss würde mich noch eine Sache interessieren. Wir diskutieren in Deutschland aktuell sehr viel angesichts der politischen Situation in den USA, wie wir mit unseren Daten künftig in der Summe umgehen. Redet ihr in der Schweiz darüber, dass dann Schweizer Daten nur auf Schweizer Servern gelagert werden oder ist das noch kein Thema?
DR. KATRIN CRAMERI
Doch, das ist natürlich ein Thema, also vor allem, wenn's um sensible Personendaten geht. Und das Problem ist tatsächlich so, dass die Server, die stehen ja zum Teil auch in der Schweiz oder in Europa. Es geht aber ja generell dann um die Systeme, also um diese Cloud Provider, wo man jetzt mit den Entwicklungen in den USA noch mehr Angst hat als vorher. Und die Frage ist, was ist die Alternative?
DR. KATRIN CRAMERI
Also On-Prem, also das müssten ja dann auch Systeme sein, die das dann behäbiger machen und normalerweise nicht so smooth funktionieren wie die Clouds, die das halt gut können, oder? Die dann vielleicht auch sogar viel, viel teurer sind.
DR. DENNIS BALLWIESER
Und was wir gewöhnt sind heute auch aus dem privaten Leben, dass das alles immer sofort verfügbar ist.
DR. KATRIN CRAMERI
Genau und dann setzen wir jetzt wieder Digitalisierungsleistungen ein, wo alle sagen, wieso ist 'n das so kompliziert? Wieso dreht denn das so lang? Wieso dauert das so lang? Man sagt, das ist eben die zwei Seiten der Medaille und da müssen wir uns jetzt eben auch wenig europaweit aufstellen, um zu sagen, wie gehen wir damit um? Weil, wir haben da alle das Problem. Und europäische Clouds weiß ich auch nicht, also ich kenn' jetzt keine.
DR. DENNIS BALLWIESER
Noch nicht
DR. KATRIN CRAMERI
Ja, also dem muss man sich sicher annehmen und das gut durchdenken, wohingegen ich glaube auch, man nicht zu viel Angst haben muss, sondern wirklich mit den Providern auch gemeinsam Lösungen finden muss in diesem Bereich.
DR. DENNIS BALLWIESER
Vielen Dank Katrin Crameri vom Digisanté in der Schweiz, herzlichen Dank für das Gespräch. Ich nehm' vor allem zwei Sachen mit aus der Unterhaltung hier auf der DMEA in Berlin. Das eine ist, wir sind so wie die Schweizer, glaube ich, auch schon auf dem richtigen Weg und es tut sich tatsächlich praktisch jetzt etwas, sodass Hoffnung aufkommt, dass auch alle, die davon betroffen sind, für sich persönlich einen Nutzen sehen. Und dann kommt vielleicht auch die Geschwindigkeit dazu.
DR. KATRIN CRAMERI
Das wäre das Ziel. Vielen herzlichen Dank, hat Spaß gemacht.
DR. DENNIS BALLWIESER
Freut mich sehr, danke dir. Ihr hört die nächste Folge 'ne Dosis Wissen wieder morgen früh ab 6 Uhr überall da, wo ihr Podcasts findet. Und wenn euch die heutige Folge gefallen hat, dann abonniert uns doch. Dann sagt euer Smartphone euch sofort Bescheid, wenn wir eine neue Folge online stellen. Danke, dass ihr 'ne Dosis Wissen hört.
SPRECHER
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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