Gespräch mit Lena Seegers: "Das Frauenherz ist ein faszinierendes Organ"
Shownotes
Frauenherzen schlagen anders. Das ist mittlerweile bekannt. Trotzdem sterben Frauen, die einen Herzinfarkt haben, daran häufiger als Männer. In dieser Spezialfolge spricht Dr. Laura Weisenburger, Ärztin und Redakteurin bei der Apotheken Umschau, mit Dr. Lena Seegers, Leiterin des Frauen-Herzzentrums an der Uniklinik Frankfurt, des ersten Herzzentrums dieser Art in Deutschland. Sie diskutieren, wie sich die Risikofaktoren der Herzgesundheit bei Frauen im Laufe des Lebens verändern, wie Studien mit weiblichen Teilnehmerinnen ermöglicht werden können und was Ärzt:innen in der täglichen Praxis beachten sollten.
Diese Folge haben wir am 7. Oktober 2025 aufgezeichnet.
Quellen und nützliche Links
- Konsensus-Statement zur geschlechterspezifischen Therapie von Herzinfarkt (engl.; DOI: 10.1093/eurheartj/ehaf352)
- Herzwochen 2025
- Interview mit Lena Seegers in der Apotheken Umschau
Das Team hinter „’ne Dosis Wissen“:
Hosts: Dennis Ballwieser, Laura Weisenburger; Autor:innen: Emeli Glaser, Jana Hauschild, Christian Heinrich, Johanna Heuveling, Vincent Suppé, Klaus Wilhelm, Christian Wolf; Redaktion: Sebastian Brodkorb, Kareen Seidler; Chefredakteur: Peter Glück; Postproduktion: BEBE Medien GmbH
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Transkript anzeigen
DR. LAURA WEISENBURGER
Wusstet ihr schon Bescheid, dass im November die Herzwochen starten von der deutschen Herzstiftung? Das ist ein spezielles Aufklärungsprogramm, was für mehr Bewusstsein in der Bevölkerung sorgen möchte, wenn es um das Herz geht. Und in diesem Monat oder in diesen Herzwochen ist der Schwerpunkt der Herzinfarkt. Und da wir von Gesundheit hören, ja auch zur Apotheken Umschau gehören und da die Apotheken Umschau wiederum in diesen Herzwochen mit der deutschen Herzstiftung kooperiert, da gibt es auch ein gesondertes Helft, einen gesonderten Titel dazu, in den Apotheken erhältlich, haben wir uns von der Dosis Wissen gedacht, Mensch, da müssen wir auch mitmachen. Dazu machen wir eine Spezialfolge, eine Dosis Wissen.
SPRECHER
‘ne Dosis Wissen. Der Podcast für Health Professionals.
DR. LAURA WEISENBURGER
Und zu dieser darf ich euch heute damit ganz herzlich willkommen heißen. Schön, dass ihr eingeschaltet habt. Mein Name ist Laura Weisenburger. Ich bin Ärztin und wissenschaftliche Redakteurin im Team der Apothekenumschau und heute ist der 31. Oktober, Freitag. Und ihr denkt euch jetzt wahrscheinlich, Moment, sie hat gerade gesagt im November. Jaaha, stimmt. Also ab morgen starten die Herzwochen und wir läuten diese quasi mit unserer Spezialfolge ein. Und dachten uns perfekt, am Wochenende habt ihr vielleicht auch ein bisschen mehr Zeit, wenn ihr nicht gerade Dienst habt, um euch zurückzulehnen und hier dieser Spezialfolge entspannt zuzuhören.
SPRECHER
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
DR. LAURA WEISENBURGER
Geladen haben wir uns eine besondere Gästin, nämlich Dr. Lena Seegers. Sie ist Kardiologin und Leiterin des jetzt aufgemerkt ersten deutschen Frauenherzentrums an der Uniklinik in Frankfurt. Das gab es bisher noch gar nicht. Sie erklärt uns gleich, warum das sie auch ein bisschen gewundert hat. Aufgezeichnet haben wir dieses Gespräch am 7. Oktober. Und jetzt fehlt natürlich was. Nur noch euer erster Kaffee des Tages. Hoffentlich ein bisschen entspannt, Beine hochgelegt. Und dann wünsche ich euch viel Spaß beim Zuhören.
Frau Seegers, sehr schön, dass das klappt, dass ich Sie begrüßen darf bei unserem Podcast ‘ne Dosis Wissen.
DR. LENA SEEGERS
Hallo, vielen Dank.
DR. LAURA WEISENBURGER
Sie sind Kardiologin, aber in dieser Funktion in einer bestimmten Mission unterwegs, wenn man das so sagen kann. Können Sie das kurz ein bisschen umreißen?
DR. LENA SEEGERS
Ja, also ich interessiere mich innerhalb der Kardiologie, also der Medizin des Herzens sehr für das Frauenherz.
DR. LAURA WEISENBURGER
Warum Frauenherz mal abgesehen von dem offensichtlichen eventuell, dass man ja selber in dem Falle betroffen ist, in Anführungsstrichen, nämlich eine Frau. Aber gab es da einen Punkt, wo sie gesagt haben, das das finde ich spannend?
DR. LENA SEEGERS
Also, es ist schon erstaunlich, dass zum Beispiel der Herzinfarkt, ein Verschluss der Herzkranzarterie doch deutlich anders verläuft bei der Frau als beim Mann. Und das ist mir schon recht früh aufgefallen, als ich meine Ausbildung angefangen habe und ich habe mich dafür interessiert, auch da mehr drüber herauszufinden und bin dann über die Forschung eigentlich da reingekommen, dass ich mir mal angeguckt habe, wie sieht's eigentlich in den Herzkranzarterien zwischen Männern und Frauen aus. Derzeit ist auf mutmaßig aufgrund dieser Unterschiede halt auch noch das Outcome bei Frauen schlechter. Also die Wahrscheinlichkeit, wenn man die Notaufnahme kommt, an einem Herzinfarkt zu versterben als Frau ist größer als als Mann
DR. LAURA WEISENBURGER
Und zwar erschreckend viel größer, ne? Ich glaube, wir sprechen hier über die Hälfte, dass das Risiko die Hälfte größer ist.
DR. LENA SEEGERS
Genau. Also in dem Moment, wo man den Herzinfarkt hat, ne, das muss man immer berücksichtigen, sonst gehen die Zahlen durcheinander. Also aber in dem Moment, wo man einen Herzinfarkt hat, ist die Wahrscheinlichkeit daran zu versterben tatsächlich in Krankenhaus selber doppelt so hoch und dann auch nach 5 Jahren immer noch erhöht und das ist erstaunlich und ich glaube, es ist Grund genug, sich mehr mit dem Frauenherz beschäftigen und es ist ein faszinierendes Organ, was halt einige Besonderheiten hat.
DR. LAURA WEISENBURGER
Und vor 2 Jahren, wenn ich das jetzt richtig recherchiert habe, bzw. mit unserem Team zusammen recherchiert habe, wurden sie dann an das Uniklinikum in Frankfurt geholt, speziell für das, was es vorher noch gar nicht in Deutschland gab, nämlich, wenn ich das jetzt richtig sage, die Spezialambulanz für geschlechtsspezifische Herzkreislauferkrankungen. Frauenherzzentrum in Kurz sozusagen.
DR. LENA SEEGERS
Ja, das fand ich selber erstaunlich. Also, ich habe bin für die Forschung halt nach Boston gegangen in also nach Amerika und habe dann dort festgestellt, dass es klinisch halt tatsächlich diese Frauenherzentren dort gibt.
DR. LAURA WEISENBURGER Die sind da schon etabliert.
DR. LENA SEEGERS
Die sind da, die gibt es da seit ja einem Viertel Jahrzehnt, also in so 1998 fing das an, dass sie damit angefangen haben. Und ich habe, als ich das erste Mal gelesen habe, dachte ich, ist ja merkwürdig, wieso braucht man denn ein Frauenherzzentrum? Ist das jetzt irgendwie ähm was Modernes, was jetzt ähm im Rahmen der Genderbewegung ist. Oder wofür braucht man das? Und ja, je tiefer man das in das Thema geht, sieht man halt ähm die Besonderheiten und was das Erstaunliche war, dass die dort tatsächlich dann die Mortalität sehr rasch senken konnten über die Jahre.
DR. LAURA WEISENBURGER Also genau ganz kurz, um das klar zu machen, genau das, was Sie ja jetzt auch sagen, was so wichtig wäre, ne, bei den Herzinfarkten, dass wir da eben von dieser Differenz Sterblichkeitsrate bei den Männern im akuten Herzinfarkt und bei den Frauen, dass wir da runterkommen, also dass wir die Frauen von ihrem hohen Niveau runterholen.
DR. LENA SEEGERS
Ganz genau. Und als ich dann wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin, dachte ich, es ist ja erstaunlich, hier gibt es ja sowas noch gar nicht. Und eigentlich in Europa, wenn man jetzt so weiter guckt, also zumindest universitär – es gab so einige ähm Kliniken, die haben sich da schon mit beschäftigt, auch mit dem Thema Frauenherzen, - aber wirklich auf universitärer Ebene hatte ich das ähm bis jetzt noch nicht gesehen und das war etwas, was wir nachholen müssen und dann getan haben.
DR. LAURA WEISENBURGER Ja, wenn man sie jetzt so darüber nachdenkt, gerade an der Universität dieses Thema zu positionieren und gleich am Anfang zu etablieren ist ja enorm wichtig, weil sonst kann ich das, also sonst muss ich mir das ja quasi selbständig so ein bisschen in meiner Ausbildung zur Kardiologin, zum Kardiologen erarbeiten. Wenn man jetzt sagt, man hat's in der Universität etabliert, ähm dann gehört das ja quasi zum Kurrikulum dazu, oder? Also kann man sich das auch so vorstellen? Machen Sie das?
DR. LENA SEEGERS
Ganz genau. Ja, ganz genau. Also, wir sind normalerweise von der Universität, wir sollen sind ja Vorreiter eigentlich für solche Dinge. Deswegen was glaube ich notwendig, dass wir jetzt hier angefangen haben und hoffentlich ähm andere Unikliniken uns das gleich tun werden. Und ähm das Besondere ist halt, dass wir an der Universität eben diese drei Punkte, Verein, Patientenversorgung, Forschung und Lehre. Und zu diesen drei Teilen soll eben auch das Frauenherzzentrum wirken und tut es auch. Also, dass man eben schon in der Lehre bei den Studierenden ähm eben früh auf das Thema aufmerksam macht, dort Vorlesung anbietet. Ähm dass wir Möglichkeiten haben, unsere Patienten besser zu versorgen, strukturiert zu versorgen und äh dann auch daraus Forschungsdaten natürlich zu generieren und ähm ja, neue Erkenntnis zu gewinnen.
DR. LAURA WEISENBURGER
Jetzt ist das Zentrum seit 2023 ähm gegründet, etabliert. Ähm wie sieht das bis jetzt so aus? Was haben Sie für ein Gefühl? Der zum einen der Zulauf, sprich, also funktioniert das? Kommen die Patientinnen auch zu Ihnen, finden die den Weg?
DR. LENA SEEGERS
Ja, also von der Patientenversorgung. Das wurde von Anfang an ähm sehr gut angenommen, also auch überregional muss man sagen. Ich habe viele Patienten, ambulante, Patienten der Frauenherzambulanz in meiner Sprechstunde, die ähm von weiter her fahren, weil sie sich zum Teil auch unverstanden fühlen.
DR. LAURA WEISENBURGER
Also gar nicht nur im Notfall, sondern auch geplant.
DR. LENA SEEGERS
Genau, erstmal also in erstmal in der Ambulanten Herzsprechstunde sind tatsächlich viele, die sich ein Termin machen und sich dort einmal vorstellen möchten und Und ansonsten haben wir natürlich eine enge Komparation mit der Geburtshilfe, mit der Gynäkologie, weil das letztendlich die die Themen sind, die die Frauen betreffen. Also, was uns ja unterscheidet, ist letztendlich die Menopause und ähm vorher meistens die Schwangerschaft, ne? Also, das sind erstmal die wichtigsten Punkte, die offensichtlich auf dem Herzen einen erheblichen Einfluss haben. Und das heißt, die Erkrankungen, die damit auch mitspielen, die halt in der Gynäkologie auffallen, die wir ja sonst erstmal gar nicht sehen, Diese Patienten, die sehen wir dann halt eben auch in der Frauenherzambulanz.
DR. LAURA WEISENBURGER
Was gibt's da für die Frauen speziell zu beachten, wenn wir jetzt mal uns die Phasen angucken, die ja so ein bisschen vulnerabler sind? Sprich, also unmittelbar nach der Schwangerschaft, glaube ich jetzt mal, das ist jetzt meine persönliche Vermutung, ist da viel am los oder ist es eher die Schwangerschaft selber?
DR. LENA SEEGERS
Das kommt drauf an. Also interessant ist, dass die Frau über die Lebensspanne ihr Risiko sehr viel stärker verändert als der Mann. Also erstmal kann man sagen, dass die Herzerkrankung, wenn wir jetzt bei den Herzkranzgefäßen bleiben, ähm Arteriosklerose 10 Jahre später in Durchschnitt startet als bei Mann. Das ist schon mal an sich ja erstaunlich, so dass die Vermutung nah liegt, dass die weiblichen Geschlechtshormone offensichtlich einen schützenden Effekt auf die Herzkranzgefäße haben. Nun ist es aber so, wenn bestimmte Ereignisse auftreten, wie z.B. in der Schwangerschaft Komplikationen, also da gibt es äh z.B. eine Erkrankung, die nennt sich Präeklampsie oder Eklampsie kennt man auch unter dem Begriff Schwangerschaftsvergiftung. Das heißt, dass es zu einem immensen Bluthochdruck kommt in der Schwangerschaft und ähm der auch gar nicht zu regulieren ist in manchen Fällen, ohne dass man halt akut das Kind, also akut bindet. Und dieser massive Bluthochdruck kann offensichtlich das Herz schädigen. Nicht sofort, aber so, also schon sofort, aber nicht so, dass es sich manifestiert ähm in den nächsten Jahren. Aber wir sehen bei diesen Patienten schon. Ja. bereits nach 10 Jahren in der gehäuften äh Anzahl das Vorkommen eben von Arteriosklerose, so dass diese Patienten einen eigenen Risikofaktor haben für einen Herzinfarkt. Und das ist daher wichtig zu erfragen einmal bei der Anamnese der Frau. Gab es denn in der Schwangerschaft solche Komplikationen? Das tun wir normalerweise routinemäßig nicht, wenn wir sonst ähm äh Patienten sehen. Und da wissen wir über die allgemeinen Risikofaktoren, ne? Rauchen, Diabetes, Cholesterin, aber ähm, dass man speziell nach Schwangerschaftskomplikationen fragen. Das kann auch ein Schwangerschaftsdiabetes sein. Auch da sehen wir ein erhöhtes Risiko für Frauen. Ähm mittlerweile wissen wir auch, die Anzahl der Geburten kann eventuell eine Rolle spielen, sodass ähm man da einmal eine spezielle Anamnese dazu machen muss. Und das andere, ich habe ja schon gesagt, ähm ein bisschen schützenden Effekt haben wir offensichtlich durch die Hormone ist, dass man einmal abfragt, wann denn die Menopause eigentlich eingetreten ist. Und da gibt es halt erhebliche Unterschiede, wenn wir jetzt von einer frühen Menopause sprechen, also die Frau, die, sagen wir mal, noch keine 40 ist und schon in die Wechseljahre kommt, sei es chirurgisch durch einen Eingriff, Gebärmutter muss entfernt werden, Eierstücke, was weiß ich oder ähm tatsächlich kann das auch so manchmal auftreten, dass ähm dann die Patienten schon in die vorzeitigen Wechseljahre kommt. Auch dann hat sie, ich sag mal, vom nicht vom chronologischen, sondern vom biologischen Gefäßalter einen anderen Unterschied als eine Frau, die regulär in die Wechseljahre kommt und das heißt, Frau ist nicht gleich Frau. Wir haben brauchen ein individuelles Risikoprofil, um diese Frauen ähm besser einschätzen zu können. Und diese Frauen, die kann man eben gut an ein Frauenherzzentrum anbinden, denn für die gibt es noch keine routinemäßige Versorgung. Also diese Frauen sollten eigentlich angebunden werden, wie wir sonst ja Patienten mit chronischen Erkrankungen, also z.B. Frauen, die ein Typ 1 Diabetes haben, die gehen auch vorzeitig schon zu verschiedenen Ärzten, einfach um zu gucken, ob dort ähm Schäden äh bereits zu sehen sind, ob man auf etwas reagieren muss rechtzeitig.
DR. LAURA WEISENBURGER
Jetzt hatten Sie am Anfang schon angesprochen, das ist in den USA komplett etabliert, da gibt's das einfach, das ist was völlig normales in der medizinischen Gesundheitslandschaft sozusagen. Ähm warum hinken wir da so fürchterlich hinterher? Ist das also was wussten äh was wusste USA früher als wir in Anführungsstrichen? oder ist das hat das mehr mit dem System zu tun?
DR. LENA SEEGERS
Mit dem System wahrscheinlich auch. Also dort ist das das Krankenkassensystem ja ein ganz anderes und die Versorgungslücke war dort noch sehr viel größer. Also, wenn man sich dort die Kurven anschaut, war die Sterblichkeit ähm unvergleichmäßig höher als bei Männern. Und ähm
ja, da ähm sind dann Frühärztin ähm auf die Idee gekommen, dass sie gesagt haben, da müssen wir was tun, da müssen wir aktiv gegenan. Auch ähm weil dort noch mehr als hier natürlich das Thema ähm Informationsverbreitung, also wie gehe ich überhaupt mit meiner Gesundheit um, wie ernähre ich mich richtig? Ähm muss mich bewegen, also viele Dinge, die ich würde mal sagen in der westlichen Welt hier in Europa mehr ähm etabliert sind als dort. Ähm dass man einfach schon in der Schule da darüber mehr lernt und dadurch hatten diese Frauenherzzentren noch diesen zusätzlichen Effekt, dass sie auch ähm einfach eine Kampagne brauchten, um auf die Straße zu gehen und zu sagen, ähm ja, äh ihr müsst euren Lebensstil ändern.
DR. LAURA WEISENBURGER
Jetzt ist es aber auch so, dass also ich kann mich erinnern, ich habe studiert, jetzt wird's arg äh also Ende 20 ja 2008 2009, da habe ich meinen Staatsexamen gemacht. Ähm und zu den allerletzten Kursen, die ich belegen konnte in der Charité, war einer der ersten Gendermedizinblöcke. Ja, da hat so angefangen so langsam, war so Blockseminar und das weiß ich noch, da haben wir auch über eben Herzinfarkt und Blutdruck und derartiges gesprochen. Das heißt, also sagen wir mal in den frühen 2000er Jahren war das durchaus wissenschaftlich schon bekannt. Es gab den dann langsam eben den Lehrstuhl Gendermedizin, dass man sich da so ein bisschen diesen Unterschieden mehr gewidmet hat. Aber jetzt haben wir ein bisschen recherchiert. Es ist erst dieses Jahr, es um Juni 2025 so eine ganz konkrete ähm Empfehlungsleitlinie kann man sagen, Konsensus Statement rausgekommen und unter anderem äh unter der Leitung von der Meduni in Wien ähm zur Therapie im akuten Herzinfarkt. Also das ist ja auch, ne, das sind jetzt, wir reden hier über fast 20 Jahre, die es dann braucht, bis da so ein Konsensus-Statement rauskommt. Ist das müssen wir schneller werden eigentlich?
DR. LENA SEEGERS
Also wahrscheinlich hat man, also das passt ja mit den 2000ern, dass man dort kurz den ja wie so einen Hype das kurz rüber genommen hat, was dort angefangen wurde, aber man hat es dann nicht konsequent weiter betrieben. Also sonst hätten wir ja hier flächendeckend auch Frauenherzzentren eingeführt und ähm dadurch ist das wahrscheinlich verloren gegangen, weil natürlich ein Genderlehrer Stuhl ähm hat noch nicht direkt was mit einer Patientenversorgung zu tun. Das heißt, eine Konsensus-Leitlinie ähm hat da wenig Berührungspunkte direkt erstmal mit der Lehre an sich dort und trotzdem ist es erstaunlich, dass es jetzt 25 Jahre gedauert hat und jetzt offensichtlich gerade wieder mehr dafür getan wird. Ja. Ich glaub, wir müssen das Positive rausnehmen.
DR. LAURA WEISENBURGER
Ja, dass jetzt ist eben die Zentren da sind auch in Deutschland, dass sie Lehre machen, ne, dass sie das auch gleich an die jungen Generationen, die danach kommen, im medizinischen Bereich weitergeben können und dass diese sich dann auch richtig orientieren können, dass sie nicht nur wissen, ja, Frauenherzinfarkt schaut wahrscheinlich anders aus, sondern dass die sich eine Leitlinie schnappen können und sagen können, was müssen man machen.
DR. LENA SEEGERS
Also, man muss dazu sagen, wir haben natürlich jetzt auch 25 Jahre mehr Forschungsdaten, das ist nicht unerheblich, ne? Wenn man sieht die Studien in den 70er/80er-Jahren anschaut 0% Fraueneinschluss.
Das war so gewollt eben, damit man nicht so eine heterogene Gruppe hat. Wir haben über das unterschiedliche Risiko gesprochen. Das hat man auch schon früh erkannt, dass das so ist. Und gerade deswegen hat man die Frauen auch schnell rausgenommen und gesagt, ja, unsere Daten kommen durch völlig durcheinander. Wenn wir jetzt da so eine heterogene Gruppe einschließen, wo die jungen Frauen niedriges Risiko haben und die Älteren dann auf man überproportional starkes. Hinzukommt der Contergan-Fall mit den Medikamentenstudien, dass man gesagt hat, Frauen sollen überhaupt nicht mehr an Medikamentenstudien teilnehmen. Ähm habe das selber so im Studium auch noch gelernt, dass nur die ähm also das nur an jungen männlichen Probanden ein Medikament getestet werden soll. Und damit ähm ja haben wir natürlich künstlich äh uns herbeigeschaffen, dass wir da sehr stark hinterherhinken und wir haben jetzt immer hin in den 2000ern ist es immer noch weniger Studieneinschluss mit rund 30%, aber es wurden überhaupt Daten gesammelt, ne? Und man hat dann gerade so um 2000 auch ähm versucht mehr über die Geschlechtshormone rauszufinden. Hat dann die eine Studie, die dann abgebrochen werden musste, weil die Idee war, na ja, Östrogen ist schützend, also nehmen wir das alle mal ein. Nach der Menopause hat man die tatsächlich dann abgebrochen, weil man gesehen hat, Brustkrebsrate steigt an, es kommt zu Herzinfarkten, ähm wenn man das hochdosiert nach der Menopause in als Tablette gibt. Mittlerweile sind wir da ein bisschen weiter. Ähm, aber letztendlich haben wir da einfach dann doch neue Erkenntnisse gewonnen, so dass man ähm dann sagen kann, jetzt nach 25 Jahren gab es vielleicht einen Grund, dass man jetzt auch sagen kann, wir können so ein man kann so ein Statement rausbringen, weil wir einfach auch mehr mehr noch wissen.
DR. LAURA WEISENBURGER
Sind Sie da als Frauenherzzentrum auch irgendwie involviert in die Planung, wie Wie können wir, weil wir brauchen die Forschung ja, ne? Also klar, sie haben gesagt, die Daten wurden so ein bisschen auseinandergenommen, damit man da klarere Aussagen treffen kann. Hat dann dann aber so ein bisschen vergessen, die eine Gruppe eben wieder reinzunehmen, dass die ja auch beforscht werden muss, um Aussagen für eben jetzt gerade die risikobetroffen älteren Frauen treffen zu können. Aber können Sie sind sie da beraten tätig oder wird, überlegen sie da vielleicht auch zusammen, wie können wir trotzdem die Daten bekommen, also sozusagen Forschung mit Frauen, wie wie ist es trotzdem möglich, wie kann das gehen, damit wir weil wir brauchen ja irgendwoher die Erkenntnisse, ne? Wenn wir evidenzbasiert therapieren wollen, müssen wir die Evidenz woher bekommen?
DR. LENA SEEGERS
Absolut. Also, es tut sich im Moment unglaublich viel auf politischer Ebene, auch wenn verschiedene Gelder dafür zur Verfügung stellt. Ich kriege tatsächlich sehr viele Anfragen im Moment. Da wird sicherlich in der Zukunft mehr tun. Das denke ich schon.
DR. LAURA WEISENBURGER
Dass man dann auch Studiendesigns hat, die das ermöglichen auch Frauen im gebärfähigen Alter mit zu inkludieren oder eben gezielt auf die Frauen zu schauen, die älter sind.
DR. LENA SEEGERS
Genau. Also das tun wir ja schon zum Teil, aber halt immer noch zu wenig. Ich denke, das Problem allgemein ist bei den Forschungen, dass wir natürlich viel auch von der Industrie, von Forschungsgeldern abhängig sind, ne? Also die hauptsächlichen Finanzen kommen daher und auch dort sollen natürlich möglichst eindeutige Ergebnisse generiert werden und Ähm entsprechend muss man da sehr stark nachhalten, dass auch wirklich Frauen gleichzeitig anteilig eingeschlossen werden, ne? Aber es tut sich auf jeden Fall was. Also es jede Studie muss ja durch eine Ethikkommission und wurde jetzt auch schon von den Ethikkommissionen ähm gefordert, dass neuartige Präparate oder auch neuartige Studien zu gleichen Teilen Männer und Frauen einschließen sollen. Das gilt auch schon für die Tierversuche. Wir brauchen das ähm die Versuche auch an weiblichen Tieren durchgeführt werden müssen.
DR. LAURA WEISENBURGER
Wir sind ja jetzt ein Podcast, der auch so ein bisschen immer versucht, zumindest wenn sich das Thema anbietet, was können wir quasi den Kolleginnen, Kollegen in den Praxen, in den Kliniken, in den Ambulanzen mit an die Hand geben? Gibt's irgendwas, wo Sie sagen, ja, bitte und dann einfach nur wenn nur wenn man den einen Punkt mal mitberücksichtigt, also wie kann man sozusagen das ein bisschen verbessern, dass diese Versorgungsungleichheit. Kann man da ein bisschen gegenwirken, wenn man im am Tisch sitzt vor den Patientinnen, Patienten steht? Was kann ich sozusagen selbst tun?
DR. LENA SEEGERS
Ja, also ich glaube, es ist auf beiden Ebenen. Es ist einmal auf der Arztebene natürlich, dass wir Therapien genauso oft anbieten sollten. Ähm, das haben wir strukturiert bereits eingeführt mit unseren sogenannten Chest Pain Units. Also, dass wir in der Notaufnahme so eine spezielle Einheit haben, wo jeder ein EKG geschrieben bekommt und ähm das müssen wir halt auch weiter konsequent durchfinden, denn wenn wir aktuell uns angucken, dass Frauen schon präklinisch vom Notarzt weniger Medikamente bekommen, selten an EKG geschrieben, der Arztkontakt sehr viel später ist, das zieht sich in der Notaufnahme durch, dass Frauen erst später gesehen werden und dass man dort möglich standardisiert einmal einmal rangeht. Ähm und da spielt die Kommunikation natürlich auch eine große Rolle. Also So, Frauen kommunizieren anders als Männer, das wissen wir. Und es ist auf der Patientenebene wiederum, ich sag mal, wir haben ja jetzt den anders als früh, wir haben mehr den mündigen Patient, das wollen wir auch, das ist auch richtig. Ähm, aber das führt natürlich auch ähm stärker zu Misstrauen zum Teil oder zu ja, erstmal nicht unbedingt ähm, also wir entsprechen Empfehlung aus und nicht unbedingt wird dann die Medikament auch eingenommen. Also, wenn wir jetzt über das große Thema, wir haben ja mittlerweile ganz gute Daten, wie eigentlich ein Herzinfarkt entsteht, wie Arteriosklerose entsteht, das kommt nicht über Nacht, das dauert auch etwa 10 Jahre. Das heißt, wenn wir als Frau 10 Jahre später dran sind als der Mann, haben wir etwa eine Spanne von 20 Jahren später Herzinfarkt und das ist nicht wenig. Das heißt, das ist eine Spanne, der wir sehr viel für unsere Gesundheit selber tun können. Und dazu gehört dieses große Thema der Prävention auch schon. Also gibt's einmal die Primärprävention, wenn man noch gar nichts an den Herzkranzgefäßen hat, aber auch die Sekundärprävention, wenn ich sage, ich sehe da schon ein paar Plugs bei ihnen, wir müssen jetzt zusehen, dass das nicht mehr wird und das ist ein schwieriges Thema, weil da Frauen auch nicht unbedingt compliender sind, was ähm eine dauerhafte ähm Medikamenteneinnahme angeht, z.B. Also der Bluthochdruck z.B. ist bei Frauen chronisch untertherapiert über Jahre. Sie kriegen einerseits Medikamente, weniger Medikamente verschrieben, sie nehmen aber auch weniger ein. Das gleiche sehen wir bei den Cholesterinsenkern leider auch. Frauen erreichen weniger oft diese Zielwerte, die wir uns wünschen würden beim Cholesterin und gleichzeitig ähm es wird in seltener Therapie angeboten. Sie nehmen aber auch das seltene ein, dann ist halt die Frage, antizipieren die Ärzte, dass sich sowieso nicht einnimmt oder ähm ja, wo wo liegt da eigentlich dann der Fehler? Und ähm das liegt natürlich unter anderem auch darin, dass diese Erkrankung auftreten in einer Phase, wo die Frau sich noch ganz gesund fühlt. So gerade nach der Menopause steht mitten im Leben. Bluthochdruck tut nicht weh, Cholesterin auch nicht und ähm man sieht jetzt eigentlich nicht ein, dass man jetzt so jeden Morgen so ein Pillenpöttchen lebenslang vor sich stehen haben muss, wie bei seiner Großmutter. Ja, das bringt uns vor Herausforderung. Wir müssen an das Thema Prävention noch sehr viel mehr ran ähm um dann auch den Herzinfarkt äh letztendlich zu verhindern und ähm dann dort das Outcome zu verbessern.
DR. LAURA WEISENBURGER
Dazu haben wir vielleicht die jetzt auch ein bisschen beigetragen, hoffentlich. Das ist jedenfalls immer ein frommer Wunsch, den wir natürlich hier auch im Team haben, dass die Themen auch irgendwie ankommen und gehört werden. Ich, man merkt, da ist noch ganz ganz viel. Ja, wir müssen so ein bisschen aufholen, da wird noch mehr kommen. Ist eine super spannende Geschichte und ja, genau, ich hoffe, es haben der eine oder die andere hier was mitgenommen. Mich hat es auf jeden Fall sehr gefreut, dass wir uns dazu unterhalten konnten. Es kommt ja jetzt auch noch der Herzmonat, also wo es eben genau darum geht, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen und auch, wo es um Prävention gehen muss und soll. Vielen herzlichen Dank, dass Sie da waren.
DR. LENA SEEGERS
Gerne.
DR. LAURA WEISENBURGER
War ein wunderbares Gespräch.
DR. LENA SEEGERS
Vielen Dank.
DR. LAURA WEISENBURGER
Das war unser ‘ne Dosis Wissen Spezial zum Thema Frauenherzen und Frauenherzesundheit. Ich hatte ja schon am Anfang gesagt, das hier ist nur der Startschuss für die Herzwochen, die jetzt im November kommen. Und wir haben wie gesagt auch ein spezielles Heft bzw. eine Titelgeschichte. Meine Kolleginnen Sonja Gibis und Birgit Ruf haben dafür auf der Chest-Pain-Unit recherchiert, haben sie besucht, haben dort mit betreuenden Ärztinnen und Ärzten gesprochen und auch Lena Seegers könnt ihr in dem Heft wiedertreffen. Da kann man quasi noch mal ein Interview lesen, wenn euch das noch lieber ist. Das Heft gibt's ab morgen in der Apotheke vor Ort.
SPRECHER
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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